Zum Inhalt springen

Über Datenschutz und einen Halloween-Alptraum

Peter Schaar und Halloween

Eigentlich wollte ich heute etwas über mein besonderes Verhältnis zu Halloween schreiben. Aber jetzt muss ich doch nochmal etwas zum Thema Internet und Datenschutz sagen. Mit einem kleinen Nachschlag zum Thema Halloween …

In der heutigen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung hat Bundesdatenschützer Peter Schaar ein Interview gegeben, das ich in Teilen bemerkenswert fand. Vor allem diese Aussage, nachdem er von der SZ gefragt worden war, warum er ein eigenes Facebook-Profil hat:

Ich nutze das Netzwerk wenig, jedenfalls für private Zwecke. Zum einen ist meine Teilnahme eine Art Selbstversuch. Ich will nicht wie ein Blinder über die Farben reden. Zum anderen gebe ich dort Hinweise auf meine Beiträge zu aktuellen Debatten.

Blinde und Sehende

Damit ist Schaar manchen seiner Datenschutz-Kollegen um Lichtjahre voraus, die andauernd nicht nur wie Blinde über Farben reden, sondern als Blinde den Sehenden Vorgaben machen wollen, wie sie mit Farben umzugehen haben (Thilo Weichert etwa oder Johannes Caspar).

Und doch: Schaars Aussagen verdeutlichen auch, warum viele Datenschützer an denjenigen, die sie schützen möchten, vorbeidiskutieren und -argumentieren. Im Interview lässt Schaar mehrfach verstehen, dass ihm zu viel Privatheit in sozialen Netzwerken suspekt ist. Schaut man sich sein Facebook-Profil an, wird deutlich, dass er in diesen Netzwerken nicht nur Privates meidet, sondern auch jeglichen Dialog. Er benutzt Facebook ausschließlich zur Distribution eigener Statements und verlinkt auf Interviews. Auf Rückfragen in Kommentaren geht er kaum ein, Diskussion findet nicht statt.

Arrogant-herblassendes Kopfschütteln

Das ist in Ordnung, jeder darf Facebook nutzen, wie er möchte. Aber er soll bitte nicht glauben, dadurch auch nur ansatzweise verstehen zu können, was diese Netze für andere, insbesondere für die viel zitierten “Digital Natives” bedeuten. Das auszublenden ist nicht weit entfernt von jenem arrogant-herablassenden Kopfschütteln meist älterer Zeitgenossen, mit dem sie die Mediennutzung Jüngerer kommentieren (“Meine Güte, ich kann gar nicht verstehen, wie man so viel Zeit im Internet verbringen kann / wie man so viel Privates von sich preisgeben kann / wie man Bilder von einer Party hochladen kann” etc. etc.).

Es nützt alles nichts: Man muss vorbehaltlos akzeptieren, dass über 20 Millionen Deutsche Facebook nutzen, und zwar auf unterschiedlichste Weise – und jede davon ist legitim! Von langweilig bis unterhaltsam, von beruflich bis privat, von sensibel bis derb, mit oder ohne Texte, Fotos und Videos von allen möglichen vorzeigbaren oder zweifelhaften Situationen.

Keine Moralapostel und Medienerzieher

Und warum muss das sein? Weil Datenschützer keine Moralapostel und keine Medienerzieher sind, sondern Dienstleister der Bürger eines Landes – auch derjenigen mündigen Bürger, die sich für Facebook als Plattform entschieden haben. Dann, und erst dann kann man sich seriös Gedanken darüber machen, welche Rahmenbedingungen gegeben sein müssen, um berechtigten Datenschutzinteressen zu ihrem Recht zu verhelfen.

Mit anderen Worten, um im Bild zu bleiben: Peter Schaar hat entdeckt, dass es Schwarz und Weiß gibt. Das ist ein toller Fortschritt gegenüber denen, die gar keine Farben unterscheiden können. Aber die Entdeckung der kunterbunten Wirklichkeit hat er noch vor sich.

***

Ach ja, Halloween … Zu diesem “Fest” habe ich ein ziemlich gestörtes Verhältnis. Aber nach einigen Jahren, in denen ich sehr zuverlässig immer am 31. Oktober einen “Ich hasse Halloween”-Tweet abgesetzt habe, sehe ich die Dinge inzwischen gelassener. Und das hat natürlich mit meinem Kindern zu tun. Sie freuen sich schon seit Tagen darauf und führen ausführliche und sehr ernsthafte Diskussionen darüber, wie sie sich verkleiden sollen. Gestern haben sie sich zwei Stunden lang ein kleines Gedicht ausgedacht (!), das sie aufsagen wollen, um dafür dann von den Nachbarn mit Süßem belohnt zu werden.

Heute Morgen überraschte mich mein Mittlerer dann mit der Aussage: “Papa, ich hatte heute Nacht einen Halloween-Alptraum!” Au weia, dachte ich. Er hat bestimmt von Hexen, Zombies und ähnlichen Monstrositäten geträumt und konnte deshalb stundenlang nicht schlafen. Aber nein: “Ich habe geträumt, ich habe Halloween verpasst …” Na, wenn das schon Alpträume auslöst, sollten wir den Kindern einfach ihren Spaß lassen … ;-)

Bildnachweis: Wikipedia / Conny-T. http://www.pixelio.de

  1. Man muss Privates von sich bei FB preisgeben, damit man versteht, warum man Privates von sich bei FB preisgibt?
    Man muss Partyfotos hochladen, damit man versteht, warum man Partyfotos hochlädt?
    Man muss bei FB angemeldet bleiben, um die bei FB Angemeldeten zu verstehen?
    Mit solcher Dialektitk kann man bestimmt auch jedwede Nutzungsweise der 20 Mio. deutschen Nutzer von FB legitimieren.

    „Papa, ich hatte heute Nacht einen Facebook-Alptraum!“ Au weia, dachte ich. Er hat bestimmt von Datenschutzlecks, Identitätsdiebstahl, peinlichen Fotogalerien, der Timeline und ähnlichen Monstrositäten geträumt und konnte deshalb stundenlang nicht schlafen. Aber nein: „Ich habe geträumt, es gäbe kein Facebook mehr…“ Na, wenn das schon Alpträume auslöst, sollten wir den Kindern einfach ihren Spaß lassen…

    31. Oktober 2011
  2. Torsten #

    Schon wieder: Facebook.

    Ich bin mir da nicht so sicher, ob man tatsächlich einen Facebook-Account benötigt, um zum Thema “mitreden” zu können. Und zwar grundsätzlich und natürlich auch, weil ich selbst keinen FB-Account habe. Beruflich ist XING aus meiner Sicht gut und ausreichend. Da gibt es zumindest “German Datenschutz”, der trotz aller fragwürdigen Dogmen zumindest Prinzipien hat ! Auch im Privaten möchte ich meinem “Kram” nicht über angelsächsische Anwendungen laufen lassen, – das geht bei mir über Mailverteiler, bei denen ich ggf. Signieren und Verschlüsseln kann ausreichend bequem. Natürlich beobachte ich FB und die entsprechenden Online-Kommunikationsformate (auch berufsbedingt) aufmerksam, halte FB aber insgesamt für überschätzt und auch schon über den Zenit. Es wird von allen Seiten viel Geld verdient, FB zum “Fluß des Lebens” zu machen, – schon allein das ist mir (privat) zuwider. Als Marketinginstrument bewerte ich FB so lange positiv, wie es Wirkung und Reichweite hat – beides hat es heute.

    Das bekloppte Halloween hat uns nicht unähnlich “erobert”, – der Einzelhandel verkauft den Kram, die Kinder finden es prima und die Eltern sehen keinen Grund, ihren Kinder eine Freude zu verwehren … ;-)

    31. Oktober 2011
  3. Torsten, du bringst den Unterschied auf den Punkt: Du möchtest FB nicht nutzen, deine Daten in Deutschland sicher aufgehoben wissen, eher XING benutzen etc. Check. Andere möchten das anders handhaben. Auch check. Ist ein freies Land. Datenschützer, die beeinflussen oder darüber entscheiden möchten, wie die Bürger ihres (Bundes-)Landes soziale Medien nutzen sollen oder nicht, können sich nicht in eines dieser Lager zurückziehen. Ich erwarte von ihnen, dass sie sich mit dem Gegenstand ihrer Kritik beschäftigt haben, und zwar nicht nur vom Hörensagen. Und natürlich ist es ein Unterschied, ob man Facebook “beobachtet” wie du oder aktiv nutzt oder sich mit Leuten unterhält, die es noch aktiver nutzen – und versucht zu verstehen, warum sie das tun, statt sie für naiv und unmündig zu halten (sonst müsste man sie ja nicht vor sich selbst schützen).

    Ob Facebook überschätzt wird? Ich glaube nicht, dass man das zurzeit überschätzen kann. Jüngste BITKOM-Studie: Die deutschen Internet-Nutzer verbringen auf keiner Plattform so viel Zeit wie auf Facebook. Gefolgt von Google. “Danach hat sich das soziale Online-Netzwerk Facebook zum zentralen Anlaufpunkt im Web entwickelt. Deutsche Internetnutzer verbrachten im September 16,2 Prozent ihrer Online-Zeit bei Facebook.” (http://www.bitkom.org/de/presse/8477_70081.aspx) Das kann sich auch flott wieder ändern, aber Stand heute kann man die Bedeutung Facebooks als Massenmedium eher unterschätzen als überschätzen.

    Und Halloween: Natürlich kaufen wir nullkommanull beklopptes Halloween-Zeug. Das stammt alles aus der großen Verkleidungs-Kiste, die, als wir noch jung waren, einmal im Jahr an Fasching geöffnet wurde. Jetzt ist es halt zweimal im Jahr. (Nebenbei bemerkt halte ich Fasching für genauso überflüssig wie Halloween, gönne aber auch im Februar meinen Kindern ihren Spaß …)

    31. Oktober 2011
    • Torsten #

      … die Verkleidungskiste ist natürlich eine prima Sache und die Kids zweimal im Jahr zum Verkleiden einzuladen, kann unmöglich schaden. Hauptsache bei mir klingeln sie nicht, sonst bekommen sie die übrig gebliebenen Weinbrand-Bohnen von Oma ;-)

      Überschätzt: Na klar, den Zahlen kann man nicht vernünftig widersprechen. Ich vermute aber ein Nachlassen, wenn “alles von jedem online gesagt ist” (nach meinem Empfinden seit etwa drei Jahren der Fall;-) und der umjubelte Retro-Trend dann “echtes Erleben in der lokalen Realität” heißt …

      31. Oktober 2011
  4. Woher kommt denn die Überzeugung, die Datenschützer würden FB nur vom Hörensagen kennen? Ich bin mir mehr als sicher, dass die Datenschutzstellen FB wesentlich besser von innen kennen als die meisten Benutzer. Ich habe auch noch keine unqualifizierte Äußerung gehört, nicht aus Hamburg und nicht aus Schleswig-Holstein.

    Die Datenschützer setzen die Regeln um, die ihnen vorgegeben sind. Und nach diesen Regeln sind die Firmenseiten und die Gefällt-mir-Knöpfe nicht datenschutzkonform. Wenn das nicht gefällt, ist es an der Politik das zu ändern, aber nicht die Schuld der Datenschützer.
    (Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich mit diesen Regeln, die hier berührt werden, weitgehend einverstanden bin. Wer das nicht ist, darf und soll sich für eine Änderung stark machen, aber bitte nicht den Ausführenden keine Ahnung unterstellen.)

    2. November 2011
    • Und woher kommt die Erkenntnis, die Datenschützer würden nur die Regeln umsetzen, die ihnen vorgegeben sind? Beispiel ULD und Facebook: Die “Regeln”, auf die sich Herr Weichert beruft, sind bei weitem nicht so eindeutig formuliert, wie er tut. Das ist ja auch schon zur Genüge an vielen Stellen diskutiert worden. Beispiel StreetView: Es gibt überhaupt keine Regeln = Gesetze, auf die sich die Datenschützer, die gegen Google glaubten vorgehen zu müssen, hätten stützen können. Fotos im öffentlichen Raum irgendwie schlecht finden und ein Widerspruchsrecht dazu erfinden? Klingt für mich nach Politik …

      2. November 2011
      • Ich habe ja überhaupt kein Problem damit zu diskutieren, ob die das richtig auslegen oder nicht. Das ist gut, das ist die richtige Diskussion. Ich nehme einfach nur an, dass deren Auslegung aus einer anderen Einschätzung heraus kommt und nicht aus Unkenntnis. Es gibt keinen Grund, das nicht anzunehmen.

        Bei Street View gibt es übrigens schon Regeln. Deine Hausfassade im Internet ist Panoramafreiheit, der Blick mit extrahoher Stange über deine Hecke nicht. Die Diskussion darüber war trotzdem unsäglich, aber so ist es halt.

        3. November 2011

Trackbacks & Pingbacks

  1. Datenschutzgesetz dienstleister | Fototrack
  2. Das Märchen vom naiven Facebook-Nutzer | Christian Buggischs Blog

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Follow

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 220 Followern an

%d Bloggern gefällt das: