Über die Frauen-WM, Macho-Journalisten und einen ehrenwerten Formel-1-Fahrer

Dass ich an dieser Stelle mal über die Pressekonferenz eines Formel 1-Fahrers schreiben würde, hätte ich auch nicht gedacht. Muss aber sein. Denn wie sich hier manche Qualitäts-Jorunalisten und Medien verhalten, ist schon ein tolles (Lehr)stück. Es zeigt, wie man aus nichts eine Skandal-Meldung macht und sich anschließend der nötigen Aufklärung verweigert …

Was war geschehen? Am Wochenende hatte sich der Formel 1-Fahrer Nico Rosberg angeblich in einer Pressekonferenz despektierlich über Frauen-Fußball geäußert und die Frauen-WM mit den Paralympics verglichen. Ein Formel 1-Macho über Frauen und Behinderte? Fertig ist das Klischee und der Skandal. Zum Beispiel bei Spiegel online:

Besonders die – fest in Männerhand befindliche – Formel 1 ist ein wahrer Quell an Macho-Sprüchen. Ganz weit vorne in puncto schlechter Stil liegt Nico Rosberg: Auf die Frage, ob er ein Spiel bei der Fußball-WM der Frauen anschauen würde, antwortete der Rennfahrer: „Man schaut doch auch Paralympics – Menschen, die nicht ganz so große Leistungen bringen können.“ Aber wenn sie unter sich anträten, sei es trotzdem spannend.

Macho-Journalisten auf Schulhof-Niveau

Diese und ähnliche Darstellungen wollte Rosberg aber nicht auf sich sitzen lassen und veröffentlichte auf seiner Homepage ein Gesprächsprotokoll, das ein ganz anderes Bild zeigt – nämlich eines von ein paar Macho-Journalisten, die auf Schulhof-Niveau über Frauen im Sport lästern („Frauen sind eigentlich grundsätzlich behindert“), und von einem Formel 1-Fahrer, der sich gerade nicht auf dieses Niveau begibt und dessen Paralympics-Zitat böswillig aus dem Zusammenhang gerissen wurde.

So weit, so peinlich für einige Journalisten, die hier von einem 26-Jährigen Rennfahrer vorgeführt bekommen, was es heißt, sich Quellen genau anzuschauen.

Zweideutigkeiten statt Klarstellung

Noch peinlicher finde ich, wie sich manche Zeitungen im Nachhinein der Aufklärung verweigern und – statt den zu Unrecht lädierten Ruf Rosbergs wiederherzustellen – durch zweideutige Formulierungen so tun, als gäbe es Spielraum für Interpretationen.

Beispiel Berliner Morgenpost: Sie schreibt von „Rosbergs Rolle rückwärts“, als müsse der Fahrer irgendetwas zurücknehmen. Eine Klarstellung ist aber keine Rolle rückwärts, die würde man vielmehr von den Zeitungen erwarten, die ihre Leser falsch informiert haben.

Beispiel (und hier wird’s als Abonnent für mich besonders ärgerlich, aber das kennt ihr ja schon …) Süddeutsche Zeitung: Auch hier ergeht man sich in vagen Andeutungen, schreibt von Rosbergs „PR-Unfall“ und macht ihn damit implizit zum Unfallverursacher. Auch Sätze wie …

Der um seinen Ruf besorgte 26-Jährige beteuerte nun, es handle sich um „eine gravierende Fehlinterpretation meiner Aussagen“.

… entlassen Rosberg nicht aus der Defensive – wer etwas beteuert, ist nicht unbedingt im Recht, sondern sieht sich verzweifelt genötigt, sich zu verteidigen, weil man ihm nicht glauben will.

Immerhin: eine Richtigstellung …

Immerhin Spiegel Online zeigt, wie man’s besser macht, redet Klartext und ringt sich zu einer Richtigstellung durch:

Die Frauen-Fußball-WM gucken? Warum nicht, „man schaut doch auch die Paralympics“, so wurde Nico Rosberg zitiert. Es hagelte Kritik. Jetzt veröffentlichte der Formel-1-Fahrer ein Gesprächsprotokoll. Es zeigt: Rosberg wurde falsch interpretiert. (…) Liest man das Protokoll, scheinen viele Machos in der Runde gewesen zu sein. Nico Rosberg gehörte offenbar nicht dazu.

Fazit: Jeder kann mal Mist bauen. Aber nicht jeder ist im Stande, das hinterher auch zuzugeben.

Danke an Gert für den Hinweis!

Bildnachweis: Thommy Weiss  / www.pixelio.de

4 Gedanken zu “Über die Frauen-WM, Macho-Journalisten und einen ehrenwerten Formel-1-Fahrer

  1. Ich hatte ja insgeheim schon gehofft, dass Du dazu bloggst ;-) Merci!

    Hab mich gestern einfach tierisch über die SZ geärgert. Hatte nämlich die Tickermeldungen gelesen und mich dann über die Reaktion/Transparenz von Rosberg gefreut (bin kein Formerl1- oder Rosberg-Fan, fand aber diesen Einblick in das „Herrengespräch“ sehr aufschlussreich).
    Dass dann die SZ so einen verzerrenden Artikel (NACH der Veröffentlichung des Pressegesprächs) veröffentlicht, hat mich dann schon schockiert. Da kann man dann auch zur Meinungsbildung Bild lesen.
    Und ich frag mich dann schon, was für eine Aufgabe die „klassische“ Presse hier erfüllt. Da lautet gerade bei der SZ ja immer der Tenor „>echtewahnsinnig< wichtig – ein Blogger hat nicht die Ausbildung, recherchiert schlecht, hat keine Objektivität…".
    Das Problem der Zeitungen mit Leserschwund liegt m.E. nicht an der "bösen" neuen Online-Welt, sondern (auch) schlichtweg daran, dass ein mündiger Leser einfach für Schrott kein Geld ausgeben will.

    Ach ja: Kleiner Tipp an die SZ: SZ-Magazin und Heribert Prantl-Meinungsbeiträge im Abo würd gern ich bezahlen. Vielleicht so nen Kleinen Micropayment-Button unter die Artikel, dann kann man da ja auch mal echten Journalismus honorieren.

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    • Da hat mir das Worpress doch echt den einen Satz zerhauen, sollte heißen:
      „Da lautet gerade bei der SZ ja immer der Tenor „Echte Jouranlisten sind wahnsinnig wichtig – ein Blogger hat nicht die Ausbildung, recherchiert schlecht, hat keine Objektivität…““

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  2. … das gehört für mich mit zum Thema: Eine stetig wachsende Anzahl von Medienkanälen (jeder ist heute ein Medienkanal!) kämpft um Aufmerksamkeit und entwickelt so Lügengeschichten, die jenseits jeder Realität sind. Kommen dann Richtigstellungen, bemerkt die in der Nachrichten-Flut keiner mehr. Vor diesem Hintergrund nimmt mein Vertrauen in Nachrichten/Meldungen zunehmend ab. Wir lassen uns von der Konkurrenz um Aufmerksamkeit verblöden: Klicks bringt, was Vorurteile bestätigt oder vermeintliche Absurditäten beschreibt. Objektivität bzw.. Wahrheitssuche dagegen ist öde …

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