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Zum Abschuss freigegeben: Sarah Palin und die Gegner im Fadenkreuz

Zielscheibe Amerika

Das Attentat auf die demokratische Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords im US-Bundesstaat Arizona lässt Amerika innehalten. Aber machen wir uns nichts vor: Es wird nicht lange dauern, dann wird weitergeschossen im politischen und medialen “Kampf” um Wählerstimmen. Ganz vorne an der Front: Sarah Palin, Ex-Gouverneurin des US-Bundesstaates Alaska mit Ambitionen aufs Präsidentenamt.

Wahlkampf in den USA ist zweifellos von einem anderen Kaliber – um mal im Bild zu bleiben – als bei uns. Seit Obamas Wahl und vor allem während der Debatten um die Gesundheitsreform wurde rhetorisch erheblich aufgerüstet, manches davon drang sogar bis in unsere Feuilletons vor. Und nun fragen sich alle: Hat diese Radikalisierung und Militarisierung der politischen Debatte dazu beigetragen, dass ein Irrer auf Worte Taten folgen lässt und in einem Amoklauf mehrere Menschen verletzt und tötet? Schwer zu beantworten.

Sicher aber ist: Manchen ist die Kriegsrhetorik und -symbolik der letzten Wochen und Monate nun etwas peinlich. So hat Sarah Palin eine Grafik von ihrer Webseite entfernen lassen, auf der gegnerische Wahlkreise mit Fadenkreuzen anvisiert wurden. Die Botschaft war unmissverständlich: Der politische Gegner ist zum Abschuss freigegeben. Aber zum Glück vergisst das Internet nichts, und solche Fehlgriffe sollten bis ans Ende aller Zeiten archiviert werden – wozu ich gerne meinen Beitrag leiste. Hier also die Grafik. Auf Platz 4 der Abschussliste: Gabrielle Giffords.

Aber was heißt schon “von ihrer Webseite entfernen lassen” … Auf Sarah Palins Facebook-Seite ist die Grafik nach wie vor verfügbar. Ihr Kommentar dazu:

We’ll aim for these races and many others. This is just the first salvo in a fight to elect people across the nation who will bring common sense to Washington.

Hinterher hat’s natürlich keiner so gemeint und alle sind empört, dass man auch nur denken könne, das eine (die virtuelle Abschussliste) habe irgend etwas mit dem anderen (dem realen Amoklauf) zu tun. Frau Palin zeigt sich auf Ihrer Webseite betroffen und betet nun für den Frieden:

My sincere condolences are offered to the family of Rep. Gabrielle Giffords and the other victims of today’s tragic shooting in Arizona. On behalf of Todd and my family, we all pray for the victims and their families, and for peace and justice.

PS: Die Scharfschützen-Grafik auf Sarah Palins Facebook-Seite ist wie gesagt noch online. Doch nicht nur das. Ebenfalls online auf der Seite ist der übliche Facebook-Zähler, der anders als mancher Politiker entwaffnend ehrlich ist. Er verkündet unter der Grafik: “19.522 Personen gefällt das”.

  1. Torsten #

    … die Rechtsaußen bei den Republikanern, ihre dumm-dreiste Tee-Zeremonie und die Wahnsinnigen der protestantischen Freikirchen werden den Absturz der USA in die zweite der Reihe der Industrieländer und Demokratien weiter forcieren. Die Handelsbilanz liest sich schon wie bei einem Schwellenland, die freiheitlichen Grundrechte haben den Standard eine mittelamerikanischen Bananenrepublik erreicht und der Dollar hat die letzten 10 Jahre seiner Leit(d?)funktion erreicht. Ändern kann man diese bitteren Trends natürlich nur, indem man die US-Waffengesetze weiter liberalisiert … High-Noon, – raus aus dem Saloon ! ;-)

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    10. Januar 2011
    • Torsten #

      … ich hatte das eigentlich ironisch gemeint, aber die Realität schlägt heute den frechsten Zynismus in kaum 24 Stunden !

      Amerikas Waffenlobby rüstet auf

      (…) Jetzt brauche das Land noch mehr Schusswaffen. Manche Politiker wollen sogar mit der Knarre zur Arbeit gehen. (…)
      Von Marc Pitzke, New York

      http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,738785,00.html

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      11. Januar 2011
  2. Während rechte Kreise in den USA heftigst jedwede Verantwortung (juristischer oder wenigstens moralischer Natur) abstreiten, posaunen verschiedentliche Meinungsmacher bereits heraus, dass die nun offenbar angeblasene Treibjagd auf Republikaner genau so hasserfüllt sei wie das Attentat in Arizona. In ein ähnliches Horn bläst auch Marc Hujer im Spiegel Komentar “Amerikas Verwirrte Debatte”.
    Seltsam, wie schnell Opfer wieder zu Tätern gemacht werden. Seltsam auch, dass die “political correctness” es zu erfordern scheint, dass alle Situationen immer symmetrisch gesehen werden müssen. Die Republikaner predigen Hass? Nun die Demokraten tun das ja auch. Die Republikaner Lügen die Wählerschaft an? Nun, die Demokraten tun das ja auch. Ad nauseam. Aber die Situation ist nicht so symmetrisch wie uns die “fence sitters” glauben machen wollen. Zugegeben, es mag meiner eigenen politischen Ansichten geschuldet sein, dass ich hier nicht völlig neutral urteilen kann (das kann vermutlich tatsächlich niemand). Aber es gibt Asymmetrien im System die einfach unübersehbar sind. So gibt es beispielsweise kein linksliberales Pendant zum rechtskonservativen Propagandasender FOX News. Eine Studie hat jüngst übrigens gezeigt, dass FOX News Konsumenten am wenigsten über die politischen Fakten (nicht: Meinungen) im Land Bescheid wissen. Und es gibt keine linksliberalen Gegenstücke zu Medienstimmen wie Glenn Beck, Rush Limbaugh, Ann Coulter oder Bill O’Reilly. Etliches was diese Leute so von sich geben gälte in Deutschland als Volksverhetzung. Die bekanntesten linken Kommentatoren — Jon Stewart und Stephen Colbert — spielen in einer deutlich anderen Liga. Und von den fundamentalistischen religiösen Hasspredigern wollen wir einmal gar nicht erst anfangen.
    Die nahe Zukunft wird zeigen, ob das Attentat politisch motiviert war oder nicht. Aber Tea Party Vertreter, die Karten mit Fadenkreuzen auf ihren Webseiten veröffentlichen, und die Sprüche wie “Do not retreat! Instead – reload” (nicht nachgeben, stattdessen: nachladen) herausposaunen, sind jetzt verdammt noch mal in der Pflicht sich dafür zu entschuldigen (nicht für das Attentat, aber für die Sprüche!). Die jetzt bezeugten Mitleidsbekundungen wirken nämlich ansonsten wie abgenötigt und heruntergeleiert. Was nur ist aus dem Land geworden, in dem einmal Thomas Jefferson, Benjamin Franklin, oder Abraham Lincoln lebten?

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    10. Januar 2011
  3. Ihr habt beide so Recht, dass mir nichts weiter mehr einfällt. Ich war ja nun, anders als du, Markus, schon ewig nicht mehr in den USA, aber aus der Ferne betrachtet macht einen das Land wirklich ratlos. In good old Germany ist ja weiß Gott nicht alles Gold, was glänzt, aber eine so extreme und irrationale Polarisierung einer kompletten Nation kann zu wenig Gutem führen und wäre hier bei uns doch ziemlich undenkbar. Wir spielen vielleicht mal ein kleines Provinz-Laienschauspiel mit Guido vs. Horst oder Sigmar vs. Angela, aber das war’s dann. Und darüber können wir verdammt froh sein …

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    10. Januar 2011

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