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Ehrwürdige und geschmackvolle Tweets

Die Social Media Guidelines des IOC

Während alle Welt Fußball schaut und sich meine Twitter- und Facebook-Timeline nur noch um die EM zu drehen scheint, habe ich endlich mal die Social Media Richtlinien des IOC für die Olympischen Spiele in London gelesen. Und die sind schon kurios …

In Teilen unterscheiden sich diese Richtlinien nicht von anderen Social Media Guidelines (die ich hier vor einiger Zeit gesammelt habe). So findet sich zum Beispiel ein Absatz, dass jeder für seine Postings selbst verantwortlich ist – ein Standard in solchen Guidelines.

Social Media? Teufelszeug!

Stellenweise weiß ich aber nicht, ob ich lachen oder weinen soll über die unbeholfenen Formulierungen und die mehr oder weniger verklausulierten Drohungen, die meines Erachtens vor allem zeigen, dass man beim IOC und beim Deutschen Olympischen Sportbund dieses ganze Social Media Gedöns letztlich für Teufelszeug hält. Woran man das merkt? Zum Beispiel daran, dass auf diesen Satz …

Das IOC regt die Teilnehmer und akkreditierten Personen an, während der Olympischen Spiele Kommentare auf Social Media Plattformen oder Websites zu posten oder zu tweeten, und es ist absolut zulässig und erwünscht, dass ein Teilnehmer oder eine akkreditierte Person ein persönliches Posting, einen Blog oder Tweet veröffentlicht …

… natürlich ein großes “Aber” folgt:

Jedoch müssen jegliche Postings, Blogs oder Tweets in der ersten Person und in einer Art „Tagebuch-Format“ gestaltet sein und dürfen nicht aus der Perspektive eines Journalisten geschrieben werden – z.B. sollten keine Berichte über Wettkämpfe geschrieben oder die Aktivitäten anderer Teilnehmer oder akkreditierter Personen beschrieben werden …

Keine Berichte über Wettkämpfe? Oder über die Aktivitäten von Teilnehmern? Klar, man kann noch über das Wetter, das Essen und die Sehenswürdigkeiten Londons schreiben, aber irgendwie engt so ein “Aber” die sozialmediale Berichterstattung schon ein wenig ein.

Ehrwürdig und geschmackvoll

Meine Lieblingsformulierung ist aber diese hier:

Postings, Blogs und Tweets sollen dem Olympischen Gedanken und den Grundprinzipien des Olympismus, wie sie in der Olympischen Charta dargestellt sind, entsprechen; sie sollen ehrwürdig und geschmackvoll gestaltet sein und keine vulgären oder obszönen Wörter oder Bilder enthalten.

Ich schreibe ab sofort auch nur noch ehrwürdige und geschmackvolle Tweets und Blogbeiträge. Versprochen.

Sehr großzügig ist das IOC übrigens gegenüber Journalisten:

Akkreditierte Medien dürfen Social Media Plattformen für gutgläubige Zwecke frei verwenden.

Hinterhältige Aktionen?!

Dennoch: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, Denunziation ist am besten. Daher:

Das IOC ersucht alle Teilnehmer und andere akkreditierte Personen hinterhältige Aktionen oder Geschehnisse, die negative Auswirkungen auf die Olympischen Spiele oder die Olympische Bewegung oder gegenteilige Auswirkung auf deren Goodwill haben, aufzuhalten. Das IOC ersucht Teilnehmer und andere akkreditierte Personen, die nicht berechtigte Inhalte finden, diese unverzüglich an http://www.olympicgamesmonitoring.com zu melden.

Mir ist dazu spontan der flammende Appell des Marquis von Posa aus Schillers Don Carlos eingefallen. Der wirft sich dem König zu Füßen und ruft sein berühmtes: “Geben Sie Gedankenfreiheit!” Doch ach, der König antwortet, was sich wohl auch der IOC angesichts von Blogbeiträgen wie dem meinen denken wird: “Sonderbarer Schwärmer!” …

(Ich habe jedenfalls dieses Meisterwerk der IOC Richtlinien für Social Media, Blogs und Internet für Teilnehmer und andere akkreditierte Personen der Olympischen Spielen London 2012 meiner Liste Deutschsprachiger Social Media Guidelines hinzugefügt.)

Bildnachweis: RainerSturm / pixelio.de

  1. Sehr interessant :-)

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    11. Juni 2012
  2. so erfährt die hübsche Sammlung der Social Media Guidelines eine weitere Bereicherung. Wird Zeit, dass ich die mal neu ordne. Geschmackvoll und ehrwürdig versteht sich.

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    12. Juni 2012
  3. Großartig, liege vor Lachen unter’m Tisch. Bin jetzt auch nur noch ehrwürdig am Schreiben. ;)

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    13. Juni 2012
  4. Cory Doctorow hat alles, was man dazu schreiben muss, geschrieben: http://boingboing.net/2012/07/13/london-olympic-committee-says.html

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    27. Juli 2012
  5. Wenn man bedenkt, wie weit in Deutschland das Recht auf freie Meinungsäußerung geht, frage ich mich, wie viele dieser Maulkorbandrohungen man ohnehin getrost vergessen kann…

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    27. Juli 2012

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