nPA Geburtstag

Happy Birthday, nPA!

Deutschland ist wieder einmal bedroht. Diesmal nicht von Google mit seinen bösen Häuserfassaden-Fotografen, sondern von Vater Staat, der einfach so den guten alten Personalausweis abschafft und durch einen ganz schlimmen weil elektronisch lesbaren neuen ersetzt. Ok, das gibt die Position der zahlreichen nPA-Gegner ein bisschen zugespitzt wieder. Aber nur ein bisschen …

Ab heute ist es also soweit, der neue Personalausweis (nPA) wird von Städten und Gemeinden ausgegeben, und ich meine: Gut so. Also, herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, nPA!

Es gibt viele Gründe, warum der nPA ein echter Fortschritt ist, man kann sie alle in diesem gut gemachten Info-Portal nachlesen. Für mich ist die wichtigste Neuerung, dass man die eigene Identität im Internet künftig eindeutig und sicher nachweisen kann (die so genannte eID-Funktion). Das ermöglicht die Nutzung neuer Dienste zum Beispiel von Behörden via Internet (und ich habe wirklich eine tiefe Abneigung gegen nicht-virtuelle Behördengänge). Und es macht die Nutzung bestehender Dienste wesentlich sicherer als heute, da neben der Komponente „Wissen“ (Benutzername, Passwort …) auch eine „Besitz“-Komponente vorhanden ist, nämlich die Plastikkarte. Klingt theoretisch, bedeutet aber ganz praktisch, dass z.B. Phishing bei Nutzung des nPA im Online-Banking nicht mehr möglich ist, denn „gefischt“ werden kann nur die Wissens-, nicht aber die Besitzkomponente.

Fortschritt als Bedrohung

Alles ganz toll, könnte man meinen, die Republik bricht in Begeisterung aus, holt sich den neuen Personalausweis und legt den alten aus Nostalgie in die Schublade zum Führerschein-Lappen von 1967 …

Leider ist das Gegenteil der Fall, und ich fürchte, das ist ein wenig symptomatisch für die Deutschen im 21. Jahrhundert, die technischen Fortschritt eher als Bedrohung denn als Chance wahrnehmen. Wie anders lässt sich die hysterische Debatte um Google StreetView erklären? Und warum sonst könnte fast die Hälfte der Deutschen den nPA ablehnen, wie eine BITKOM-Studie gezeigt hat? Natürlich ist es gut, sinnvoll und wichtig, eine Innovation wie den nPA kritisch zu durchleuchten, um nach Abwägung aller Pros und Cons zu einer Einschätzung zu kommen. Aber seien wir ehrlich: Diese Abwägung findet bei vielen nicht statt. Man ist für das Alte und gegen das Neue, fertig.

Solche „Früher war’s besser“-Mythen sind natürlich ein gefundenes Fressen für manche Medien, die sich dadurch bürgernah geben und vermeintlich „uns hier unten“ gegen „die da oben“ unterstützen. Dass zahlreiche Käseblätter daraus die Geschichte vom Ansturm auf den alten Personalausweis in den letzten Oktober-Tagen machen – geschenkt. Zumal bei genauem Hinschauen der Ansturm oft nicht mal ein Anstürmchen ist. Der Kölner Stadtanzeiger etwa berichtet, dass „viele Bürger“ der Stadt Burscheid  in den vergangenen Tagen noch ins Bürgerbüro gekommen seien, um noch einmal einen alten Personalausweis zu beantragen. Denn normalerweise gebe „es in einer Woche etwa 60 bis 70 Anträge – in der vergangenen Woche waren es 99“. Donnerwetter: 29 mehr als sonst, in einer Stadt mit 19.000 Einwohnern nebenbei erwähnt, falls Sie Burscheid nicht kennen (wofür ich Verständis hätte).

Aber auch auflagenstärkere Medien wie der STERN berichten, dass viele Bürger ihre „Liebe zum alten Ausweis entdeckt“ hätten und orakeln: „Die diffusen Ängste sind nicht vollkommen unbegründet.“

Diffuse Ängste

Was sind also die Top 3 der „diffusen Ängste“ unserer Mitbürger in Zusammenhang mit dem neuen Personalausweis?

Auf Platz 3 finden wir, ganz handfest und wenig diffus, die Kosten. Der Neue kostet rund 20 Euro mehr als der Alte. Macht, da auch der nPA zehn Jahre gültig ist, Mehrkosten von 2 Euro pro Jahr bzw. 17 Cent pro Monat bzw. 0,005 Cent pro Tag (in einem Land mit einem Bruttoinlandsprodukt von über 3 Billionen Dollar). Noch Fragen?

Platz 2 gehört natürlich dem Datenschutz. Auch hier kennt sich der STERN aus: „Viele Bürger sind verunsichert: Was genau speichert der Chip? Wer hat darauf Zugriff?“ Kann man alles nachlesen, liebe Bürger, aber wozu die Mühe? Dann könnte man sich ja auch die Mühe machen, dem Datensammel-Monster Payback kritisch zu begegnen. Übrigens verfügt fast die Hälfte der deutschen Haushalte über eine Payback-Karte und macht sich damit bereitwillig zum gläsernen Kunden … Ich werde den Verdacht nicht los, dass es dieselbe Hälfte ist, die den nPA u.a. aus Datenschutzgründen ablehnt. Immer für ein Statement zum Thema Datenschutz vom Kaliber „Das kann doch wohl nicht wahr sein“ ist bekanntlich der Hamburger Datenschutz-Beauftragte Johannes Caspar zu haben, wie sich schon beim Thema Google StreetView gezeigt hat. Er hat eine recht verblüffende Erklärung für die Sensibilität der Bevölkerung in Sachen Datenzugriff durch den Staat: „Die Angst vor dem Staat resultiert aus der deutschen Geschichte, dass es zwei Diktaturen in relativ überschaubaren Zeiträumen gab.“ Ach du meine Güte …

Auf Platz 1, wie könnte es anders sein, steht das Thema Sicherheit. Aber bitte, machen wir’s einfach kurz. Der nPA ist sicherer als die heutigen Authentifizierungsmechanismen, siehe oben. Unsicher ist nicht der neue Personalausweis, sondern die Nutzung an einem PC ohne Firewall und Virenschutz. „Gravierende Sicherheitsmängel“ glaubte das ARD-Magazin Plusminus beim nPA entdeckt zu haben. In Wahrheit hatte man entdeckt, dass ungeschützte PCs unsicher sind. Super, danke!

Letztlich bringt es ein Security-Experte in der Computerwoche auf den Punkt: Solche Vorbehalte gelten „nicht nur dem nPA, sondern beispielsweise auch dem Online-Banking“. Und ich möchte ergänzen: irgendwie diesem gesamten modernen Internet-Zeugs.

Bildnachweis: www.JenaFoto24.de / www.pixelio.de, www.personalausweisportal.de, Composing: CB

3 Gedanken zu “Happy Birthday, nPA!

  1. … cool, Christian – Dir is (bestimmt unabsichtlich!;-) die beste Darstellung zum neuen Personalausweis gelungen, die ich bisher gelesen habe.

    Auch, wenn Medienkritik ja verboten ist (warum eigentlich?): Die öffentliche nPA-Kommunikation hat wunderbar gezeigt, wie die Medien zur allgemeinen Desorientierung beitragen. Einfach, weil es Quote, Auflage oder Klicks bringt.
    Der Chaos Computer Club hat mich auch enttäuscht, – die fand ich mal gut …

    Herzlich: Icke.

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