Willkommen in der digitalen Gesellschaft

Das Internet ist böse. Es ist eine einzige Aneinanderreihung von Risiken. Es gefährdet den Datenschutz, das Urheberrecht, das Überleben des Journalismus und das Persönlichkeitsrecht von Häuserfassaden. Und es begünstigt diabolische Konzerne wie Google und Facebook. Absurde Ansichten im 21. Jahrhundert? Schön wär’s …

Wer gelegentlich in meinem Blog vobeischaut, weiß, dass ich ein Freund differenzierter Betrachtung bin, und die Zuspitzung im Absatz zuvor ist natürlich total übertrieben. Und dennoch gibt es in unserem schönen Land für meinen Geschmack beim Thema Internet viel zu viele Schwarzmaler, die immer nur die Risiken und Gefahren, nicht aber die Chancen und Möglichkeiten im Blick haben. Beispiele gebe ich im Blog ja immer wieder: von Street View bis zum Jugendmedienschutzstaatsvertrag, vom Leistungsschutzrecht bis zur Wirklichkeitswahrnehmung im Web.

Ein bisschen mehr Vernunft und Sachkenntnis

Daher freue ich mich, wenn ich merke, dass nicht wenige wie ich der Meinung sind, dass das Web in den letzten zehn Jahren viele großartige Veränderungen (und natürlich auch manche Probleme; aber bitte mit dieser Gewichtung und nicht umgekehrt!) mit sich gebracht hat. Denn die gibt es natürlich, nur werden sie öffentlich (soll heißen: außerhalb der oft um sich selbst kreisenden Zirkel von Kleinbloggers- und -twittersdorf) nicht wirklich wahrgenommen. Und daher begrüße ich im Prinzip auch die Gründung der Digitalen Gesellschaft e.V., die im Umfeld des Blogs netzpolitik.org entstanden ist.

Kritiker meinen, hier würde nur eine neue Lobbygruppierung entstehen. Möglich, schlimmstenfalls wird das passieren, dann haben wir einen Betonkopfverein mehr, diesmal halt Pro-Internet. Aber bestenfalls entsteht hier eine Gruppierung, die ein bisschen Vernunft, Sachkenntnis und Innovationsfreude in den öffentlichen Diskurs zum Thema Internet bringen kann. Und das wäre doch schon ein gewaltiger Fortschritt.

„Das alles ist wunderbar …“

Gleichsam im Manifest der neu gegründeten Digitalen Gesellschaft heißt es:

Früher konnte man nur mit qualitativen Verlusten Bücher, Musik und Filme kopieren. Heute geht das verlustfrei. Früher hätten wir Lagerhallen mieten müssen, um die Schallplatten hören zu können, die wir heute auf kleinen Geräten mit uns herumtragen können. Das alles sind wunderbare Dinge. Wir können uns unsere Freunde aussuchen, statt sie nur im Dorf haben zu können. Wir können mit Menschen am anderen Ende der Welt sprechen, ohne dass wir Millionen an die Bundespost für Verbindungsgebühren bezahlen müssen. Das Netz macht die Welt kleiner, fördert den Kontakt mit und das Verständnis für andere Kulturkreise. Und es schafft die Möglichkeit, Wissen einfach zu erwerben. Das alles ist wunderbar. Das alles wollen wir nicht nur erhalten, wir wollen es weiter ausbauen. Das ist unser Ziel.

Das kann ich guten Gewissens unterschreiben. Ich bin jedenfalls gespannt, wie es mit dieser Initiative weitergeht.

Bildnachweis: Digitale Gesellschaft

9 Gedanken zu “Willkommen in der digitalen Gesellschaft

  1. ob sich da nun die „Achse des Bösen“ formiert (@doris) weiß ich nicht. Offen gestanden ist es mir auch ziemlich schnurz. Um „Urheberrechtsfragen und Vergütungen“ wollen sie sich kümmern, die „content allianz“. Sollen sie, sicher mit dem Blick auf Gebühren ähnlich GEZ. ARD-Piel bemerkt: „Zeiten, in denen eine scheinbar endlose Vielfalt an medialen Inhalten und Angeboten praktisch jederzeit und an jedem Ort verfügbar ist, gerät die Leistung von Inhalteanbietern und -produzenten gelegentlich in Vergessenheit. Das ist eine fatale Entwicklung, die auch auf europäischer Ebene befördert wird. Die Politik in Deutschland ist dazu aufgefordert, hier wachsam zu sein und gegenzusteuern.“
    Falsch. Nicht die Politik ist gefordert. Die Inhalteanbieter- und produzenten sind gefordert „jederzeit und an jedem Ort“ mit ihren guten Inhalten und Produkten präsent zu sein. Alles andere ist am Ende Willkür, Diktatur…nennt es wie ihr wollt. Ich werde es nicht mögen.

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  2. Es haben halt viel zu viele noch nicht begriffen: „Teile und du wirst bekommen.“
    Soll nicht biblisch klingen. Funktioniert aber so. Wer den Fluss stoppt, damit ihm nichts mehr davon schwimmt, dem fliesst auch nichts Neues mehr hinzu.
    Wünsche ein schönes Wochenende :)

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  3. Vielleicht ist eines der Probleme die Tatsache, dass wir noch nicht wissen, wie wir mit den Risiken des Internets umgehen sollen oder sie gegebenenfalls bekämpfen können. Zum Beispiel stammt die Rechtsgrundlage für fast alles im Internet noch aus vor-Internet-Zeiten, und das ist nicht optimal. Außerdem kennen sich zu wenige Leute mit diesem Mysterium wirklich aus. Da es eher die jungen als die alten sind, schwelt da übrigens auch ein Generationenkonflikt mit („die Jungen wollen uns auf diesem Weg ausbooten“).
    Hinzu kommt, dass die Ängste vor Firmen wie Google ja nicht an den Haaren herbeigezogen sind. Google organisiert das Wissen unserer Welt, eine in der heutigen Zeit un-unterschätzbare Machtposition. Bedenkt man, dass wir für keine dieser Firmen jemals irgendwo gewählt haben, kann das gestandene Demokraten besorgt machen. Google frönt dem Image des surfenden, M&Ms mampfenden, verspielten Nerd, aber die Business Manager im Hintergrund haben sicherlich auch längerfristige Ziele, unter denen „Geld verdienen“ und „Machtposition sichern“ wohl recht weit oben stehen. Natürlich liebe ich Google und wollte es nicht missen, aber muss das heißen, dass ich mir keine Sorgen machen darf?

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    • Gegen Sich-Sorgen-Machen ist nichts einzuwenden, gegen Schwarzmalen schon. Und viele malen reflexartig schwarz, wenn es um’s Internet geht, auch deutsche Politiker. Das meiste, was ich bisher an Gedanken von deutschen Politikern zum Thema Internet-Rechtsgrundlage zur Kenntnis genommen habe, war grotesker Blödsinn. Da gibt es übrigens, glaube ich, auch einen Unterschied zwischen Deutschland und den USA, wo man dem Medium doch aufgeschlossener gegenüber steht, zum Beispiel twittern einige hochrangige Politiker, und Obama selbst hat im Wahlkampf ja das Web recht virtuos genutzt. Aber das kannst du besser beurteilen als ich.

      Nur deinen Einwand, wir hätten niemals ein Unternehmen wie Google demokratisch legitimiert, kann ich nicht nachvollziehen. Google ist kein Politiker, sondern eine Firma und bedarf keiner demokratischen Legitimierung, jedenfalls nicht in einer freien Demokratie. Google muss sich an die Gesetze halten, und die werden von demokratisch legitimierten Politikern gemacht, das ist der Hebel des Volkes sozusagen. Und es ist ja nicht so, dass Google sich seine heutige Position mit bösen Tricks erschlichen hat. Da haben zwei Jungs buchstäblich in einer Garage mit einer guten Idee begonnen, und daraus wurde ein Riesen-Konzern. Solange der nichts Illegales tut, ist daran nichts auszusetzen. Und falls wir Unbehagen gegenüber so einem Konzern empfinden, liegt es an uns, die Angebote von Mitbewerbern zu nutzen.

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