Schall und Rauch

Ich habe ja neben meinem Internet-Job noch ein paar Ehrenämterlein. Eines davon: Redaktion und Layout für den Gemeindebrief unserer Kirchengemeinde.

Meine Lieblingsseiten in diesem Gemeindebrief (aber auch in jedem anderen Gemeindebrief, den ich in die Finger bekomme), befassen sich mit den „Kasualien“, also vor allem mit Taufe und Tod. Nicht weil ich eine morbide Ader habe, sondern weil man hier so wunderbar auf einen Blick sehen kann, wie sich eine Gesellschaft über Generationen hinweg verändert.

Namen seien Schall und Rauch, heißt’s ja in Goethes Faust. Mag sein, allerdings klingt und riecht das heute ganz anders als früher. Glaubt ihr mir nicht? Alles nur Klischees, meint ihr? Also gut, hier mal wahllos herausgegriffen und durchaus repräsentativ aus verschiedenen Gemeindebriefen meine Best-of-Kasualien:

Verstorben sind:

Hans, Edeltraut, Alfred, Adolf, Richard, Fritz, Otto, Lieselotte, Rosemarie, Erika, Gerhard, Elfriede, Karl, Konrad, Gisela, Dorothea, Georg, Katharina, Gottlieb, Ilse, Edith, Heribert, Johann, Heinz …

Getauft wurden:

Dennis, Laurin, Laura, Lara, Timo, Yannick, Jannik, Vincent, Ronja, Jason, Celina, Selina, Gabriel, Pascal, Fabio, Vanessa, Mona, Elisa, Nils, Mika, Leonie, Lisa-Maria, Sofia, Lilly, Linus, Lena, Luca, Tamara, Marcelo, Miranda …

Schade, dass ich in 80 Jahren nicht mehr leben werde. Würde mich doch brennend interessieren, wie die Täuflinge heißen, wenn all die Kevins, Janniks und Celinas zu Grabe getragen werden.

Übrigens: Nicht wenige modernen Eltern neigen offenbar dazu, ihre Kinder mit vielen Namen zu behängen, Motto „viel hilft viel“. Und so wird statt einem gänzlich banalen Paul Müller ein Linus Johannes Paul Müller in die Welt gesetzt. Und weil Maria Huber niemanden beeindruckt, sei sie getauft auf den Namen Clara Maria Tamara Huber. Klingt doch gleich viel imposanter.

Amen.

Bildnachweis: Cornelia Menichelli, Simone Peter / www.pixelio.de

2 Gedanken zu “Schall und Rauch

  1. Ich weiß ja nicht, ob nur mir das so geht, aber ich empfinde bei diesem völlig richtig beschriebenen Phänomen ein tiefes Unbehagen, das sich nicht etwa darauf bezieht, dass ich an irgendwelchen alten Namen hängen würde, es ist etwas anderes: die selbstgefällige Wichtigtuerei, das prätentiöse Gehabe, das völlig unbegründete Selbstwertgefühl der namensgebenden Eltern – das klingt bei mir an, wenn ein x-beliebiges Kind aus einem x-beliebigen Vorstadt-Wohnsilo von seinen x-beliebigen Eltern mit einem „Veronique Isadora“ behängt wird, hinter welchem ein banales „Schmitt“ folgt. Oder wenn (das ist dann der Gipfel) Namen, die es auch im Deutschen gibt, in der fremdsprachigen Form vergeben werden. Da kommt dann ein „Frederic Guillamo“ dabei heraus, weil das ja sooo wahnsinnig schick klingt, so international, so cool, so trendy. „Friedrich Wilhelm“ dagegen – igitt wie spießig, wie altbacken, wie deutsch, nein, das geht gar nicht. Na und dann gibt es ja noch jene unsäglichen Namen, die einer Sozialdiagnose gleichkommen und ihre Träger stigmatisieren. Aus all den Kevins, Yannicks, Chantals und Jennifers dieser Welt wird nie was werden. Bei der Namensgebung ziert die Eltern wie das Kind ein gewisses Maß an Understatement – weder einfallslos noch aber überkandidelt. Für diese Balance haben immer weniger Menschen ein Gespür, will mir scheinen. Wenn ich Geburtsanzeigen lese, kommt mir daher häufig der schöne Satz in den Sinn: „Den leeren Sack bläst der Wind auf, den leeren Kopf der Dünkel“.

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