Steve Jobs und „Big Apple“

Wie unglaublich schnell Technologie unser Leben verändert, merke ich immer am deutlichsten an meinen Kindern. Dass sie Telefone mit Wählscheiben und Schreibmaschinen nur noch aus dem Museum kennen werden, war schon lange klar. Dass sie aber selbst PC und Notebook irgendwie altmodisch finden und für ihre ersten Ausflüge in die unenedlichen Weiten des Internets ganz andere Geräte wählen werden, hätte ich nicht gedacht. All das hat viel mit Apple zu tun.

Ich selbst war lange Zeit ein zwar wenig begeisterter, aber doch treuer Nutzer von Windows-Rechnern. Das begann vor vielen Jahren mit für heutige Verhältnisse unfassbar raumgreifender Hardware, einem „Tower“ und Röhrenmonitor aus dem Hause Vobis. Heute entsteht, welch ein Fortschritt!, dieser Blog-Beitrag an einem Acer-Notebook, das ich jederzeit unsichtbar in einer Schublade verschwinden lassen kann.

Man muss nur seine Kinder beobachten …

Meine Kinder interessieren sich dafür nicht. Alles, was sie brauchen, sind ihre (aus Kostengründen gebraucht bei ebay gekauften) iPods, mit denen Sie spielen, E-Mails abrufen, per Ticker die Bundesliga-Spielstände verfolgen und bei Bedarf Informationen googlen. Soziale Netzwerke wie Facebook nutzen sie noch nicht, aber das wird sich bestimmt bald ändern (und auch dafür werden sie nur ihre iPods brauchen).

Vor diesem Hintergrund ist es kein Wunder, dass ich mich in dem Buch Big Apple – Das Vermächtnis des Steve Jobs von Carsten Knop, Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, von dem nun die Rede sein soll, gleich richtig abgeholt fühlte. Denn der erste Satz des Buches lautet:

Man muss nur seine Kinder beobachten. Um zu erkennen, wie sehr sich die Welt durch Apple und den Einfluss seines Mitbegründers und langjährigen Vorstandsvorsitzenden Steve Jobs in gut zehn Jahren verändert hat, reicht es, Kindern ein Mobiltelefon in die Hand zu geben.

Zwölf Jahre Apple

Knops Buch ist ein Tagebuch und beschreibt zwölf Jahre der Beschäftigung mit Apple. Zu dieser Beschäftigung gehörten regelmäßige Analysen von Apple-Zahlen und neuen Produkten ebenso wie eine persönliche Begegnung mit Steve Jobs. Doch das Buch dreht sich nicht nur um Jobs und Apple, und damit sind wir bereits bei einer ersten großen Stärke: Auch andere Unternehmen und Unternehmerpersönlichkeiten werden unter die Lupe genommen, von Eric Schmidt bis Marc Andreessen – und natürlich immer wieder Bill Gates, der große Rivale von Steve Jobs. Das hilft dabei, die technologischen Veränderungen der vergangenen Jahre zu verstehen, die immer auch aus konkurrierenden Modellen, unterschiedlichen Vorstellungen und konträren Visionen miteinander im Wettbewerb stehender Persönlichkeiten hervorgegangen sind.

Doch manchmal waren die Visionen gar nicht so unterschiedlich. Beispiel Steve Jobs und Bill Gates: Wer von beiden hat wohl schon im Jahr 2001 seinem Auditorium zugerufen: „Und in der zweiten Hälfte des Jahres 2002 werden Sie alle Ihre Mitschriften schon auf einem (…) Tablet PC erledigen“? Nein, es war nicht Steve Jobs, der Vater des iPad, sondern der Microsoft-Gründer Bill Gates, der hier weitsichtig eine neue Produktfamilie propagierte – für die nur die Zeit noch nicht reif war.

Nüchterne Analyse aus der Zeit heraus

Hier deutet sich auch schon die zweite große Stärke von Carsten Knops Buch an. Das Tagebuch-Konstrukt mag manchem merkwürdig erscheinen, es sorgt aber dafür, dass man den Weg von Steve Jobs und Apple tatsächlich Schritt für Schritt verfolgen kann. Heutige Kommentatoren lassen gerne durchblicken, dass sie natürlich schon immer irgendwie ahnten oder wussten, wie erfolgreich Apple eines Tages werden würde. Die Tagebuch-Sicht aus der Zeit heraus sorgt dagegen dafür, dass revolutionäre Neuerungen und Fehlschläge gleichermaßen thematisiert werden. Die notwendige Einordung nimmt Knop durch Einschübe vor, die mit „Hier und Jetzt“ überschrieben sind und Hinweise darauf geben, welche Bedeutung einzelne Entscheidungen und Weichenstellungen auf lange Sicht entfalteten.

Nicht alle im Buch beschriebenen Stationen haben mich gleichermaßen interessiert – das ist aber auch gar nicht nötig, da man das Buch nicht zwingend von vorne bis hinten durchlesen muss. Was etwa aus dem „G4 Cube“ von Apple geworden ist, ist wohl nur für Hardcore-Fans von Bedeutung.

Steve Jobs und die Innovationskraft der Musikindustrie

An vielen Stellen im Buch wird aber deutlich, wie oft Steve Jobs seiner Zeit voraus war – nicht zu weit wie Bill Gates im Falles des Tablet Computers, sondern weit genug, um Konkurrenten abzuhängen und verschlafene Mitbewerber gehörig aufzuschrecken. Mein Lieblingsbeispiel und nach wie vor für mich eine der beeidruckendsten Leistungen von Jobs: Wie er der Musikindustrie ein Schnippchen geschlagen und dafür gesorgt hat, dass wir heute an jedem Ort und zu jeder Zeit legal erworbene Musik hören können. Wären wir Verbraucher auf die Innovationsfähigkeit der Musikindustrie angewiesen gewesen, gäbe es heute noch die CD, Abmahnungen für Raubkopierer – und sonst nichts.

Ich erinnere mich noch gut an Musik-CDs, die man wegen ihres Kopierschutzes nicht mal auf Computern anhören (!) konnte, obwohl man sie doch für teures Geld gekauft hatte. Wer von dieser Dinosaurier-Mentalität der Musikindustrie die Nase voll hatte und im Internet nach digitaler Musik suchte, fand kein legales Angebot der Rechteinhaber für seine berechtigte Nachfrage. Wer leichtsinnigerweise Musiktauschbörsen nutzte, durfte erleben, dass die Musikindustrie ihre Energie darauf verwandte, Heerscharen von Abmahnanwälten durch die Republik zu schicken statt neue Lösungen zu entwickeln.

Zeitenwechsel im Musikgeschäft

Es musste schon einer kommen, der mit Musik bis dahin relativ wenig zu tun hatte, der aber verstanden hatte, wie man erfolgreich ist: indem man den Nachfragenden ein Angebot macht statt zu versuchen, die Nachfrage mit technischen und juristischen Mitteln zu unterdrücken. Jobs im Jahr 2003 auf die Frage, ob Apples Music Store von den Klagen der Musik-Industrie gegen Tauschbörsennutzer profitieren könnte:

Das ist eine Sache der Musikindustrie, die zurzeit ganz offensichtlich Schwierigkeiten hat. Dazu möchte ich nichts weiter sagen. Sicher ist, dass sich Apple, um in einem Bild zu sprechen, in diesem Geschäft lieber auf das Zuckerbrot, also das Angebot von Musik, konzentriert und nicht mit der Peitsche der Gerichte droht. Irgendwann wird man rückblickend sagen, dass der Apple Music Store einen unglaublichen Zeitenwechsel im Musikgeschäft eingeläutet hat.

Und einen unglaublichen Umsatz- und Gewinnschub bei Apple, möchte man ergänzen.

Fazit: Lesen!

Solche Momente gibt es viele im Buch, in denen man merkt, wie groß die Innovationsfähigkeit von Steve Jobs war, sei es bei der iPod-Einführung 2001 oder der iPhone-Einführung 2007. Ebenso lesenswert sind Carsten Knops Überlegungen zu der Frage, warum ausgerechnet Apple im Silicon Valley so erfolgreich wurde und was in Deutschland fehlt bzw. welche Voraussetzungen gegeben sein müssten, um ähnlich dynamische und innovative Unternehmen hervorzubringen.

Kurzum: Wer sich für all das interessiert und letztlich verstehen möchte, warum kleine Geräte mit einem angebissenen Apfel darauf heute so große Bedeutung haben, dem sei das Buch wärmstens empfohlen.

Carsten Knop: Big Apple – Das Vermächtnis des Steve Jobs

2 Gedanken zu “Steve Jobs und „Big Apple“

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