Fukushima und die Entdeckung der Langsamkeit

Sehr ungut, was da in Japan passiert. Ich weiß, es gibt Wichtigeres als die mediale Begleitung dieser Katastrophe (nämlich die Auswirkungen der Katastrophe auf die Menschen selbst), aber in diesem Blog geht’s nun mal vor allem um Medien und Kommunikation. Also möchte ich euch kurz erklären, warum viele Medien – alte und neue – aus meiner Sicht an diesem Thema gescheitert sind.

Noch vor Kurzem hatte ich mich ja sehr positiv darüber geäußert, wie Fernsehen, Zeitungen und Social Media die Revolution in Ägypten begleitet hatten. Echtzeit-Kommunikation und Live-Berichterstattung haben uns die Ereignisse sehr unmittelbar erleben lassen. Die gleiche Unmittelbarkeit erweist sich nun in der Auseinandersetzung mit dem drohenden GAU in Japan als großes Problem.

Denn leider ist das, was zurzeit in Fukushima passiert, erstens furchtbar kompliziert, zweitens optisch ziemlich unspektakulär und findet drittens sehr gemächlich statt. Und das ist ungünstig, wenn man als Nachrichtenkanal in Dauer-Sondersendungen oder als Online-Nachrichtenmagazin den ganzen Tag irgendetwas Neues berichten oder als verunsicherter Privatmensch im Minutentakt 140-Zeichen-Nachrichten dazu in die Welt twittern will.

Stell dir vor, es ist Katastrophe und es gibt nichts zu sehen

Zunächst zu den Nachrichtensendern, zum guten alten Fernsehen also: So ein Ereignis und Sender wie n-tv oder N24 sind einfach nicht kompatibel. Seit Freitag höre ich auf diesen Sendern, wie stündlich die Super-Katastrophe herbeigeredet wird. Was sollen die armen Redakteure hinter und Journalisten vor der Kamera auch anderes machen? Denn zu sehen gibt es – nichts. Das Kernkraftwerk steht da und steht da und steht da. Und wenn „endlich“ etwas passiert und das Kraftwerk scheinbar in die Luft fliegt, kommen Experten mit komplizierten Berufsbezeichnungen daher, sagen, eine Explosion sei noch lange kein Super-GAU und machen den Fernsehleuten das Leben damit auch nicht leichter. (Wen’s interessiert: Hier gibt es in Englisch oder Deutsch den Versuch einer seriösen Einordnung der Ereignisse in Fukushima – ausführlich und recht verständlich. Und hier wenig spektakuläre, aber dafür faktenreiche Updates zur Situation.)

Also wird spekuliert, fabuliert und phantasiert, was das Zeug hält. Der GAU ist da, der GAU ist noch nicht da, der Kern ist geschmolzen, der Kern ist noch nicht geschmolzen, eine große radioaktive Wolke ist ausgetreten oder vielleicht auch nicht … und so weiter. Ehrlicherweise müsste man sagen: Wir haben keine Ahnung, was da zurzeit passiert. Wir sehen nichts, wir messen nichts, wir wissen nichts. Wir haben es mit einer unsichtbaren Katastrophe zu tun. Das ist aber natürlich etwas wenig für eine Sondersendung nach der anderen.

Im Live-Ticker: heute Katastrophe, morgen Bundesliga

Nicht viel besser machen es die Online-Nachrichtenseiten. Ich weiß nicht, wer auf die Idee gekommen ist, zu jedem halbwegs aktuellen Ereignis einen „Live-Ticker“ auf die Homepage zu nehmen. Aber fast alle tun es, allen voran Spiegel Online, und stellen damit allein durch die Wahl der journalistischen Darstellungsform das Erdbeben und seine dramatischen Folgen auf eine Stufe mit einem bunten Bundesliga-Nachmittag.

Und auch hierbei tappen die Journalisten in die Aktualitäts-Falle: Wenn man schon einen Live-Ticker hat, möchte man natürlich auch live tickern, und wenn es keine Fakten zu tickern gibt – genau, dann wird halt spekuliert, fabuliert und phantasiert …

Kernschmelze-Tweets in rauen Mengen

Unter einem ähnlichen gefühlten Aktualitätszwang stehen viele Twitterer, die sinnlos Tweets zu Japan durch die Gegend schleudern, vor allem Links auf die live tickernden Berichte der oben genannten Online-Nachrichtenmagazine. Das hilft niemandem, verbessert das Informationsangebot nicht und potenziert nur den ohnehin schon hektischen Informations-Aktionismus. Noch bevor jemand das Wort Kernschmelze auch nur googeln konnte, hatte es sich tsunamiartig (sorry!) auf Twitter ausgebreitet. Alle spekulierten, fabulierten und phantasierten wild von Kernschmelzen und anderen Dingen, von denen eigentlich keiner eine Ahnung hatte.

Ich will aber nicht päpstlicher als der Papst sein: Auf Twitter sind vor allem Laien (wie ich) unterwegs, nicht jeder Tweet muss relevant sein, und außerdem finde ich nachvollziehbar, dass man durch einen drohenden GAU verunsichert ist, auch wenn er 9.000 Kilometer entfernt (vielleicht) stattfindet.

Was die vergangenen Tage aber meines Erachtens zeigen, ist, dass die hektische, auf Breaking News im Minutentakt ausgerichtete Echtzeit-Berichterstattung bei solchen Ereignissen nicht hilfreich ist, im Gegenteil. Für die plappernden Journalisten kann der Rat nur lauten: einfach mal die Klappe halten. Für die beplapperten Medienkonsumenten: einfach mal ausschalten.

Bildnachweis: Gerd Altmann / www.pixelio.de

12 Gedanken zu “Fukushima und die Entdeckung der Langsamkeit

  1. …verdammt gut beobachtet. Und „Aktualitätszwang“ ist ein schöner Begriff !

    Geschwindigkeit als Selbstzweck. Es kann bedeutungslos sein, inhaltlich falsch oder auch aufgewärmt: Hauptsache schnell. In dieser Geschwindigkeit verkommt dann jede wirkliche Anteilnahme. Aber, – um die geht es ja ohnehin nur als Marekting-Tapete. Wäre wohl unerträglich, wie ein drohender Meteoriteneinschlag in 12 Monaten auf diesem Planeten medial verarbeitet würde. Am Schluß wäre dann alle froh, wenn er endlich einschlägt … ;-)

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  2. Hm, stimmt … Vielleicht auch nur der Server down. Ich lass den Link mal noch bis heute Abend stehen, wenn er dann nicht geht, nehme ich ihn raus. Ist aber eine 1:1 Übersetzung des englischen Textes, müsstet ihr also bitte so lange das Original lesen …

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  3. Na, ich hoffe für uns alle, dass dieser Post wie auch der hochinteressante verlinkte Artikel nicht zu „Famous Last Words“ werden. Stichwort „Sie kann nicht sinken“.

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  4. Hoffe ich auch. Allerdings schließe ich mich mit diesem Blog-Beitrag explizit nicht der Sicht „Sie kann nicht sinken“ bzw. den hoffnungsvollen Ausführungen im verlinkten Beitrag an. Kann ich auch gar nicht, dazu habe ich viel zu wenig Ahnung von der Materie. Mir geht es darum, wie einige Medien das Thema begleiten.

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  5. Gut beobachtet, Christian!

    Ein für mich sehr wichtiger Unterschied (zum Fall der Revolutionen in Tunesien und Ägypten) ist auch, dass sich kaum jemand mit dem Thema auskennt. Wer weiß schon, wie ein Kernreaktor funktioniert? Kombiniert mit der Tatsache, dass jeder Angst for Radioaktivität hat (wovon die meisten natürlich auch nichts verstehen), führt das zu reflexartig wiedergekäuten Katastropheneinschätzungen. Was die Medien stattdessen tun sollten (aber zumeist dabei versagen) ist zu erklären, was denn da nun wirklich passiert ist. Das nötige Hintergrundwissen bereitstellen. Es ist eine Schande, dass man auf privaten Blogs mehr lernt als in der Tagesschau.
    Leider ist das, was man dann lernen muss, nicht ganz einfach zu verstehen. Spaltbare Nuklide, Neutronen, Moderatoren, Halbwertszeiten, Kettenreaktion, radioaktiver Zerfall, etc., so genau wollen wir es dann wohl meist nicht wissen. Aber wir müssen! Ohne dass man mit diesen Begriffen wenigstens ein bisschen umgehen kann, braucht man gar nicht erst versuchen, sich ein halbwegs realistisches Bild der Dinge zu machen. Ich krieg ja kein Deutsches Fernsehen, aber kann mir mal jemand sagen, ob es da Sondersendungen gab, in denen die benötigte Nachhilfe bereitgestellt wurde? Eine halbe Stunde Yogeshwar kann Wunder wirken.
    Ich habe immerhin mit Freude zur Kenntnis gewonnen, dass etliche der Berichte in den Medien quantitativ waren. Da werden uns tatsaechlich immer häufiger Strahlendosen mitgeteilt, selbst wenn die Einheiten dann doch manchmal danebengingen. Aber wenn ich die harten Zahlen habe, kann ich mir ein Bild machen! Ich weiss dann, oder kann mich per Wikipedia schlau machen, dass mir bei 400mSv/h in der Nähe des Reaktors das Gruseln kommt, dass aber fast alle Werte in guter Entfernung zum Reaktor weitgehend harmlos waren.

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  6. Hi Markus,
    mein Eindruck war Folgender: In den ersten Tagen herrschte absolutes Chaos bei den Berichterstattern. War ja blöderweise auch noch Wochenende, da hat man auf die Schnelle wohl niemanden erreicht, der sich auskennt. Also machten die wildesten Vermutungen (elegant getarnt als Behauptungen) die Runde. Ich habe mehrfach tatschlich gehört und gelesen, dass die Kernschmelze jetzt da sei, und der Super-GAU auch, weil das AKW ja explodiert sei. Einige Tage später wurden die Headlines dann zurückhaltender: „mögliche Kernschmelze“ usw. Selbst seriöse Medien wie die Süddeutsche Zeitung haben von einer „nuklearen Explosion“ fabuliert, was mindestens verwirrend ist, weil natürlich alle gleich an eine A-Bombe denken … Nachdem sich die erste Aufregung gelegt hatte, wurde es dann wie gesagt seriöser, kein Abend mehr ohne Sondersendung und Expertenrunde, inklusive Yogeshwar ;-) Der wurde übrigens heute ganzseitig in der Sonntags-FAZ sehr gelobt, leider ist der Artikel nicht online, daher kein Link. Doch selbst diese Sondersendungen fand ich z.T. ärgerlich, da sie sich primär mit der Frage beschäftigt haben, ob und wenn ja wie wir hier in Deutschland betroffen seien … Das ist so egozentrisch, dass man es nur zynisch nennen kann und zeugt einmal mehr vor der typisch deutschen Angst vor dem bösen Atom, aber das ist ein anderes Thema …
    In Sachen Medien passiert jetzt genau das, was ich vor einer Woche vermutet habe: Die Situation ist nicht besser oder schlechter als damals, aber langsam interessiert sich keine alte Katz mehr dafür. Spätestens nach dem dritten Abend mit Brennpunkt in Folge, wird’s lanweilig für die Medien und den Zuschauer. Und so wird die Situation in Fukushima noch wochen- oder monatelang heikel sein, aber keinen interessiert’s mehr. Wir hatten ja unsere Dosis hyperventilierender Aufregung drei Tage lang, das muss reichen. Und siehe da, weil die Welt es zurzeit besonders gut mit uns meint, ist mit Libyen der nächste mediale Aufreger da, den wir uns wieder ein paar Sondersendungen lang reinziehen dürfen – natürlich auch im Live-Ticker auf Spiegel online … und dann … ach, wird schon wieder irgendwas passieren …

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    • Hallo Christian,

      ich denke, ich sehe das genauso wie Du.

      Hier noch, so zur faktisch-didaktischen Erbauung, ein wunderschöner Link, der Strahlendosen in Beziehung setzt und anschaulich macht, was „viel“ oder „wenig“ Strahlung ist. Faszinierenderweise wurde er vom Macher eines web-comics (xkcd) erstellt. Allerdings eines der besten und „nerdigsten“ Comics die es so gibt (woraus folgt: ich bin ein Nerd). Was, frage ich mich, sagt das über die seriösen Medien?

      http://xkcd.com/radiation/

      Grüße,

      Markus

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    • … janz jenau so is ditt ! Ich denke, wir würden dem Problem evtl. näher kommen, wenn wir das aktuelle Geschehen in Japan bzw. dessen „journalistische Begleitung“ vergleichend in drei Zeitebenen skizzieren/beschreiben würden:

      a) 1930
      b) 1970
      c) today

      Meine These: Wir haben uns die technischen Möglichkeiten geschaffen, in der JEDE Information (zeitgebunden) ihren Marktwert hat und die Gehirne von beschriebenen Aktualisierungszwängen bedrängt werden. Was dabei dann `raus kommt, dürfen wir gerade „genießen“ … die Geister, die ich rief …

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