Social Media, Dr. Jekyll und Mr. Hyde

Bei der Lektüre mancher Nachrichten kann man sich nur verwundert die Augen reiben. Meinen die das ernst? Gibt’s doch nicht … Doch gibt es. Eine solche Nachricht war die Meldung der Wirtschaftswoche mit dem Titel „DAX-Konzerne sperren Facebook“.

Dort konnte man, während man aus dem Staunen nicht mehr herauskam, Folgendes lesen:

In Deutschland haben (…) viele Großunternehmen ihren Mitarbeitern den Zugang zu Facebook und anderen populären Online-Diensten wie dem Kurznachrichtendienst Twitter und dem Videoportal YouTube gesperrt.

Ja gut, warum nicht?, könnte man fragen. Aber werfen wir einen Blick auf ein im Artikel genanntes Beispiel:

„Für den Großteil unserer Mitarbeiter sind viele externe Social-Media-Angebote aus Sicherheitsgründen am Arbeitsplatz nicht zugänglich“, erklärt etwa die Commerzbank.

Diese Aussage der Commerzbank finde ich – vorsichtig gesagt – gewagt. Denn dieselbe Bank nutzt Social Media explizit zur Rekrutierung neuer Mitarbeiter, etwa auf Twitter (allerdings bislang nur mit rund 80 Followern) und auf Facebook (erfolgreicher mit immerhin rund 1.500 „Fans“ und durchaus gut gemacht).

Die Social Media Strategie der Commerzbank kenne ich nicht, aber man darf wohl vermuten, dass man sich als innovatives, modernes Unternehmen präsentieren möchte, das selbstverständlich auch die neuen Medien beherrscht und dort direkt und authentisch mit jungen Leuten kommuniziert, die sich für die Bank als möglichen Arbeitgeber interessieren. Dazu passt auch diese Selbstaussage im Facebook-Profil:

Wir stehen für die Arbeitswelt im modernen Banking: Mit innovativen Produkten, frischem Denken und gemeinsam mit Menschen, die Chancen nutzen. Wir haben viel vor!

Ob die Menschen, die viel vor haben, ihre Chancen nutzen und bei der Bank einsteigen, ahnen, dass ihr moderner Arbeitgeber zwar frisches Denken schätzt, aber keine frischen Kommunikationskanäle? Dass Social Media zur Rekrutierung zwar gut, nach der Rekrutierung aber böse ist? Dass ihr Arbeitgeber also unter schwerer dissoziativer Identitätsstörung leidet, hier der Social Media-Fan Dr. Jekyll, dort der Social Media-Skeptiker Mr. Hyde?

Ich will das Beispiel Commerzbank gar nicht übermäßig strapazieren. Denn der Beitrag in der Wirtschaftswoche lässt ahnen, dass Skepsis gegenüber der internen Nutzung von Social Media in Konzernen nicht eben selten ist. Explizit nennt der Artikel noch VW, E.ON, HeidelbergCement und Porsche. Das ist schon recht kurios, denn noch vor wenigen Monaten konnten wir beim Netzökonom im FAZ-Blog lesen, dass die Dax-Konzerne zehn Millionen Menschen in sozialen Medien erreichen:

Bevorzugt setzen die deutschen Unternehmen auf den Kurznachrichtendienst Twitter. 23 der 30 Unternehmen sind mit einem offiziellen Account vertreten. 19 Unternehmen sind im sozialen Netzwerk Facebook präsent und 15 Dax-Konzerne nutzen die Videoplattform Youtube.

Mit anderen Worten: Social Media ist toll, wenn es für Vertrieb, Service, Kundenbindung und Mitarbeiter-Akquise genutzt wird (sagt Dr. Jekyll). Nur die eigenen Mitarbeiter sollen bitte die Finger davon lassen (so Mr. Hyde).

Noch schnell ein paar Worte zu den im Artikel der Wirtschaftswoche genannten wichtigsten drei Argumenten gegen Social Media im Unternehmen:

  • Angst vor Wirtschaftsspionage. Sozusagen das „Porsche“-Argument gegen Social Media. Ich weiß ja nicht, wie Wirtschaftsspione vorgehen, aber wenn ihnen schon die Sperrung von Facebook die Geschäftsgrundlage entzieht und sie vom Ausspionieren eines Sportwagenherstellers mit 7,8 Milliarden Euro Umsatz abhält, wäre ich doch ein wenig enttäuscht. Bleiben ja nur noch E-Mail, Telefon, Fax und natürlich der persönliche Kontakt, um an Daten in einem Unternehmen zu kommen …
  • Sicherheitsbedenken. Klingt ein bisschen nach Totschlag-Argument, muss ich sagen. Ist Twitter unsicherer als irgendeine andere Webseite? Und wenn ja warum? Ich weiß es nicht. „Früher war die E-Mail das beliebteste Einfallstor für schädliche Software, heute sind es soziale Netzwerke“, wird ein Kaspersky-Experte von der Wirtschaftswoche zitiert. Gut, nur wurde „früher“ die E-Mail aus Sicherheitsgründen aus den Unternehmen verbannt? Nicht dass ich wüsste. Statt dessen hat man nach technischen und organisatorischen Lösungen gesucht, E-Mails auch am Arbeitsplatz so sicher wie möglich zu nutzen.
  • „Produktivitätsgründe“: Hier kommen wir den Bedenken mancher Arbeitgeber vermutlich näher: Die Mitarbeiter sollen, auf gut Deutsch gesagt, arbeiten und nicht ihre Zeit vertrödeln. Damit wir uns richtig verstehen: Das Pflegen privater Kontake und die angeregte Diskussion über Kochrezepte, Fußball, das Wetter, das Leben, das Universum und den ganzen Rest sollten nicht während der Arbeitszeit stattfinden. Aber einerseits gibt es auch während der Arbeitszeit Pausen, die der eine zum Rauchen, der zweite zum Kaffetrinken und der dritte vielleicht für soziale Netzwerke nutzt. Zum anderen ist Social Media natürlich (muss ich das überhaupt erwähnen?) keine rein private Veranstaltung, sondern dient – nicht nur auf XING – auch der beruflichen Vernetzung, dem Informationsaustausch und dem Aufbau von Know-how. Und schließlich müsste ein Unternehmen, das die Produktivität seiner Mitarbeiter auf diesem Weg zu steuern versucht, auch alle anderen Internetseiten sperren. Und natürlich die Nutzung privater Smartphones am Arbeitsplatz verbieten.

Fazit: Social Media im Unternehmen zu verbieten ist meiner Meinung nach, ihr werdet es schon gemerkt haben, der falsche Weg. Besser: Die (private) Internet-Nutzung am Arbeitsplatz insgesamt regeln und den Mitarbeitern mit Social Media Guidelines Hilfestellung und Sicherheit geben, wie sie Social Media auch am Arbeitsplatz nutzen können und sollen.

6 Gedanken zu “Social Media, Dr. Jekyll und Mr. Hyde

  1. Hallo Christian,
    ich denk das wird ein guter Blog, mir ist ja twittern ja deutlich zu kurz ;-)

    Hier meine Meinung zu den drei Argumenten:
    # Angst vor Wirtschaftsspionage: Solange Mitarbeiter Passwörter unter dem Bildschirm kleben haben (oder in der passwort.xls auf dem Desktop), die Sekretärin das Passwort kennt und Dokumente über offene Web-File-Exchanges ausgetauscht werden (weil man das per E-Mail ja nicht darf) ist Social Media wohl das geringste Sicherheitsproblem. Wer was über das Unternehmen via Facebook ausplaudert, wird es wohl auch in Mails (oder in der Kneipe) tun.
    # Sicherheitsbedenken: Twitter, Facebook & Co. sind im Endeffekt einfach nur Webseiten – und dürfen genau das was die Systemadministratoren der Firmen als Sicherheitseinstellungen für jede Website zulassen. Das Argument ist fadenscheinig.
    # Produktivität: Das Pausen gut tun und im Endeffekt die Produktivität steigern wissen hoffentlich mittlerer Weile nicht nur die Raucher.
    Aber ich frage mich schon: Warum stellt man einen Kicker auf und verbietet Online-Spiele? Es geht doch im Endeffekt nur darum, dass jeder Mitarbeiter seine Arbeit gut und produktiv macht (und machen kann) – wenn er statt 9 to 5 lieber 9 to 7 mit 2h privaten Pausen arbeitet ist das doch sein Bier. Problematisch wird es doch erst dann, wenn es überhand nimmt und jemand sich durch die „Events“ aus den Social Networks von der Arbeit ablenken lässt.
    Aber was spricht denn ernsthaft gegen einen gezielten (auch privaten) Ausflug zum Kaffee trinken, Twittern, Rauchen, Chatten, Facebook-Stöbern, Joggen, etc.?

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    • Hallo Gert, volle Zustimmung zu allen drei Punkten. Was die Produktivität angeht: Ich vermute, dass viele DAX-Unternehmen Zeiterfassung haben, dann ist es natürlich etwas problematisch, formal zeiterfasst 8 Stunden arbeitend anwesend zu sein, tatsächlich aber einen größeren Teil dieser Zeit mit anderen Dingen zu verbringen. Aber auch dafür kann Social Media nichts, denn anwesend sein ist nicht gleich produktiv sein, das galt schon bevor es das Internet gab. Letztlich geht es also um die Frage, ob Zeiterfassung noch zeitgemäß ist und tatsächlich zu höherer Produktivität führt oder ob nicht die „Vertrauensarbeitszeit“ das bessere Modell ist, auch in großen Unternehmen wie Siemens, wo man ja schon vor Jahren auf Vertrauensarbeitszeit umgestellt hat.

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  2. Stichwort Produktivität und Persönlichkeit. Ich stimme zu, dass Guidelines der richtige Weg sind. Möchte aber noch eines hinzufügen. Es mag sein, dass gerade in Konzernen dieses Thema so hoch gehandelt wird, weil hier Aspekte des Aktienrechts mit herein spielen. Aber für Unternehmen, die nicht den regulativen Anforderungen unterliegen, kann man sicherlich empfehlen, das persönliche Commitment von Mitarbeitern zum eigenen Unternehmen gezielt durch den offensiven (wenngleich auch verantwortungsvollen) Umgang mit den Social Media Plattformen zu fördern. Will heissen: Gut über das eigene Unternehmen zu sprechen – gerne in den Produktivitätspausen – kann nur gut sein. Für das Unternehmen, für die Kunden, für überzeugte Mitarbeiter, für interessierte Lieferanten. Aber bitte mit Augenmaß.

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