neue Top Level Domains

Schildbürgerstreich: neue Top Level Domains (nTLD)

Es gibt Absurditäten, die die Welt nicht braucht: ein Rathaus ohne Fenster zum Beispiel, in das man wie die Schildbürger eimerweise Licht zu tragen versucht. Oder neue Top Level Domains fürs Internet, für die viele Lobbyisten zurzeit trommeln. Dass ihnen eine Zeitung wie das Handelsblatt dafür eine Bühne bietet, ist etwas ärgerlich …

Eigentlich war das Thema neue Top Level Domains (nTLD oder newTLD) für mich längst „durch“. Ich hatte schon vor über einem Jahr an einer Podiumsdiskussion in Berlin teilgenommen, dargestellt, warum ich das Thema für unnötig und überbewertet halte, und mich damit bei den zahlreich versammelten Lobbyisten recht unbeliebt gemacht (und zugleich Zustimmung von den anwesenden Unternehmensvertretern bekommen).

Nun ist aber diese Woche im Handelblatt ein ganz erstaunlicher Artikel erschienen, in dem ein Pro-nTLD-Lobbyist ausführlich und unwidersprochen zu Wort kommt. Dann widerspreche ich halt, und wenn auch nur in meinem kleinen, bescheidenen Blog.

Worum geht es?

Top Level Domains kennt ihr alle: Das sind die obersten Ordnungskategorien für Internetseiten bzw. die für die Nutzer sichtbaren Endungen einer Internetadresse. Es gibt grob gesagt länderspezifische TLDs (zum Beispiel .de für Deutschland oder .at für Österreich) und generische TLDs (zum Beispiel .com für „commercial“ oder .org für „organization“). So kommen die uns allen bekannten Internetadressen wie http://www.bundeskanzlerin.de, http://www.wien.at, http://www.microsoft.com oder http://www.wikipedia.org zustande.

Vor einigen Jahren ist nun die ICANN (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers), die für die Verwaltung der Top Level Domains zuständig ist,  auf die Idee gekommen, neue generische TLDs einzuführen. Jedes Unternehmen und jede Institution soll eigene TLDs beantragen können. Künftig könnte unsere Hauptstadt dann z. B. unter der TLD irgendendwas.berlin erreichbar sein oder ein großes bayerisches Unternehmen unter der TLD irgendwas.bmw. Zahlreiche Dienstleister, die an den nTLD gut verdienen würden, reisen seitdem durch die Republik und werben auf Roadshows und in Unternehmen für die tollen neuen Möglichkeiten.

Lobbyisten-Argumente pro nTLD im Handelsblatt

Und wozu das Ganze? Die Frage beantwortet uns aus Sicht der Dienstleister und Lobbyisten das Handelsblatt in seinem Beitrag Domain-Endungen: Kaum Nachfrage nach eigener Web-Adresse:

Nach Meinung des Internetexperten Eggensperger hätten die meisten deutschen Konzerne noch nicht erkannt, welche Möglichkeiten der Markenkommunikation sich mit eigenen Endungen ergeben würden. „Denkbare Domains wie .nivea, .mini oder unternehmenseigene wie .nike oder .siemens geben insbesondere großen Unternehmen ein neues und nicht einmal teures Instrument an die Hand, für ihre Marke zu werben“, sagte der Vorstand von United Domains.

Immerhin erwähnt das Handelsblatt, dass der „Internetexperte“ Eggensperger vielleicht nicht ganz uneigennützig argumentiert („United Domain verdient an dem Internetadressenhandel als Dienstleister.“) Dennoch räumt man seiner Unternehmensschelte viel Platz ein und macht sich seine Ansichten mehr oder weniger zu eigen:

„Ein großer Teil der Dax-Konzerne verschläft das Thema“, ärgert sich der Internetpionier. (…) Für Unternehmen, die es versäumen, eine eigene Endung zu beantragen, kann es womöglich teuer werden.

Schlafmützigkeit der Entscheider?

Leider kommt im Handelsblatt keines der vielen Unternehmen zu Wort, die sich bewusst gegen firmeneigene TLDs entschieden haben. Dann hätten die Leser erfahren, dass das nichts mit der Schlafmützigkeit der Entscheider zu tun hat, sondern mit guten Argumenten. Hier sind die drei aus meiner Sicht wichtigsten:

1. Die nTLD kosten richtig viel Geld

Seriösen Berechnungen zufolge entstehen bei der Beantragung und Einrichtung einer firmeneigenen TLD Einmalkosten von mindestens 500.000 Euro. Hinzu kommen jährliche Kosten von rund 150.000 Euro. Außer blumigen Worten (neue „Möglichkeiten der Markenkommunikation“) steht diesen Kosten kein nachvollziehbarer, geschweige denn kalkulierbarer Nutzen gegenüber.

2. Ungewöhnliche generische TLDs haben bislang schon nicht funktioniert

Es gibt sie ja heute schon, die sprechenden generischen Top Level Domains – nur nutzt sie kein Mensch. Die mit Abstand am häufigsten genutzten TLDs sind .com, .de und .net. Dagegen werden heute schon existierende TLDs wie .aero, .coop oder .museum bestenfalls in homöopathischen Dosen genutzt, die meisten Nutzer kennen Sie vermutlich gar nicht.

3. Kein Nutzer braucht neue Top Level Domains

Das scheint mir das wichtigste Argument zu sein: ICANN und Lobbyisten denken an die Unternehmen, die für die nTLDs Geld ausgeben sollen – aber nicht an die Kunden, sprich die Web-Nutzer, für die neue TLDs nur Nachteile, aber keine Vorteile bringen würden.

Grob gesagt gibt es ja heute schon zwei Sorten von Internet-Nutzern: eine kleine Gruppe, die weiß, was eine Internet-Adresse ist, und diese auch gelegentlich im Browser eintippt. Wenn ich die Webseite von BMW erreichen will, weiß ich, dass ich mit http://www.bmw.de oder http://www.bmw.com vermutlich recht weit kommen werde. Durch nTLDs würde diese intuitive Herangehensweise auf kurz oder lang nicht mehr funktionieren.

Die zweite, mit Sicherheit deutlich größere Gruppe schert sich nicht um Internet-Adressen und kommt auf anderen Wegen zu den Webseiten von Unternehmen. Vor allem natürlich über Google. Man vertraut sich und sein Anliegen der Suchmaschine an, die erledigt dann den Rest und findet die Seite des gesuchten Unternehmens. Es ist eben kein Zufall, dass einer der am häufigsten gesuchten Begriffe bei Google „Facebook“ ist – nicht weil so viele Leute Informationen über Facebook suchen, sondern weil das für sie der normale Weg ist, die Seite von Facebook zu erreichen. Mit anderen Worten: Wer neue Top Level Domains propagiert, tut so als gäbe es keine Suchmaschinen.

Fazit: Ich bin gespannt, wie sich das Thema weiterentwickelt. Meine Prognose: Es wird ein paar neue TLDs geben, aber durchsetzen wird sich das nicht. Und es wird wohl noch ein paar dramatische Zeitungsartikel geben, die 5-vor-12-Stimmung bei den Unternehmern verbreiten wollen. Doch auch das wird nichts ändern. Und in ein paar Jahren werden wir alle über den Schildbürgerstreich von ICANN und nTLD-Lobbyisten nur noch lachen …

7 Gedanken zu “Schildbürgerstreich: neue Top Level Domains (nTLD)

  1. Christian, auf Siete 2 des Artiekls findet man folgendes „Insider berichten, dass ein Dax-Unternehmen eine Adressenendung für einen siebenstelligen Betrag zurückkaufen musste.“. Ist da aus Deiner Sicht etwas Wahres dran? Gruss, Tom

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    • Für mich klingt das nach Drohgebärde. Auch in der Werbung für ihr nTLD-Modell haben die „Dienstleister“ immer mit „kommt nicht zu spät, sonst ist es zu spät“ argumentiert. Und die Formulierung „Insider berichten“ ist doch des Handelsblatts nicht würdig: Entweder ist das so, dann sollen sie recherchieren und Ross und Reiter nennen. Oder es ist ein von einem der „Internetexperten“ lanciertes Gerücht, dann sollen sie auch das deutlich machen. Das stört mich ja gerade so an dem Handelsblatt-Artikel, dass die Journalisten dem Lobbyisten nicht nur Raum geben, sondern sich seine Argumentation mit solchen vagen Formulierungen letztlich zu eigen machen … Ich gehe davon aus, dass die DAX-Konzerne (und nicht nur die) ihre Marken gut geschützt haben, daher halte ich das für ein Gerücht.

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  2. Also ich würde mich freuen, wenn eine neue TLD entsteht, wie die generische .web oder .site. dann habe ich endlich die möglichkeit meinen namen nicht schmidt24.de oä nennen zu müssen, sondern schmidt.web (denn auch mein tatsächlicher nachname ist wie fast jeder schon vergeben). daher als kleiner privatnutzer, insbesonder für meinen mailserver für die gesamte familie und verwandte, interessant.

    Was Unternehmen angeht, hast du natürlich recht. warum sollte bmw.de jetzt plötzlich info.bmw heißen….unsinn. ich denke .web un .xxx wird sich durchsetzen, da steht ein unternehmen dahinter, dass mal schön asche machen will. bitteschön, wenns klappt… und es tut ja keinem weh…

    vg

    Serialcabler

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    • Völlig richtig – nur leider sind Privatanwender diejeingen, an die als letzte gedacht wurde, das sieht man ja an den astronomischen Kosten. Vielleicht bekommt man als Privatanwender mittelbar die Möglichkeit, die nTLDs zu nutzen, indem zum Beispiel Berlin die TLD .berlin erwirbt und dann ihren Bürgern die Möglichkeit schafft, unter z.B. schmidt.berlin erreichbar zu sein. Aber auch da fragt sich: Will man das wirklich? Spätestens bei einem Umzug nach Hamburg wird sich die Frage stellen, ob die gute alte .de nicht besser gewesen wäre …

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