Leistungsschutzrecht: Freibier für alle – aber nur gegen Geld!

Letzte Woche hatte ich das Vergnügen, am Web Content Forum in Köln teilzunehmen (und beim Thema Social Media mitzudiskutieren). Das vielleicht nicht spannendste, mit Sicherheit aber kurioseste Thema, das dort beackert wurde, war das so genannte Leistungsschutzrecht für Presseverlage. Klingt dröge, ist aber so grotesk, dass ich ein paar Zeilen darüber schreiben muss …

Regelmäßige Leser dieses Blogs wissen, dass ich ein Fan bedruckten Papiers und digitaler Inhalte gleichermaßen bin. Allerdings muss ich zugeben, dass ich die gute alte Zeitung auch aus nostalgischen Gründen bevorzuge: Das Rascheln des Papiers zur Tasse Kaffee und so weiter … Denn nüchtern betrachtet gibt es wenige Argumente dafür, jeden Monat über 40 Euro an die Süddeutsche Zeitung zu überweisen, um deren Inhalte auf Papier zu lesen, wo ich doch viele der Artikel und Kommentare auch kostenlos online im Web-Portal der Süddeutschen Zeitung nachlesen kann – und zwar einen Tag früher als in der gedruckten Version.

Geschäftsmodelle? Fehlanzeige!

Dabei befindet sich die Süddeutsche Zeitung in guter Gesellschaft: Den meisten Presseverlegern ist zum Thema Etablierung eines Geschäftsmodells im Internet bisher gar nichts eingefallen. Sie stellen ihre Print-Inhalte mehr oder weniger unverändert und kostenlos ins Web – und wundern sich über sinkende Auflagen.

Na und?, werdet ihr sagen, der Markt wird’s schon richten! Manche werden sich erfolgreich mit kostenlosen Inhalten durchsetzen und durch Anzeigen Einahmen erzielen. Andere werden es schaffen, Paid-Content-Modelle zu etablieren, vorausgesetzt sie bieten Inhalte im Web, für die man auch zu zahlen bereit ist. Wieder andere werden vielleicht Kooperationen abschließen und zum Beispiel mit zahlungswilligen Unternehmen zusammenarbeiten, die ihren Kunden hochwertige Web-Inhalte zur Verfügung stellen wollen. Und schließlich werden manche, denen keine Strategie zum Umgang mit den neuen Medien einfällt, vom Markt verschwinden.

Die GEZ für Verlage …

So weit, so einfach. Gäbe es nicht erstaunlich einflussreiche Verlags-Lobbyisten und erstaunlich leicht beeinflussbare Politiker (mit eher rudimentär entwickelter Medienkompetenz). Denn die haben sich das Leistungschutzrecht für Presseverlage einfallen lassen.

Das soll so funktionieren: Die Verlage stellen ihre Inhalte weiter kostenlos ins Netz und bekommen dafür eine Art Gebühr, eine Pauschal-Abgabe, die alle zahlen sollen, die diese Inhalte lesen (zumindest wenn sie das im beruflichen Umfeld tun; dazu würde vermutlich auch der Mitarbeiter gehören, der in der Mittagspause am Firmen-PC einen Artikel liest). Außerdem soll zahlen, wer Verlags-Inhalte zu gewerblichen Zwecken „vervielfältigt, verbreitet oder öffentlich zugänglich macht“, wobei auch hier kein Mensch weiß, was mit „gewerbliche Zwecke“ gemeint ist.

… und gebührenpflichtiges Freibier für alle

Statt sich also zu überlegen, wie man mit journalistischen Inhalten im Internet Geld verdienen könnte, wünschen sich die Verlage die Einführung einer Art GEZ, die für einen konstanten Geldfluss in diesem Fall nicht zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk, sondern zur privatwirtschaftlichen Verlagsbranche sorgt (was umso kurioser ist da die Verlage an anderer Stelle massiv gegen die Internet-Aktivitäten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks agitieren).

Das ist als würde eine Brauerei Freibier für alle ausgeben, sich dann bei der Politik über fehlende Einnahmen beschweren und zur Lösung des Problems eine allgemeine Freibier-Abgabe einführen. Das ist nicht nur grotesk, sondern auch marktschädigend, denn die wenigen Brauereien, die sich seriös mit der Frage beschäftigen, ob man den Leuten das Bier nicht lieber zu einem angemessenen Preis verkaufen sollte, werden dadurch natürlich vom Markt verdrängt.

Urheberrecht … Schon mal davon gehört?

Die Verlagslobbyisten betonen (so auch auf dem Web Content Forum in Köln), ihnen gehe es nicht um eine neue Einnahmequelle, sondern um den Schutz ihrer Inhalte, für den man eine rechtliche Grundlage brauche. Denn heute könne ja jeder einfach die journalistischen Inhalte verwenden und letztlich damit machen, was er wolle.

Das ist zunächst schlicht falsch. In Deutschland, liebe Verleger, gibt es eine ganz tolle Erfindung namens Urheberrecht. Das sorgt dafür, dass man Inhalte eben nicht einfach weiterverwenden darf, ohne den Urheber zu fragen und ggf. dafür zu entlohnen – schon gar nicht im gewerblichen Bereich. Ich weiß, wovon ich rede, denn für die Internet-Seiten von DATEV haben wir in der Vergangenheit immer wieder Inhalte auch von großen deutschen Zeitungen zugekauft (gekauft!!!, liebe Verleger, das heißt ihr habt für eine Leistung Geld von uns bekommen!). Zurzeit versuchen wir übrigens wieder, bestimmte Inhalte für unsere Webseite zu bekommen, und siehe da: Es ist alles andere als einfach! Denn die meisten Zeitungen sind gar nicht darauf eingestellt, ein zahlungsbereites Unternehmen mit Inhalten zu versorgen. Weder gibt es auskunftsfähige Ansprechpartner noch definierte Prozesse oder gar transparente Preismodelle – das muss man in einem Verlag ja auch alles nicht etablieren, wenn man statt dessen über eine Verlags-GEZ viel einfacher an Geld kommen kann.

Google News, das Reisebüro für Freibiertrinker

Zum anderen ist das Problem, dass Verlags-Inhalte kostenlos im Web verfügbar sind, natürlich komplett hausgemacht. Niemand hindert die Inhaber von Inhalten daran, diese im Netz nicht frei, sondern kostenpflichtig zur Verfügung zu stellen. Und niemand hindert sie daran, Nachrichten-Sammler wie Google von ihren Inhalten auszuschließen, was technisch nun wirklich keine Rocket Science ist.

Überhaupt Google: Warum die Lobbyisten im Dienst Google News den großen Feind ausgemacht zu haben glauben, erschließt sich wohl nur ihnen selbst. Ja, Google sammelt Headlines und Teaser öffentlich zugänglicher Nachrichten im Web und bereitet sie unter Google News auf. Wer die Nachrichten lesen will, wird aber zu den Portalen der Verlage verlinkt. Google sorgt also für erheblichen Traffic auf den Verlagsseiten. Und nein, Google verdient daran nicht einen Cent, denn anders als bei anderen Google-Seiten gibt es bei Google News keine einzige Anzeige. Um mal im Freibier-Bild zu bleiben: Das ist als würde ein Reisebüro KaffeeBierfahrten organisieren und massenhaft Biertrinker zu unserer Brauerei bringen – die sich darüber aber nicht freut, sondern vom Reisebüro eine Gebühr haben will.

Zu absurd, um geltendes Recht zu werden?

Das ganze Modell ist also so absurd, dass ihr nun wahrscheinlich fragt, warum ich euch mit solchen Albernheiten und Schildbürger-Streichen die Zeit stehle. Ganz einfach: Das Leistungsschutzrecht ist auf dem besten Weg, geltendes Recht zu werden. Denn im Koalitionsvertrag der schwarz-gelben Bundesregierung steht folgender Passus:

Verlage sollen im Online-Bereich nicht schlechter gestellt werden als andere Werkvermittler. Wir streben deshalb die Schaffung eines Leistungsschutzrechts für Presseverlage zur Verbesserung des Schutzes von Presseerzeugnissen im Internet an.

Solchen Blödsinn unseren Politikern als Notwendigkeit zu verkaufen – da kann man vor den Verlags-Lobbyisten nur den Hut ziehen. Aber wer weiß schon, wie viel Freibier geflossen ist, bis es so weit war …

Hier findet ihr weitere Informationen zum Leistungsschutzrecht:

Bildnachweis: Verena N. / www.pixelio.de

9 Gedanken zu “Leistungsschutzrecht: Freibier für alle – aber nur gegen Geld!

  1. Seit etwa zwei Wochen verlangt die New York Times, wohl eine der besten Zeitungen in den USA, für ihr online-Angebot Geld, sobald man mehr als eine bestimmte Anzahl von Artikeln pro Monat lesen möchte. Dies hat zu teilweise heftiger Kritik an der NYT geführt. Was ich jedoch nicht verstehe ist, warum Leute der Ansicht sind, einen Anspruch auf kostenlose erstklassige journalistische Arbeit zu haben. Derzeit sind wir wohl noch in der Phase, wo einige Verlage vieles kostenlos Anbieten, andere wiederum Geld verlangen. Über kurz oder lang wird da wohl ein gewaltiger Umbruch bevorstehen.
    Ich habe kürzlich in einem Blog eine interessante Analyse dazu gelesen: Früher war es enorm schwierig, Information massenhaft zu verbreiten. Zeitungen taten sich deshalb mit Unternehmen zusammen, die statt Nachrichten Werbung verbreiten wollten, und so konnten die Zeitungen große Zuschüsse sowohl für die Druckkosten als auch für ihren Journalistenstab gewinnen. Heute jedoch ist es ein Kinderspiel, Information praktisch instantan weltweit zur Verfügung zu stellen. Es gibt demnach das Druckkostenproblem nicht mehr, aber immer noch die Notwendigkeit, gute Journalisten zu bezahlen. Solange die Werbeschiene noch funktioniert, sollte das also weiterhin klappen, aber wenn Unternehmen inzwischen anders Werben, oder Zeitungen immer noch „nebenher“ riesige Druckereien unterhalten, dann fällt irgendwann schmerzlich auf, dass das Modell, das vor 100 Jahren gut funktionierte, heute ausgedient hat. Und wie Du so schön geschrieben hast, hat keiner eine wirklich gute Idee, wie man die gute alte Zeitung rentabel und akzeptabel ersetzen könnte.

    Gefällt mir

  2. Richtig beschrieben, das „Online GEZ Modell“ ist sozusagen Gülle. Es ist im Übrigen ja nicht zu begreifen, was den gedruckten Inhalt vom Onlineinhalt eigentlich unterscheidet. Jedenfalls vom Nutzer und vom „missbräuchlichen“ Nutzer. Da finde ich den Verweis auf das Urheberrecht richtig und entscheidend.
    Es gibt schließlich Verlage, die schon clevere Modelle entwickeln. Etwa ihre Onlineformate schlank halten und darüber hinaus nur Anreißer online stellen und ihren Abonnenten breitere Informationen anbieten, während andere gegen Gebühr lesen können. Und das geht auch ganz einfach. Ob die richtig Geld damit verdienen, weiß ich aber nicht.
    Doch warum sollten die Verlage nicht ihre Verbindungen zur Politik und auch deren unterentwickelte Medienkompetenz ausnutzen? So eine Gebühr ist doch chic und schließlich stinkt Geld nicht. Und wenn es gar noch mithilft, die schönen alten und wohl sortierten Verlagsstrukturen zu erhalten darf es schon mal dies und jenes Freibier sein. Na dann (…wie kann ich eigentlich online mit die anstoßen?;-)

    Gefällt mir

  3. Das ist ein wunderbares Beispiel für Lobbyismus. Ich finde gelegentlich, man sollte es Wirtschaftsterrorismus nennen. Da wird ein Bedrohungsszenario aufgebaut (Verlust von Arbeitsplätzen, kein qualitativer Journalismus mehr und damit was? Volksverdummung?, genereller Blackout u.v.m.) und damit die Regierung unter Druck gesetzt. Und dann werden Forderungen gestellt.

    Nun, wenn unsere Regierung glauben möchte, dass wir eine „öffentlich-rechtliche“ Zeitung brauchen, dann geht GEZ, dann gehört da aber auch ein entsprechendes Überwachungsgremium dazu und ein klarer Bildungsauftrag. Welcher Verlag soll denn das Rennen machen? Einer reicht uns ja dann (bzw. mir würde es reichen, wenn die bestehenden Öffentlich-Rechtlichen ihr Online-Angebot anders positionieren könnten; die haben ja grundsätzlich schon einen Auftrag und da haben wir die passenden Strukturen).

    Eigentlich müsste man derart „tolle Ideen“ lachend zurückweisen. Darüber zu diskutieren ist im Grunde schon lächerlich. Aber wenn man gut verkumpelt ist, dann hört man sich die Sorgen und Nöte schon mal an und versucht zu helfen, wenn man in der passenden Position sitzt.

    P.S.: Das Freibier-Bild gefällt mir sehr gut. :-D

    Gefällt mir

  4. Den Freibier-Vergleich haben lustigerweise die Verleger erfunden. „Freibier kann nicht für immer fließen, ohne dass die Brauerei pleitegeht …“, so das „Argument“.

    Das Ganze erinnert mich stark an den Umgang der Musikindustrie (und deren Lobbyisten) mit dem Internet. Auch die haben im neuen Medium nur Risiko und keine Chance gesehen, sind in beleidigte Abwehrhaltung gegangen statt sich zu überlegen, wie man das Medium gewinnbringend nutzen kann, haben diejenigen kriminalisiert, die sich dann eben selbst im Web versorgt haben, und haben Heerscharen von zwielichtigen Abmahn-Anwälten losgeschickt … Das Ergebnis ist bekannt: Ein bis dahin völlig unbeteiligter Dritter, nämlich Apple, hat die Chance be- und ergriffen, die größte Musik-Plattform im Web aufgezogen und verdient heute beim Verkauf jedes einzelnen Songs mit …

    Gefällt mir

  5. Der Irrsinn ist doch längst Praxis: Bei den Öffentlichrechtlichen Medienanstalten. Deren Selbstausweitung zu beenden, wäre eine echte IGEL-Initiative.

    Gefällt mir

  6. […] Wir sehen mal großzügig darüber hinweg, dass Politiker ohnehin jedesmal, wenn Sie einen Satz phrasenhaft mit “es kann nicht sein, dass …” oder “es geht nicht an, dass …” beginnen, eine Ohrfeige bekommen sollten. Aber inhaltlich ist das halt leider komplett falsch. Google verdient mit Google News und den Inhalten der Verleger kein Geld. Die Verleger hingegen könnten mit ihren Inhalten auch im Web Geld verdienen, wenn sie denn ein Geschäftsmodell hätten (zum Beispiel: die Lektüre ihrer Inhalte bepreisen). Tun sie aber nicht, statt dessen stellen sie ihre Inhalte Google und den Lesern kostenlos zur Verfügung und wundern sich dann, dass sie kein Geld damit verdienen. (Aber das habe ich ja alles schon mal geschrieben.) […]

    Gefällt mir

Und jetzt sag deine Meinung:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s