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Sektempfang für den Massenmörder

Norwegen

Nach einer total intensiven Woche, in der ich mich mit total anderen Dingen beschäftigt habe als denen, die sonst hier im Blog eine Rolle spielen, ein kurzer Nachtrag zum Thema Attentat in Norwegen. Ich möchte nur auf den besten Artikel zum Thema hinweisen, den ich gelesen habe – und dann bin ich auch schon wieder still …

Dieser Artikel von Nils Minkmar ist unter dem Titel “Wahn und Sinn” vergangenen Sonntag in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erschienen. Nun habe ich ihn auch online entdeckt und möchte ihn dringend zur Lektüre empfehlen. Minkmar ist übrigens einer der Gründe, warum ich diese Zeitung kaufe und lese. Seine Beiträge sind immer eine Bereicherung. Aber das nur am Rande.

Auch wenn ich dagegen bin, den Täter in den Mittelpunkt zu stellen (was ich ja hier bereits geschrieben habe), ist Minkmars Einordung unbedingt lesenswert. Zum Beispiel was die Frage angeht, ob wir es hier mit einem singulären Psychopathen zu tun haben:

Wahnsinn ist, wie der Verrat, eine Frage des Datums. Ein Einzelkämpfer, der eine Bombe bastelt, zündet und noch am selben Tag einen Massenmord an Sozialdemokraten begeht, hätte mit Geldprämien, höchsten Ehren und einem Sektempfang in Berlin rechnen können – gerade mal ein Menschenleben ist das her. Waren die Angehörigen der Einsatzgruppen und der SS alle geisteskrank, die Operation Barbarossa ein kollektiver Amoklauf? Die Kategorien der forensischen Psychiatrie helfen nicht weiter: Dies ist eine Tat, die wir im Lichte der Geschichte des 20. Jahrhunderts betrachten müssen, denn wir kennen Breivik schon lange. Wir hatten ihn bloß vergessen.

Oder die Frage, ob es Sicherheit und Schutz vor solchen Leuten geben kann, wie manche Politiker mit dem stereotypen Ruf nach mehr Kontrolle suggerieren:

Nicht viele Menschen kombinieren Breiviks Ansichten mit seiner Entschlossenheit, Ausdauer und kriminellen Phantasie, aber es sind doch genug, um Grund zu höchster Besorgnis zu geben. Wie schützen wir uns? Durch Aufklärung und natürlich mit allem, was Polizei und Nachrichtendienste vermögen. Und darüber hinaus? Gar nicht. Es ist unsere Verwundbarkeit, die von Jean-Claude Carrière in einem schönen Buch gerühmte fragilité, die uns von solchen waffenstarrenden Tempelrittern unterscheidet und die unsere Menschlichkeit ausmacht.

Also: Lest das bitte mal.

PS: Die FAS verzichtete freundlicherweise auf ein Foto des Massenmörder, das man ja leider an allen Ecken und Enden im Web, im Print, im TV und sonstwo ansehen musste. Insofern danke, liebe Redaktion, dass ihr meinem getwitterten Wunsch gefolgt seid:

  1. “Das bedeutet nicht, den nächsten Anschlag passiv abzuwarten, es ruft dazu auf, die Debatten nicht kosmisch werden zu lassen. Die Fragen von Immigration und vom Kampf der Kulturen konkret zu halten, faktenbasiert und im Dialog mit den anderen. Rasse, Religion und Kultur nicht als Synonyme zu verwenden, sondern zu differenzieren, über einzelne Schritte und sachliche Fragen zu reden und keine Panik zu machen.” , ist auch sehr wahr (aus dem gleichen Artikel)

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    5. August 2011
  2. FF #

    “Ein Einzelkämpfer, der eine Bombe bastelt, zündet und noch am selben Tag einen Massenmord an Sozialdemokraten begeht, hätte mit Geldprämien, höchsten Ehren und einem Sektempfang in Berlin rechnen können – gerade mal ein Menschenleben ist das her.”

    Herrn Minkmars “Schreibe” in allen Ehren, aber das ist – auch wenn es sich steil anhört – Unsinn. Die Wehrmacht, auf die M. hier wohl anspielt, sah für einfache Soldaten keine Prämien vor, gar “Dotationen”, auch nicht für “Bombenbasteln” oder “Massenmorde an Sozialdemokraten”. Das “Ritterkreuz” etwa war nicht mit Zuwendungen verbunden. Weiterhin: Krieg/Armee/Soldat versus Frieden/Zivilist/Verbrecher.

    Sorry, aber mir widerstreben einfach effekthascherisch-schiefe historische Vergleiche. Gerade dann, wenn sie “gut gemeint” sind.

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    6. August 2011

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