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Haltet den Dieb!

Haltet den Dieb

Ich bin, wie man so sagt, Opfer eines Verbrechens geworden. Gut, das klingt jetzt etwas dramatisch. Einfacher gesagt: Man hat mich bestohlen. Ein ganz profaner Diebstahl ungeistigen Eigentums. Ich nehme das trotzdem persönlich …

Also, die Geschichte geht so: Ich war ein paar Tage in Berlin beim Internet-Kongress iico (und habe dort einen Vortrag über Recruiting 2.0 gehalten, tut aber diebstahlstechnisch nichts zur Sache). Gestern Abend waren wir Kongressteilnehmer zum netten Abend in einer netten Berliner Location eingeladen, ich kam so gegen Mitternacht ins Hotel zurück, betrat mein Hotelzimmer – und wurde nachdenklich. Wo war das Notebook? Das hatte ich doch aufladenderweise auf dem Tisch liegen lassen.

Nach zwei, drei, vier, fünf Bier in der netten Location traute ich meinem Erinnerungsvermögen nur bedingt, prüfte daher sorgfältig in Herzen und Gedanken die möglichen Alternativen und kam zu dem Schluss, dass es gestohlen worden sein musste. Der Verdacht bestätigte sich endgültig bei einem Blick in den Geldbeutel, den ich ebenfalls leichtsinniger- und gutgläubigerweise im Hotelzimmer zurückgelassen hatte. Er war noch da, aber das Geld war weg. (Immerhin waren die ganzen Plastikkarten auch noch da, danke dafür, Einbrecher).

“Wir sind nicht CSI”

Gang zur Rezeption, Gespräch mit dem einfachen Indianer, dann Gespräch mit dem herbeigerufenen Oberindianer, dann Gespräch mit der herbeigerufenen Polizei. Die trotz später Stunde pragmatisch-freundlichen Beamten kamen mit aufs Zimmer, stellten die nötigen Fragen, versuchten Fingerabdrücke von der Zimmertür zu nehmen und kamen zum Ergebnis, dass das sinnlos ist, weil ungefähr zwei Millionen Hotelgäste in letzter Zeit die Tür angefasst hatten. (“Wir sind nicht CSI”, sagte mir einer der beiden Polizisten vorsorglich, wahrscheinlich weil sie an jedem zweiten Tatort von nervösen Zeugen aufgefordert werden, jetzt doch bitte das entscheidende Haar zu finden, das die noch entscheidendere DNA-Probe liefert, um den Fall aber so was von endgültig aufzulösen …)

Das Ergebnis der nächtlichen Ermittlung ergab jedenfalls das Folgende: Während ich auf meinem netten Abend war, hatten um 20.41 Uhr Unbekannte und keineswegs dazu Befugte mein Zimmer betreten, Geld und Notebook mitgenommen und waren in die laue Berliner Nacht entschwunden. Die Uhrzeit ist deshalb so eindeutig bekannt, weil der Hotelcomputer jedes Betreten eines Zimmers mittels Chip-Karte registriert. (Eine der spannenden und noch zu klärende Frage lautet: Wie kamen die Einbrecher an die Hotel-Chipkarte? Dazu werde ich mir auch erlauben, dem Hotel nochmal ein paar Fragen zu stellen.)

Wer den Schaden hat …

Und wie sich am nächsten Morgen zeigte, war ich nicht der einzige Betroffene: Die Diebe hatten sich eine Art Master-Keycard besorgt und gleich eine ganze Reihe von Zimmern “besucht”.

Der Schaden? Eigentlich überschaubar. Das (Arbeits-)Notebook war nicht mehr das Neueste, trotzdem ist der Verlust natürlich ärgerlich. An die Daten kommt ohnehin keiner ran, da mein Arbeitgeber bei so etwas zum Glück und völlig zu Recht und im wahrsten Sinne des Wortes auf Nummer sicher geht. Ca. 150 Euro Bargeld sind weg – auch ärgerlich, aber ich war ja auch blöd genug, sie einfach so im Hotelzimmer liegen zu lassen. Vielleicht zahlt ja noch irgendeine Versicherung irgendwas, mal sehen, ich habe jedenfalls noch ein bisschen Papier- und Formularkram vor mir.

Das Geheimnis eines Sommers: Ich hasse Diebe!

Dass ich das Ganze trotzdem nicht entspannt und sportlich nehme (“Ist ja nix passier”, “Wurde ja niemand verletzt”, irgendwelche anderen Floskeln, die man in solchem Kontext üblicherweise zum Besten gibt), liegt an einer traumatischen Jugend-Erfahrung. Seit damals HASSE ich Diebe.

Ich muss ungefähr 16 Jahre alt gewesen sein, als ich mich dazu durchrang, den Großteil meiner Sommerferien mit einem Ferienjob zu verbringen. Während also alle anderen in diesem schönen Sommer im Schwimmbad waren oder wer weiß wo Urlaub machten, arbeitete ich im Erlanger “Gerätewerk” von Siemens. Die Arbeit bestand im Wesentlichen darin, Schrauben zu sortieren und irgendwelche Dinge in irgendwelche Tüten zu stecken. (Das waren noch Zeiten damals. Ich ging wohl etwas zu enthusiastisch zu Werke, denn schon am ersten Tag kassierte ich die Ermahnung meines Chefs: “Immer schön langsam! Wenn du in dem Tempo weitermachst, sind wir ja schon mittags fertig, und was sollen wir dann nachmittags machen?”) Der Lohn für diese triste Tätigkeit war ein niedriger vierstelliger D-Mark-Betrag, den ich in ein wunderschönes Koga Miyata-Rennrad investierte. Einige Wochen später wurde es mir gestohlen. Und nicht nur das Rennrad wurde mir gestohlen, die paar Wochen meines Lebens wurden mir gestohlen, die ich in den Sommerferien investiert hatte. Seitdem  hasse ich Leute, die anderen Leuten ihr Eigentum wegnehmen.

Verprügelt den Dieb!

Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch, warum ich einst mit einem kleinen Gewaltausbruch sympathisierte, obwohl ich sonst ein eher friedlicher Mensch bin. Mitte der 90er-Jahre studierte ich ein Jahr lang in Rom – und jeder Römer, muss man wissen, wurde in seinem Römer-Leben schon mal beklaut (ich natürlich auch, auf der Piazza S. Pietro, mit einem besonders simplen Trick, aber das würde jetzt zu weit führen). Daher sind Römer auf Diebe nicht gut zu sprechen, und wehe, sie bekommen mal einen zu fassen.

Ich fuhr also eines schönen Tages mit der U-Bahn in Richtung S. Paolo fuori le mura, als plötzlich ein mittelgroßer Tumult, begleitet von lauten “Ladro! Ladro!”-Rufen (zu Deutsch: Dieb! Dieb!), ausbrach. Ein Taschendieb hatte versucht, einen der Fahrgäste zu beklauen, war erwischt worden und saß jetzt in der Falle. Die ansonsten friedfertigen, aber wie gesagt alle irgendwann schon mal beklaut worden seienden römischen Fahrgäste versetzten dem Ladro eine kollektive Tracht Prügel, die sich sehen lassen konnte. Bei der nächsten Haltestelle warfen sie ihn aus der U-Bahn, und wir fuhren alle befreit und gut gelaunt weiter.

PS: Wenn ich der Dieb in meinem Hotelzimmer gewesen wäre, hätte ich auf jeden Fall auch den Minibar-Wein mitgehen lassen. 0,375 Liter “Edition Schloss Castell Rotwein” für 10,50 Euro … Was muss das für ein sensationeller Prachtwein sein, bei dem Preis …!

Bildnachweis: Daniel Rennen / pixelio.de

  1. Michael Grohganz #

    Ein Hoch auf unsere Notebook Verschlüsselung

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    24. Mai 2012
  2. Elke Wein #

    Auch wenn es für Dich persönlich ärgerlich ist beklaut worden zu sein, und Dein Klau-Trauma leider neues Futter bekommen hat, muss ich sagen: Ich hab mich gefreut – zumindest über diese nette Geschichte, die Du wieder einmal sehr gekonnt zum Besten gegeben hast!
    Ich hoffe, Du konntest Dich beim Schreiben gut abreagieren, wenn es schon nicht für eine Prügelei gereicht hat und es geht Dir nun auch wieder besser!

    Herzlichen Gruß, Elke

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    25. Mai 2012
    • Schreiben ist ja auch und trotz allem irgendwie besser als prügeln … Die Feder ist mächtiger als das Schwert! ;-)

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      25. Mai 2012
      • Dieser Satz “Die Feder ist mächtiger als das Schwert!” sagt mehr als tausend Worte ;-)

        Danke für den tollen Artikel, habe mich doch in einer deinen Situationen auch wiedergefunden.

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        31. Juli 2012
  3. Berlin ist ein heißes Pflaster. Wenigstens haben Sie mit Ihrem Super-Sicherheits-Laptop dem Dieb ordentlich eins ausgewischt. Ob die Daten auf den gestohlenen Geräte der anderen Hotelgäste wohl auch so gut gesichert waren?

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    25. Mai 2012
  4. Respekt und Bewunderung für die Aussage:
    “Immerhin waren die ganzen Plastikkarten auch noch da, danke dafür, Einbrecher”

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    4. Juni 2012
  5. Oh dear, and die Koga Miyata Trauer kann ich mich noch erinnern. Es ist genauso wie Du sagst: Da wird einem nicht nur Materielles sondern auch Lebenszeit gestohlen, und das ist schrecklich bitter.
    Mir wurde in Brasilien (Porto Alegre) mal unter Faustanwendung von einer Bande von etwa vier Habenichtsen eine 1000 Euro Kamera entwendet (plus meine Tube Sonnencreme, Prioritäten muss man eben auch setzen!). Ist zwar viel Geld, aber damas war ich bereits nicht mehr in der Situation, in der dies das Äquivalent eines Sommers Arbeit darstellt. Mir hat es viel weher getan, dass ich wohl ueber hundert atemberaubende Photos damit verloren hatte. (Na, und mein Kiefer tat auch noch ein paar Tage weh.) Mein Vater hat damals Augenzwinkernd gemeint, ich soll’s als Entwicklungshilfe abschreiben.

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    15. Juli 2012

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