Mein kleines Jubiläum: 10 Jahre IT-Exot

Gleich zu Jahresbeginn muss ich ein wenig sentimental werden: Vor ziemlich genau 10 Jahren – am 2. Januar 2001 – habe ich als Online-Redakteur bei DATEV angefangen. Meine Güte, wie die Zeit vergeht … Und alles in allem bin ich nach wie vor froh, als geisteswissenschaftlicher Exot in die IT-Branche eingestiegen zu sein.

Genauer gesagt: ins Marketing bzw. die Online-Kommunikation eines der großen deutschen Softwarehäuser. Denn was hat sich in den letzten Jahren schneller verändert und war damit spannender als das Web mit all den Herausforderungen, die es für die Unternehmenskommunikation mit sich gebracht hat?

Ein Loblied auf Quereinsteiger

Aber muss man das nicht studiert haben? Muss man dafür nicht am besten gelernter Marketing-Experte und Digital Native zugleich sein? Nö, eigentlich nicht, finde ich. Freundlicherweise hat Spiegel Online vor Kurzem unter dem Titel „Oh Gott, mein Chef ist Theologe“ ein Loblied auf Quereinsteiger und geisteswissenschaftliche Exoten wie mich angestimmt, das ich natürlich jedem zur Lektüre empfehle. Da heißt es zum Beispiel:

Muss es immer ein BWL-Koffermännchen sein, oder werden auch mal Denker zum Konzernlenker? Philosophen als Finanzberater, Historiker als Vorstandschefs – bei den Briten sind Quereinsteiger normal, in deutschen Firmen Exoten. Ein Fehler, sagen Personalprofis: Der Wirtschaft entgeht viel.

Lebender Beweis bei Spiegel Online: der britische Altphilologe John Gladwyn, der nun als Finanzberater arbeitet. Da kann ich, finde ich, mithalten: Ich habe mich im Germanistik-, Geschichts- und Kunstgeschichtsstudium ausgiebig mit dem Dreißigjährigen Krieg, der Ästhetik der Frühaufklärung, den römischen Sakralbauten Berninis und der Eichendorff-Rezeption durch die völkische Literaturwissenschaft beschäftigt – genau die richtigen Kenntnisse also, um heute Online-Kommunikation für einen IT-Dienstleister wie DATEV zu machen! ;-)

Marketing und Aristoteles

Aber im Ernst: Viele Tätigkeiten (zumindest in den Bereichen, in denen ich unterwegs war und bin) sind heute so hoch spezialisiert und einer so starken Veränderungsdynamik unterworfen, dass man im Studium ohnehin im Idealfall die Grundlagen vermittelt bekommt. Das spezifische Fachwissen eignet man sich dann im Beruf an (und ist für den Rest seines Lebens damit beschäftigt, up to date zu bleiben). Und die Grundlagen in meinem Studium waren: Sich in komplexe Themen und Probleme reindenken, sie auseinandernehmen und versuchen Lösungen zu finden; schwierige Sachverhalte durchdringen, aufbereiten und vermitteln; Kommunikation in Wort und Bild und verschiedenen Jahrhunderten analysieren und verstehen. Eigentlich nicht die schlechtesten Voraussetzungen, um mal im Marketing zu arbeiten, auch wenn mein Wissen über die Aristotelische Poetik und ihre Bedeutung für die Literatur der Frühen Neuzeit heute eher peripher gefragt ist …

Ähnlich war es übrigens schon in meinem vorigen Job als Verlagslektor – nur weil man dort mit Büchern zu tun hat heißt das noch lange nicht, dass ein geisteswissenschaftliches Studium einen automatisch für den Beruf des Lektors qualifiziert. Zumal es schon damals den klassischen Lektor gar nicht mehr gab, jedenfalls nicht in meinem Verlag, dort war ich eher (auch wenn’s schrecklich klingt) „Buchmanager“; oder prosaischer: Mädchen für alles. Und dieses „alles“, vom Lektorieren über das Verfassen von Werbetexten, das Kalkulieren von Deckungsbeiträgen, das Verhandeln von Verträgen bis hin zum Händchenhalten bei Autoren mit Schreibhemmung, konnte ich auch erst im „trainig on the job“ lernen.

Na ja, und so kann ich dem Verfasser des Spiegel-Artikels nur zustimmen. „Gladwyn hat bei den Römern und Griechen trainiert – heute spielt er für die Finanzexperten. Für den Briten völlig normal“, schreibt er. Christian hat bei den Dichtern, Geschichtsschreibern und Künstlern trainiert – heute spielt er für DATEV. Für ihn auch ganz normal.

Und nein, ich will nicht Konzernlenker werden. ;-)

5 Gedanken zu “Mein kleines Jubiläum: 10 Jahre IT-Exot

  1. na, ja und auch ich kann sagen, dass ich „alles in allem nach wie vor froh bin“ Dich eingestellt zu haben… Auf die nächsten 10 wo wir Zukungft gestalten. Gemeinsam.

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  2. Quereinsteiger bringen wahrscheinlich frischen Wind in alte Ecken. Es gibt sogar Leute, die behaupten, dass wir heutzutage in den Schulen ohnehin einen Großteil der Kinder gar nicht mehr richtig ausbilden. (Wir wollen sie für die nächsten 30 Jahre fit machen, wissen aber genaugenomen noch nicht mal, wie es in fünf Jahren um die Welt bestellt ist.) Wir gucken nicht, was die wirklich können oder interessiert, sondern schlagen patsch eine Schablone drüber, und wer nicht ins Schema passt hat halt verloren. (Ich hab damals ins Schema gepasst – muss ich mich dafür schämen?) Hier ist ein äußerst faszinierender Vortrag von einem kühnen Vordenker auf diesem Gebiet. Könnte Dich interessieren, und Antje mit Sicherheit auch:

    und hier ist die Fortsetzung:

    und hier die Zusammenfassung:
    http://www.ted.com/talks/ken_robinson_changing_education_paradigms.html

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  3. Mit Ihrem Beitrag sprechen Sie mir aus der Seele, Christian! Auch ich war einst geisteswissenschaftlicher Exot und bin heute mit größtenteils studienfernen Tätigkeiten beschäftigt. Es sei an dieser Stelle gestattet, den Chefredakteur der Online-Redaktion der „Nürnberger Nachrichten“ zu zitieren. Dieser gab mir einst auf den Weg (nachdem ich mit 34 Jahren ein Praktikum absolviert hatte): „Geisteswissenschaftler können ALLES, weil sie das Denken gelernt haben.“

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  4. @Claus Obwohl ich „schwierig“ bin? ;)

    @Markus Auf jeden Fall ist die dauernde Komprimierung der falsche Weg – Gymnasium eindampfen von 9 auf 8 Jahre, Studium eindampfen auf Bachelor etc. Aber darüber haben wir ja vor ziemlich genau einem Jahr schon mal geplaudert …

    @Bernd Sehr schönes Zitat, kommt in meine Sammlung!

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  5. Glückwunsch von einem Geisteswissenschaftler an den Anderen, der in Deutschland in der IT Branche „überlebt“ hat. In dieser Beziehung hinken wir gegenüber den Angelsachsen immer noch hinterher, wo Quereinsteiger normal sind.

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