1994 – Aufbruch ins Unbekannte

1994 war für mich ein besonderes Jahr – ich durfte ein Jahr lang in Rom leben. Es waren bewegte Zeiten für Italien, Zeiten des Umbruchs. Und es war das Jahr, in dem ein gewisser Silvio Berlusconi an die Macht gekommen ist, der sein Land inzwischen an den Rand des Ruins getrieben hat, in Europa und im eigenen Land nicht mehr ernst genommen wird und kurz vor dem politischen Aus steht (das diesmal hoffentlich endgültig ist).

1994 – das scheint vom Jahr 2011 aus betrachtet ein anderes Zeitalter gewesen zu sein. Es gab noch keine G20, sondern nur eine G7, an deren Beratungen mit Boris Jelzin erstmals ein russischer Präsident teilnahm. In Deutschland wurde Helmut Kohl wiedergewählt – natürlich, denn der Spitzenkandidat der SPD war Rudolf Scharping. In Ruanda versuchten die Hutu die Tutsi-Minderheit möglichst grausam und vollständig umzubringen, Nelson Mandela wurde Präsident von Südafrika und in Nordkorea starb Kim Il Sung (was aber irgendwie auch nichts geändert hat). Michael Schumacher wurde (mit seinem Benneton-Ford) erster deutscher Formel 1 Weltmeister, Sony brachte die erste Play Station auf den Markt, der Netscape Navigator hatte einen Marktanteil von über 80 Prozent und im Kino waren viele beeindruckt, dass Steven Spielberg auch ernsthafte Themen wie den Holocaust auf die Leinwand bringen konnte.

Auf zu neuen Ufern

Das alles war für mich von eher untergeordneter Bedeutung. Ich hatte meine Magister-Zwischenprüfung in Deutsch und Geschichte hinter mich gebracht (es ging um Thomas Mann und den Dreißigjährigen Krieg) und hatte, ausgestattet mit einem ERASMUS-Stipendium, beschlossen, ein Jahr lang in Italien zu studieren. Und so fuhr ich Ende September 1994 mit dem Zug von Erlangen nach Rom. Während der Fahrt las ich in einem Schwung Nabokovs Lolita, fragte mich, ob das wirklich eine gute Idee war, dieser Aufbruch ins Unbekannte, und ahnte noch nicht, dass ein ganz wunderbares Jahr vor mir lag, mit vielen großartigen Erlebnissen und Erfahrungen und Menschen, die ich dort kennen gelernt habe.

Doch nicht nur ich war aufgebrochen, auch Italien hatte sich auf den Weg gemacht. 1993 beherrschten zwei Begriffe die Debatten in Italien: Tangentopoli und Mani pulite. Ersterer stand für ein ungeheuerliches System, das durch Schmiergeldzahlungen, Korruption und Amtsmissbrauch gekennzeichnet war, Letzterer für die Untersuchung, Aufdeckung und gerichtliche Demontage dieses Systems. Ausgehend von Mailand und dem dort tätigen Staatsanwalt Antonio die Pietro war bald die gesamte Republik erfasst und die etablierte politische Landschaft umgewälzt. Was jahrzentelang Italien geprägt hatte, verschwand auf Nimmerwiedersehen in den Geschichtsbüchern, vor allem die beiden maßgeblichen Parteien Democrazia Cristiana und Partito Socialista Italiano, die ebenso einflussreiche wie fragwürdige Politiker wie Giulio Andreotti und Bettino Craxi beheimatet hatten. Kurzum: Es war das Ende der so genannten 1. Republik. Um dieses politische Erdbeben zu verstehen, darf man sich vorstellen, in Deutschland würden sich von heute auf morgen CDU und SPD auflösen, weil sich ein Großteil der politischen Elite diskreditiert hat und von Strafverfolgung bedroht wird.

Ein Triumvirat fragwürdiger Gestalten

Die Stimmung in Italien war, als ich in Rom ankam, immer noch geprägt von diesen massiven Veränderungen. Die Frage „Wie geht es weiter“ war aber bereits beantwortet: Am 27. und 28. März 1994 hatte das „Triumvirat“, bestehend aus Silvio Berlusconis Forza Italia, Umberto Bossis Lega Nord und Gianfranco Finis Alleanza Nazionale, die Wahlen deutlich für sich entschieden. Was sollte man von dieser Koalition aus politisch weitgehend Unbekannten halten? Ein Milliardär, Bauunternehmer und Medienmogul, der aus dem Nichts eine neue (Massen-)Partei ins Leben gerufen hatte, deren Name eher an Fußballstadien als an Parlamente denken ließ; ein ungehobelter Rabauke mit separatistischen Tendezen, der über die „Reinheit des Nordens“ und anderen Unsinn schwadronierte; und der aalglatte Führer einer neo- oder postfaschistischen Partei, in deren Reihen auch die Duce-Enkelin Alessandra Mussolini ihre Heimat gefunden hatte (bevor sie sich wieder verabschiedete, weil sie fand, dass die Alleanza doch nicht faschistisch genug sei).

So konnte die Zukunft des Landes nicht aussehen, das war schon Ende 1994 allen klar, die die neue Konstellation mit etwa Abstand und unabhängig vom Kleinklein des politischen Tagesgeschäfts beobachteten. Hätte ich damals eine Wette abschließen müssen, hätte ich ein komplettes Abendessen in meiner Lieblings-Trattoria Isola felice darauf verwettet, dass Berlusconi & Co nur ein Übergangsphänomen sind, die bald von fähigeren Leuten abgelöst werden. Und beinahe wäre es auch so gekommen, schon 1995 und 1996 wurden die Finanzexperten Lamberto Dini und Romano Prodi Ministerpräsidenten – Politiker, die das Land mit Sicherheit nicht wie Berlusconi wirtschaftlich und moralisch an die Wand gefahren hätten, die gleichwohl keine Chance hatten, sich gegen den Populismus und Mediendruck des „Cavaliere“ zu behaupten.

Epoche der Ermüdung

Und somit war fast schon prophetisch, was Jens Petersen, damals stellvertretender Direktor am Deutschen Historischen Institut in Rom, Mitte der Neunziger Jahre über die politische Situation in Italien schrieb:

Die moralische Hochspannung der Jahre 1992/93 ist einem Klima der Enttäuschung und der Resignation gewichen. Der Schwung ist weg, die Luft ist raus. Sobald sich die Krisis überstürzt hat, so schrieb Jacob Burckhardt in seinen „Weltgeschichtlichen Betrachtungen“, so tritt „eine Epoche der Ermüdung“ ein, und „die früheren Machtmittel der älteren Routine“ reorganisieren sich. An einem solchen Punkte scheint Italien heute zu sein.*

Nur wer hätte damals gedacht, dass diese Epoche der Ermüdung über 15 Jahre lang anhalten und ebenso lange mit dem Namen Silvio Berlusconi verknüpft sein würde?

*Jens Petersen, Quo vadis Italia? Ein Staat in der Krise, München 1995, Seite 166 f.

3 Gedanken zu “1994 – Aufbruch ins Unbekannte

  1. 1994 begann für mich in Dunedin auf der Südinsel Neuseelands / Ostküste.
    Sylvester: Mit meiner Freundin Sabine baute ich unser Zelt auf dem Campingplatz auf und wir feierten dann in dem Irish Pub von Dunedin mit heftiger Band und Tanz durch die Nacht.

    Ende März kamen wir zurück. Ich „erbte“ einen VW-Käfer 1302 / Baujahr 1972, der wie aus dem Museum aussah, – aber ich braucht eigentlich gar kein Auto. Hatte mit Kumpels einen Taxibetrieb und da stand immer eine von den 25 Taxen. Für alles andere war das Rad von größerer Bedeutung. Aber gut, ich verliebte mich dann doch etwas in den flotten Käfer.

    Beruflich: Taxischule betreiben, Fahrer- und Fahrzeug-Management, Werkstatt, Taxifahren und irgend welche Zahlen in mir bizarr erscheinende Computer-Programme eingeben,
    mit den dann Mutter DATEV für unseren Steuerberater u.a. die Löhne von „Känguruh-Taxi“ gemacht hat.

    Insgesamt war das Lebensgefühl ein besonders freies, neugierig-entspanntes. Viel mehr in Cafès/Kneipen gelesen und bis nachts diskutiert. Privat keinen Computer, kein Internet und natürlich kein Mobiltelefon. Ich lebte in dreier Herren-WG, – meine Flamme lebte in dreier Damen-WG um die Ecke: Schöne Abende zu zweit, viert oder sechst. Kleine Abenteuer planen. Reiseplanungen waren wichtig.

    Politisch waren wir so unendlich Kohl-satt. Und enttäuscht, dass wir West-Berliner, die bis zur Wiedervereinigung tapfer die Stellung hielten, kulturell nun einfach unter gingen:
    Alle rannten in den Osten. Mit langen Haaren und 72er Käfer war man gerade in Brandenburg nicht überall gerne gesehen, – es gab immer wieder Schlägereien mit „rechten“ Ossis.
    Bis heute ärgere ich mich, nach der Wiedervereinigung keine Foto-Touren durch Ost-Berlin und die neuen Länder unternommen zu haben. Mit der Taxe waren wir natürlich oft in „Ost-Berlin“, privat blieben West-Berliner, oder besser gesagt Tempelhofer mit einem Kreuzberger Wohnsitz.

    Italien wurde politisch nicht ernsthaft reflektiert. Wir wußten, die hatten schon mehr Regierungen als Nachkriegsjahre und damit nahmen wir nicht ganz für voll, – das Land würde auf dem informellen Sektor regiert. Diszipliniert demokratische Mechanismen zu leben liegt ja nicht jedem Völkchen, dachten wir uns …

    Die Hertha 11.(!) in der zweiten(!) Liga zwischen Homburg und Hannover. Wiedermal trostlos. War die ganze Saison nicht im Stadion, – einfach unansehnlich.

    Wie das Jahr endete, fällt mir gerade nicht ein. Ich weiß aber noch, wie ich mich freute, dass ich jetzt schon zwei Jahre lang glücklich verliebt war und die Sache einfach nicht nachließ.
    Ein großartiges Gefühl, dass sogar noch 1995 fühlbar war …

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