Ach, und übrigens … (6): Netzneutralität, Datenfeldwege und Kunden im Social Web

Über Netzneutralität, das Schattenreich der Telekom, Datenautobahnen vs. Datenfeldwege und lesenswerte Thesen zum Social Web in der Post-Shitstorm-Ära …

***

Netzneutralität ist wieder mal so ein sperriger Begriff, der nicht in der Lage sein wird, die Massen zu mobilisieren, obwohl genau das wichtig wäre. Netzneutralität meint, dass alle Daten(pakete) im Web gleichberechtigt sind und unabhängig von ihrer Art oder von ihrem Absender diskriminierungsfrei transportiert werden. Ok, zu theoretisch. Konkret heißt das: Egal ob es sich um Text, Bilder, Musik oder Videos handelt, egal ob sie von einem großen Portal wie YouTube oder von einem kleinen Blog wie meinem kommen: die Daten sausen alle frei und unbehindert durchs Web und kommen bei euch an. Es gibt niemanden, der sagt: Die einen Daten sind wichtiger als die anderen, die bekommen Vorfahrt. Und niemanden, der sagt: Der eine Anbieter könnte aber mehr dafür zahlen, dass wir seine Daten übermitteln, als ein anderer. Ist ja auch sonnenklar, warum das nicht sein darf: Weil sonst der Zensur des freien Webs Tür und Tor geöffnet wäre und Anbieter ohne die nötigen finanziellen Mittel im wahrsten Sinne des Wortes ausgebremst werden würden.

DrosselkomAber nicht alles, was sonnenklar ist, hat sich bis ins Schattenreich der Telekom herumgesprochen. Dort will man sich von Flatrates mehr oder weniger verabschieden und nach dem Verbrauch von etlichen Gigabytes das Tempo so drosseln, dass kein Mensch mehr ordentlich durchs Web surfen kann – oder mit den Worten von Metronaut:  „In der Regel wird nach Verbrauch des Volumens die Geschwindigkeit auf 1% der Ursprungs-DSL-Geschwindigkeit runtergedrosselt, mit so einem gedrosselten Lahm-Arsch-DSL kann man heute nix mehr im Internet machen. Es ist funktional kaputt.“ Das ist zwar nicht schön, aber noch kein Skandal und zum Beispiel im mobilen Internet Gang und Gäbe. Der Skandal besteht darin, dass die Telekom, die wenig liebevoll, aber zu Recht inzwischen auch Drosselkom genannt wird, unterschiedliche Daten unterschiedlich behandeln will. Das eigene Streaming-TV Entertain? Wird nicht als Teil des verbrauchten Volumens betrachtet. Der Musik-Streaming-Dienst Spotify, mit dem man einen Vertrag hat? Ebenfalls nicht. YouTube oder andere Konkurrenz-Angebote? Mit denen wird Volumen verbraucht und die Drosselung droht. Klar, worauf das raus läuft: Die Nutzer werden zu den vom Anbieter bevorzugten Datendiensten gedrängt, und das ist das Ende der Netzneutralität.

Ein kleiner Vergleich, um das zu veranschaulichen: Mal angenommen, die Autobahnen in Deutschland werden privatisiert und kommerzielle Unternehmen kümmern sich darum, dass die deutschen Autos weiter auf ihnen von A nach B fahren können: kein Problem. Auch dass die Anbieter irgendwann Maut-Systeme aufbauen und man für die Benutzung der Autobahnen zahlen muss: kein Problem (bislang hat man via Steuern ja auch gezahlt). Jetzt kommt aber Daimler aus Stuttgart auf die Idee: Fein, wir bauen nicht nur Autos, sondern kaufen auch die Autobahnen, auf denen diese Autos fahren. Und verlangen Maut dafür. Und natürlich verlangen wir von allen Nicht-Mercedes-Fahrern eine höhere Maut also von allen anderen. Und wenn’s mal einen Stau gibt, lassen wir überhaupt nur noch Mercedes auf die Autobahn, wer sich unbedingt einen BMW oder Audi kaufen muss, kann ja  Landstraße fahren …

Das Beispiel zeigt auch sehr schön, dass staatliche Regulierung in diesem Kontext zwingend erforderlich ist, das freie Spiel des Marktes wird das Problem nicht lösen (und wer mich kennt, weiß, dass ich nicht oft nach Regulierung rufe). Ein Staat, der seine Autobahnen an die Privatwirtschaft verkauft, muss das mit Auflagen verbinden: Halte die Autobahnen in Stand, bessere Straßenschäden aus, sorge dafür, dass der Verkehr fließt, nimm Geld dafür (wobei du von den einzelnen Nutzern je nach Nutzung der Autobahnen schon unterschiedlich viel Geld nehmen darfst, aber unabhängig davon welche Automarke sie fahren). Ein Staat, der seine Daten-Autobahnen den Telekoms und Kabel Deutschlands dieser Welt überlässt, muss das ebenfalls mit Auflagen verbinden. Ob unsere geschätzten Volksvertreter einmal mehr nur mahnen und warnen oder die Netzneutralität tatsächlich durchsetzen, bleibt abzuwarten.

Sehr schön visualisiert ist das ganze Thema hier: Ein Leitfaden für ein offenes Internet. Und auch der schon zitierte Metronaut erklärt das sehr anschaulich: Volumentarife und Netzneutralität – einfach erklärt.

***

Am Thema Datenautobahnen arbeitet sich auch nochmal Sascha Lobo ab, der kritisiert, dass es in Deutschland leider nur Datenfeldwege gibt. Die angebliche „Breitbandstrategie“ der Bundesregierung? Laue Luft und schöne Worte, mehr nicht. Im europäischen Vergleich nimmt Deutschland in Sachen Datenübertragungstempo keinen Spitzenplatz ein, wie von der Regierung behauptet, sondern liegt hinter Rumänien. Es ist ärgerlich und rätselhaft, dass die deutsche Politik das Thema nicht ernst nimmt. Lobos Fazit: „Es führt kein Weg an massiven staatlichen Investitionen in eine netzneutrale Glasfaserinfrastruktur vorbei.“  Ob wir das noch erleben werden? Ich lese Lobo übrigens nicht nur gern, weil er mit klarem Blick Dinge auf den Punkt bringt, sondern auch wegen solcher Sätze: „Von einem Spitzenplatz kann man also ausgehen. Wenn man eine umgedrehte Pyramide betrachtet.“ (Über das Thema Datenfeldweg habe ich auch schon mal hier im Blog geschrieben: Deutschland: Mobiles Internet im Schneckentempo.)

***

Kerstin Hofmann konstatiert, dass der Hype um die Shitstorms im Social Web inzwischen nachgelassen hat, sieht uns in einer Post-Shitstorm-Ära und nimmt das zum Anlass für eine Bestandsaufnahme zum aktuellen Stand der Kommunikation in sozialen Netzwerken. Ihre 10 Thesen dazu kann ich eigentlich alle unterschreiben und empfehle sie euch daher zur Lektüre. Ihre Frage am Anfang „Werden solche aufwändigen Social-Media-Konzepte wie das der Deutschen Bahn oder der Telekom bald Geschichte sein, weil kein Unternehmen das mehr braucht, um die Kunden zu halten und zu binden?“ würde ich klar mit Nein beantworten. Ich weiß von Unternehmen, die zurzeit sehr intensiv und seriös an Konzepten und Lösungen zum Einsatz von Social Media gerade im Bereich Kundendienst arbeiten. Nur geschieht das vielleicht etwas stiller und mit weniger Bohei als früher, als alles, was Corporate und Social war, mit PR-Maschinerie in die Welt trompetet und auf unzähligen Konferenzen als Superduper-Praxisbeispiel durchgenudelt wurde. Und das ist vielleicht auch tröstlich für Kerstin, die schwer unter der Ignoranz der Vodafone-KundenbetreuungKundenignorierung gelitten hat: Das gibt’s und wird es immer geben, aber je mehr Unternehmen den Kundendienst im Social Web ernst nehmen, desto mehr werden Kundenignoranten wie die von Vodafone unangenehm auffallen.

***

Ach, und übrigens: Ich habe seit einer kleinen Ewigkeit mal wieder Pulp Fiction gesehen, fand ihn immer noch großartig und musste wieder sehr lachen bei der besten Szene des Films, als Christopher Walken alias Captian Koons dem kleinen, staunenden Butch (als Erwachsener: Bruce Willis) die Geschichte von der Uhr seines Vaters erzählt:

Pulp Fiction

Sollte jemand die Szene tatsächlich nicht kennen (aber eigentlich solltet ihr euch dann dringend den ganzen Film anschauen):

.

In Ach, und übrigens (5) ging es übrigens um die Kakophonie der bornierten Narren, Hass und Politik im Social Web …

12 Gedanken zu “Ach, und übrigens … (6): Netzneutralität, Datenfeldwege und Kunden im Social Web

  1. Auweia, ich hoffe darüber denkt der BITKOM nochmal nach. Als hätte die Telekom mein Maut-beispiel gelesen, heißt es jetzt ganz offen: „Damit Traffic von Internet-Services wie YouTube, Watchever und Co. nicht auf das Datenvolumen der Nutzer angerechnet werden, können diese mit der Telekom Verträge abschließen, beziehungsweise eine Art „Maut“ zahlen, damit diese in das Entertain-Paket aufgenommen. Man sei indes auch offen für neue Kooperationsmodelle. Ähnliche Ansätze existieren bereits in Form der Kooperation mit dem Musik-Streaming-Dienst Spotify.“ – http://t3n.de/news/telekom-plant-dsl-drosselung-461877/

    Gefällt mir

  2. Vielleicht bin ich da zu naiv. Aber ich finde es jetzt nicht so schlimm wenn ein Telekomkunde NACH Aufbrauchen seines Volumens nur noch Telekom- und Telekompartner-Angebote sinnig nutzen kann. Es ist doch niemand gezwungen Telekom-Kunde zu sein. Oder er kauft sich halt ein größeres Paket.
    Und da hinkt auch das Beispiel mit der Autobahn, es gibt halt nicht eine Daimler- und eine BMW- und eine VW-Autobahn sondern es gibt halt nur eine. Und bei Internetprovidern hat jeder Kunde selbst die freie Auswahl aus zig Anbieten – bei der Autobahn nicht.

    Und ja: Das Thema „Netzneutralität“ ist wichtig. Und vielleicht braucht man auch eine gesetzliche Regelung was die Backbones angeht – also vereinfacht gesagt den Datenfluss bis zum Provider. Da darf es keine Bevorzugung oder Benachteiligung geben. Aber was der Provider dann mit welchem Tarif wie ausliefert ist mir persönlich eher egal (zumindest solange es noch Anbieter ohne Drosselung gibt). Da finde ich es völlig legitim wenn der Anbieter sich da ein eigenes Modell ausdenkt. Der Kunde muss sich halt den Anbieter aussuchen der ihm das beste Paket liefert.

    Um zurück zum Autobahnmodell zu kommen: Die großen Verbindungen (also der Backbone: Autobahnen, Bundesstraßen, Landstraßen, etc.) und Co. müssen diskriminierungsfrei sein. Aber wenn ein Bürger beschließt seine Auffahrt von diesen Straßen zu seinem Haus bei Anbieter X zu kaufen, der jetzt Automarke X bevorzugt, ist das doch legitim – vom Anbieter und vom Bürger. Und die Telekom drosselt ja nicht das ganze Internet sondern nur die letzten paar Meter zum Kunden. Wenn ich jetzt nicht n großen Denkfehler drin habe dann gehen die neuen Telekom-Tarife nur um diese Strecke. Und da hat jeder die freie Wahl welchen Anbieter er mit welchen Regeln nimmt.
    Insofern halte ich die ganze Debatte für übertrieben aufgeblasen. Der Telekom wird eine Bedeutung zugemessen die sie einfach nicht hat. Es geht nicht um Autobahnen, es geht um Hauszufahrten.

    BTW, aber das kritisierst Du ja auch nicht: Ich finde es super, dass endlich Tarifmodelle nach Nutzung und nicht nach Leitungsgeschwindigkeit entstehen. Ich lege nämlich privat viel Wert auf eine schnelle Leitung – habe aber ein sehr überschaubares Datenvolumen. Momentan zahle ich da genausoviel wie ein exzessiver Streamer.

    Gefällt mir

    • „Zumindest solange es noch Anbieter ohne Drosselung gibt“ – das dürfte der entscheidende Punkt sein. Meiner Wahrnehmung nach kann zweierlei passieren: Andere Anbieter schließen sich dem Telekom-Modell an, dann ist eine staatliche Regulierung zwingend erforderlich. Oder andere Anbieter positionieren sich bewusst gegen die Telekom und sind damit eine Alternative. Schaun mer mal. In jedem Fall ist die Telekom der erste Anbieter, der „die Hosen runterlässt“ und dem Netzneutralität offensichtlich wurscht ist. Im Sinne von „Wehret den Anfängen“ halte ich die Debatte daher für berechtigt …

      Gefällt mir

      • Ich bin da ganz optimistisch. Im Netz hat sich meistens doch die Freiheit und der offene(re) Standard auf kurz oder lang gegen den Anbieter-Mikrokosmos durchgesetzt (HTML5 vs. Flash, iTunes vs. Streamingdienste wie Spotify, WWW vs. AOL, etc.).

        Gefällt mir

    • PS, zu deinem letzten Absatz: Ich glaube, das ist nicht super, denn wenn ich die Telekom-Pläne richtig verstanden habe, ist geplant, das Volumen abhängig von der Zugangsgeschwindigkeit zu machen, so dass langsamere Anschlüsse weniger laden dürfen als schnelle. Wenn ich also in einer Gegend wohne, in der ich nur 16 MBit Bandbreite habe, wird früher gedrosselt als wenn ich in einer Gegend wohne, in der ich 50 MBit Bandbreite habe. Das finde ich nur schwer nachvollziehbar …

      Gefällt mir

      • Ja, das ist dämlich. Allerdings muss man auch mal auf die Zahlen gucken: http://www.telekom.de/dlp/agb/pdf/41210.pdf (Abschnitt 2.3). Im einfachsten Paket sind es 75GB bis zu Drosselung. Das reicht z.B. um einen Streamingdienst wie Spotify durchgehend zu nutzen. Wer jetzt mit Maxdome Videos guckt kommt da natürlich an die Grenzen.
        Und die Drosselung auf 384 kbit/s macht das Internet auch nicht völlig unnutzbar. Für Mails, „normale“ Websites und Co. geht das schon noch halbwegs. Dann läuft halt kein Streaming (YouTube) mehr und man braucht auch nicht anfangen einen Film auf iTunes zu kaufen.

        Mich würd allerdings mal interessieren wer überhaupt 75GB/Monat verbraucht – ich glaube das sind nicht besonders viele. Das trifft Leute die komplett Fernsehen via Web gucken, exzessive Filesharer und vielleicht ein paar andere Nischen. Die werden sich von der Telekom abwenden. Alle anderen kommen gar nicht an die Grenze.

        Gefällt mir

  3. Ok, ok, die Telekom ist doch böse ;-)
    Hab das hier gefunden: „Netzneutralität und freie Märkte – Wirft die Deutsche Telekom mit Drosseln und Zwangsroutern Deutschland zurück in die Informationssteinzeit?“ (http://www.viprinet.com/de/neutrality) – das ist nicht wirklich neutral geschrieben, aber die Punkte VDSL Verctoring, Investition in die Infrastruktur und Co. klingen recht plausibel.
    Und dass die die Bundesnetzagentur im Januar 2013 zu der neuen Auffassung gekommen ist, dass Netzbetreiber beim Kunden stehende Modems statt der Telefondose als Netzzugangsschnittstelle definieren dürfen ist der eigentliche Skandal. DAS ist der Angriff auf das freie Internet.

    Gefällt mir

  4. Viel Wind um Nichts. Bestehende Verträge sind doch nicht betroffen, wenn ich das richtig verstanden habe. Neue Verträge werden sich mit denen der Konkurrenz vergleichen lassen und dann wird man sehen, was dabei rauskommt. Und by the way: Video on demand und Fernsehen übers Internet ist weder sinnvoll noch notwendig. Broadcast hat schon seinen Sinn. Oder einfach mal wieder ein Buch in die Hand nehmen ;-)

    Beim Thema Netzneutralität bin ich zwiegespalten: ich bin der Überzeugung, dass Verursacher von Traffic und Anforderer von Bandbreite dafür auch bezahlen sollen. Wenn man dazu die Pakete scannen muss und es keine andere Möglichkeit gibt, so what? Es sollten schon die Verursacher zur Kasse gebeten werden. Irgendwie erreicht das mittlerweile Dimensionen, wo man sich langsam fragt, worin der Mehrwert in immer noch mehr Datentransfer liegen soll. Mich ärgert es, dass meine mobile Internetverbindung von Jahr zu Jahr mieser wird – der Preis aber nach wie vor praktisch gleich bleibt. Man muss den Providern schon zugestehen, dass sie die Kosten verursachungsgerecht umlegen.

    Gefällt mir

Und jetzt sag deine Meinung:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s