Ein Wutbürger?

Wutbürger – der Blödsinn des Jahres

Wieder einmal hat die so genannte Gesellschaft für Deutsche Sprache ein so genanntes Wort des Jahres gewählt. Diesmal ist es der „Wutbürger“. Selten so daneben gelangt, kann ich nur sagen.

Ich gehöre ja der (vermutlich vom Aussterben bedrohten) Spezies an, die jeden Tag sowohl Zeitung liest als auch sich im Internet informiert. Das Wort des Jahres ist mir dabei nie begegnet, bevor es nicht zum Wort des Jahres gewählt wurde. Ok, vielleicht ist er mir durchgerutscht, der Wutbürger, dieses bedeutende Wort. Es muss ja „die öffentliche Diskussion wesentlich bestimmt und dieses Jahr besonders geprägt“ haben, so der Anspruch der Gesellschaft für Deutsche Sprache.

Er buht, schreit, hasst …

Na, Freunde, davon kann ja wohl keine Rede sein. Das Wort stammt, wie ich inzwischen gelernt habe, aus einem Spiegel-Artikel vom Oktober dieses Jahres. Der Autor konstruiert mühsam folgenden Typus:

Eine neue Gestalt macht sich wichtig in der deutschen Gesellschaft: Das ist der Wutbürger. Er bricht mit der bürgerlichen Tradition, dass zur politischen Mitte auch eine innere Mitte gehört, also Gelassenheit, Contenance. Der Wutbürger buht, schreit, hasst. Er ist konservativ, wohlhabend und nicht mehr jung. Früher war er staatstragend, jetzt ist er zutiefst empört über die Politiker.

Diesen Wutbürger glaubt der Autor vor allem unter den Stuttgart 21-Gegnern und den Thilo Sarrazin-Befürwortern auszumachen. Erstere zum Beispiel treibe

die nackte Wut, sie brüllen und hassen. Tag für Tag, Woche für Woche zieht es sie an den Bauzaun, wild entschlossen, in fanatischer Gegnerschaft.

Dramolett um einen schwäbischen Bahnhof

Ich finde das Dramolett, das zurzeit um einen schwäbischen Bahnhof aufgeführt wird, ja ziemlich kurios und wundere mich nicht wenig über alle, die sich der Rettung des hässlichsten Kopfbahnhofs der Republik (ich darf das sagen, ich habe eine Weile in Stuttgart gelebt) verschrieben haben; aber gegen diese an den Haaren herbeigezogene Charakterisierung möchte sogar ich die Bahnhofs-Gegner in Schutz nehmen.

Ja, das Vertrauen in die Politiker schwindet, es gibt offensichtlich den Wunsch nach mehr direkter Demokratie, es gibt in Deutschland zweifellos auch einen nicht kleinen Teil der Bevölkerung, der Innovation als Bedrohung ansieht und daher am liebsten, mit Thomas Morus gesprochen, die Asche bewahren statt die Flamme weitergeben will. Aber das alles hat nicht das Geringste mit Wut zu tun. Eher mit Unsicherheit, dem Gefühl abgehängt zu werden, der diffusen Angst, mit dem rasanten technischen Wandel nicht mehr Schritt halten zu können, getrieben zu sein statt selbst zu gestalten.

Das ist das Problem des Spiegel-Artikels: Man merkt, dass dem Verfasser zuerst das coole Wort „Wutbürger“ eingefallen ist. Und dann hat er mühsam ein Bild der deutschen Gesellschaft zusammenphantasiert, das zu diesem Wort passt, leider aber nicht der Wirklichkeit entspricht.

Den Wutbürger gibt es nicht

Und das ist auch der einfache Grund, warum die meisten wie ich bis gestern nie etwas vom Wutbürger gehört hatten. Weil der Artikel irrelevant ist. Weil es diesen Bürger so nicht gibt. Deshalb hat er auch weder die öffentliche Diskussion bestimmt noch dieses Jahr besonders geprägt. Und daher ist diese Wahl zum Wort des Jahres in Wahrheit der Blödsinn des Jahres.

Viel schöner, lyrischer, klangvoller wäre das Wort „Aschewolke“ gewesen, das aber leider nur auf Platz 7 des Wort-Rankings gelandet ist.

Übrigens kenne ich nur einen deutschen Wutbürger, der diesen Namen wirklich verdient. Es ist Gernot Hassknecht, der es in seinen Kommentaren in der ZDF Heute Show regelmäßig aber sowas von krachen lässt … ;-) Hier zum Beispiel:

Bildnachweis: www.peter-gisela.de / www.pixelio.de

2 Gedanken zu “Wutbürger – der Blödsinn des Jahres

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