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Der wahre Grund für die Finanzkrise

Sonne, Mond und Sterne

Dachtet ihr bisher auch, die große, böse Finanzkrise der letzten Jahre sei eine furchtbar komplizierte Angelegenheit? Und die Gründe wahnsinnig vielschichtig? Immobilienspekulation, Kreditprobleme, Lehman-Zertifikate, systemkritisches Bankenrettungs-Zeugs und so weiter? Falsch gedacht.

In Wahrheit ist die Sache ganz einfach. Den echten Grund für die Finanzkrise habe ich am Wochenende im Magazin der Süddeutschen Zeitung entdeckt. Dort findet sich ein Interview mit der “Astro-Unternehmerin Manuela Schmidt”, Inhaberin der Firma “Expert-Call” aus Düsseldorf. Dort bekommt der geneigte Anrufer “Lebensberatung, Astrologie und mehr. Experten schaffen eine Atmosphäre, in der Sie sich wohlfühlen und sich verstanden wissen. – Denn wir sind mit Herz und Kompetenz für Sie da.”

Florierender Astro-Markt

Na, wie dem auch sei. Frau Schmidt selbst ist keine Astrologin (glaubt aber seit sie denken kann an die Astrologie), sondern Unternehmerin, und ihr Geschäftsmodell funktioniert offenbar recht gut, denn sie beschäftigt rund 200 “Astrologen und Kartenleger”, die den Leuten ein Ohr abquatschen und dabei das Geld aus der Tasche ziehen gegen ein kleines Entgelt die Zukunft voraussagen.

Und warum brummt das Geschäft? Warum ist der Astro-Markt in den letzten Jahren stark gewachsen, wie Frau Schmidt sagt? Darum:

Bei uns rufen viele Banker und Manager an. Einige Manager machen keine Vertragsabschlüsse mehr, ohne vorher unsere Astrologinnen zu befragen. (…) Natürlich geht es den meisten Anrufern um die Liebe. Aber die Wirtschafts- und Finanzberatung ist gerade in den letzten Jahren sehr wichtig geworden.”

Da haben wir’s. Deshalb die ganzen Bankenpleiten. Deshalb lag unsere Wirtschaft am Boden. Weil unsere Banker und Manager ihr Handeln davon abhängig machen, ob der linksdrehende Aszendent von Merkur im Kernschatten des zweiten Saturn-Monds (von rechts betrachtet) steht oder nicht. Na, servus …

Frauen in Bayern

Die Aussagen von Frau Schmidt geben einem noch in manch anderer Hinsicht zu denken. Beispiele gefällig? Bitteschön: Antwort auf die Frage, wie viele Männer und wie viele Frauen bei der Astro-Hotline anrufen:

Etwa zehn Prozent Männer, neunzig Prozent Frauen.

Noch schockierender die geographische Verteilung:

Hamburger und Flensburger rufen fast gar nicht an. Die glauben nicht an die Sterne. Die Bayern sind die Spirituellsten.

Oh Schreck, ich wohne in der Astro-Hochburg Deutschlands. Langsam bekomme ich Angst vor den bayerischen Frauen … (Die Familie meiner Frau kommt übrigens aus Hamburg, um das gleich mal klarzustellen.)

Astrologie mit Brief und Siegel

Besonders gut gefällt mir die Antwort auf die Frage, ob für Frauen die Astro-Hotline das sei, was für Männder die Sex-Hotline ist:

Das kann man so nicht sagen. Auf den Sex-Hotlines werden Illusionen verkauft.

Haha, sehr schön. Diese gemeinen Sex-Hotlines handeln mit Illusionen, nicht zu fassen. Gut dass es die seriöse Astrologie gibt! Gibt es denn bei den Astrologen irgendwelche nachvollziehbaren Prüf- oder Qualitätsinstanzen?, fragt das SZ Magazin … Antwort:

Es gibt einen deutschen Astrologen-Verband, bei dem Astrologen Mitglied werden können.

Na, ein Glück. Es gibt also nicht nur dahergelaufene Feld-, Wald und Wiesen-Astrologen, sondern auch geprüfte Astrologen-Verbands-Astrologen. Ich muss bei Gelegenheit mal recherchieren, ob der Astrologen-Verband zusammen mit dem Fengshui-Verband, dem Geomantie-Verband, dem Lebennachmondphasen-Verband, dem Nostradamushatdochrecht-Verband und dem Diemondlandungwareinefälschung-Verband gemeinsam im großen Lirumlarumschwurbel-Dach-Verband organisiert ist.

Aber das letzte Wort in diesem Beitrag soll Frau Schmidt gehören. Warum nochmal ist sie erfolgreiche Unternehmerin geworden? Na, weil sie wie die meisten erfolgreichen Unternehmer eine ordentliche Existenzgründungsberatung in Anspruch genommen hat:

Ich bin schon immer zu Astrologen gegangen. 1989 war ich bei einer Indianerin in Essen, die mir voraussagte, dass ich einmal erfolgreich selbstständig arbeiten werden.

*seufz*

Das vollständige Interview könnt ihr online im SZ Magazin nachlesen.

Bildnachweis: Hans Georg Staudt / www.pixelio.de

  1. Ich habe über Weihnachten in einer Fernsehzeitschrift (deren Name ich respektvoll verschweige) eine doppelseitige “Reportage” über Wahrsagerei und Kartenlegen gelesen, in der ebenfalls viel Haarsträubendes stand. Es wirft einen schon um, wenn solche Scharlatane sich damit brüsten, dass Personalchefs zu ihnen kommen, ausgerüstet mit den Geburtsdaten der Bewerber, und sich dabei helfen lassen, den richtigen einzustellen.
    Wie bitte? Man darf inzwischen, glücklicherweise, nicht mehr wegen Dingen wie Geschlecht, Alter, Religionszugehörigkeit etc. diskriminieren, aber dass mir mein Horoskop die Einstellung verbauen kann ist wohl noch gestattet? Mal abgesehen davon, dass man in solchen Unternehmen vielleicht gar nicht arbeiten möchte, finde ich dieses Vorgehen in höchstem Maße bedenklich. Dass die Reporter da nicht nachgehakt haben ist wohl der Abwesenheit jedweden Niveaus derartiger Zeitschriften geschuldet, in denen man (außer dem Fernsehprogramm) nix ernst nehmen darf. Aber wenn ich mit deren hohe Zirkulationszahlen ansehe, dann wird mir doch Angst und Bange, wie vielen Leuten da um der Absatzzahlen wegen irgendein Müll fahrlässig verkauft wird. Nächste Woche ist es Homöopathie. Übernächste die Wunderheilkraft der Tränen einer weinenden Marienstatue in irgendeinem gottverlassenen Wallfahrtsort (samt Telefonnummer, wo man ein Fläschchen bestellen kann).
    Manchmal weiß ich halt auch nicht mehr, wo ich lebe. Die überbordende Irrationalität vieler meiner lieben Zeitgenossen ist etwas, das ich so gar nicht nachvollziehen kann. Vielleicht wird es ja tatsächlich immer dringlicher, nach außerirdischer Intelligenz zu suchen, denn hier auf der Erde scheint selbige gerade dabei zu sein, auszusterben.

    17. Januar 2011

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