Deutschland, die Insel der Seligen

Die Insel der Seligen – das Elysion oder Elysium – ist ein herrlicher Ort. Dort findet man die von den Göttern geliebten Helden, dort fließen Milch und Honig, dort scheint die Sonne, es zwitschern die Vögel, es blühen die Blumen … Gut, alles nur griechische Mythologie. Doch zum Glück haben wir Politiker, die uns in dieser kalten, modernen Zeit ein Stückchen Elysium bewahren wollen. Wo? Im deutschen Internet natürlich.

JMStV – diese fünf Buchstaben mischen zurzeit das Web auf, und zwar zu Recht. Sie stehen für den Jugendmedienschutz-Staatsvertrag, über den man wahnsinnig viel sagen könnte, aber das haben andere bereits klug und kritisch getan (zum Beispiel hier und hier).

Politiker und das Internet-Dings

Kurzfassung: Dieser Vertrag stammt aus dem Jahr 2003, als die Welt noch viel analoger war als heute, und wird nun novelliert. Und da wir es hier mit der spannenden Kombination „Politiker und das Internet-Dings“ zu tun haben, bedeutet „novelliert“ schlicht: verändert, aber natürlich nicht modernisiert oder gar an die Wirklichkeit des Jahres 2010 angepasst.

Der JMStV verfolgt ein hehres Ziel, das in §1 genannt wird:

Zweck des Staatsvertrages ist der einheitliche Schutz der Kinder und Jugendlichen vor Angeboten in elektronischen Informations- und Kommunikationsmedien, die deren Entwicklung oder Erziehung beeinträchtigen oder gefährden, sowie der Schutz vor solchen Angeboten in elektronischen Informations- und Kommunikationsmedien, die die Menschenwürde oder sonstige durch das Strafgesetzbuch geschützte Rechtsgüter verletzen.

Deutsche Jugendliche im deutschen Internet

Und weil unsere Politiker noch nicht ganz im 21. Jahrhundert angekommen sind, glauben sie, dass Fernsehen, Radio und Internet irgendwie alle gleich sind und vor allem in gleicher Weise zu regulieren sind. Zum Beispiel könnte man, um die Jugend zu schützen, bestimmte Internet-Inhalte ja erst ab 23 Uhr anbieten. So wie im Fernsehen halt. Kein Witz. Steht so in §5 des JMStV.

Es gibt noch weitere absurde Details, die wie gesagt von anderen schon hinreichend beschrieben wurden. Was mich am meisten belustigt (aber auch zur Verzweiflung bringt), ist die Vorstellung, das Internet sei eine nationale Angelegenheit. Man wagt sich gar nicht auszumalen, welches Bild die Verfasser des JMStV von der Mediennutzung eines Jugendlichen haben. In ihrer Welt müssen das junge Menschen sein, die deutsches Fernsehen schauen, deutsche Radiosender hören und auf deutschen Internetseiten surfen. In dieser Welt kann man Deutschland zur Insel der Seeligen machen, abgeschottet von der bösen Außenwelt, reguliert zugunsten des Wahren, Schönen und Guten.

Berlin und Takatukaland

Ach, Politiker … Habt ihr schon einmal im Leben Google benutzt? Habt ihr euch überhaupt schon mal dieses Internet-Dings angeschaut? Habt ihr dabei nicht gemerkt, dass es im Web keine Ländergrenzen gibt, dass es völlig wurscht ist, ob eine Seite auf einem Server in Berlin oder in Takatukaland liegt?

Mir fallen schon bald keine Vergleiche mehr ein. Das „deutsche Internet“ regulieren zu wollen ist wie … wie … na, wie eine jahrtausendealte Mythologie eben. Total schön. Und total weltfremd.

Und so basteln wir weiter an unserer Insel der Seligen, errichten unser kleines Paradies und grenzen es ab gegen alles andere, so wie das antike Elysium vom Tartaros – heute würde man sagen: der Hölle – und dem Asphodeliengrund – dem Reich der Schatten – getrennt war.

Lachen, Freude und goldene Brunnen …

Und wenn es fertig ist, unser Internet, dann geht es dort bestimmt genauso zu wie bei unseren antiken Vorfahren, die das Glück hatten, auf der Insel der Seligen aufgenommen zu werden:

Tanz, Gesang, Spiele, Wettkämpfe, und alles, was nur verschönernd auf das irdische Leben einwirken kann, fand sich dort in noch viel größerer Vollkommenheit. Lachen und Freude schöpften die seligen Gäste aus goldnen Brunnen, ewige Jugend herrschte dort und ewiger Frühling. Helden, Dichter und Weise, alle Guten und Gerechten fanden dort ihren Himmel, ihren Lohn, ihr stetes Vergnügen.

Bildnachweis: Rainer Sturm / www.pixelio.de

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8 Gedanken zu “Deutschland, die Insel der Seligen

  1. „Der Blick über den Tellerrand gelingt nur denen, die nicht all zu viele Bretter vor dem Kopf haben. “

    Wer noch nie im Leben einen PC angefasst hat, der sollte vielleicht mal seinen unbezahlten Praktikanten fragen, was das für ein Zeug ist. Und nicht nur die ausgedruckten Mails lesen.
    Wenn dann die Abgeordneten noch mal einen Blick in das (ausgedruckte) Grundgesetz werfen würden, dann könnten sie nachlesen, das die Entscheidung jedes Parlamentariers frei sind. Fraktionszwang und Koalitionsvertrag und Bildzeitung sind keine guten Ratgeber bei einer Abstimmung. Ebensowenig wie Lobby-Gelder in jeder Form oder „Pöstchen“, die für die Zeit nach der Politker-Karriere angeboten werden.

    Warum nur werden diese Menschen nur immer wieder gewählt. Der bessere Lügner gewinnt, weil die Menschen belogen werden wollen. Ich habe genug davon.

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  2. … das Grundproblem ist wohl die „demokratische Technikbegleitung“: Nachdem die Menschen einen gewissen Entwicklungsstandard erreicht hatten, rannten sie nun kulturell (und somit auch juristisch) endlos ihren selbstgeschaffenen technischen Möglichkeiten hinterher. Zumeist erfolglos, – heute treibt die Technik (und die Finanzmärkte ;-) die Demokratie vor sich her. Ein internationales Rechtssystem ist noch immer Utopie, internationale Echtzeitkommunikation und weltweite Arbeitsteilung dagegen Alltag. Und so ist eine der größten Gefahren tatsächlich, dass wir die Kontrolle über uns selbst verlieren. Was macht man da bloß ? Natürlich „Inlandgesetzgebung“, weil man in den eigenen Händen hat – die Wähler wollen
    natürlich Aktivität sehen …

    Ich bin jetzt bis 22.12. mit einem Katamaran in der Andamanensee unterwegs, darum kann ich leider nicht mehr mitdiskutieren. Gutes Thema.

    (Noch) Grüße aus Berlin-Tempelhof: T.

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  3. Jenseits all der berechtigten Fassungslosigkeit über die Ignoranz unserer Politiker: ein Lesegenuss am Freitag! Wer kennt heutzutage noch den Asphodeliengrund? Und bemüht Bildwelten aus der Antike? Wenn das JMStV Anlass und „ex-negativo-Inspiration“ zu solch schönen Blog-Beiträgen liefert, wünsche ich mir noch viel mehr sinn- und verstandlose Gesetze! :-))

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  4. Meine Güte, jetzt merk ich erst was ich bei meiner nicht-humanistischen Ausbildung versäumt habe! Von all diesen schönen Dingen hörte ich zwar schon läuten, aber Humanisten haben hier doch wohl die Teller voll bekommen, während unsereine nur geschnuppert hat. Diese Welt ist mir fast so fremd, wie das Internet den o.g. Herrschaften.

    Gruß Elke

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