Der liebe Gott und das Kindeswohl

Der liebe Gott und das Kindeswohl

Wem die Argumente ausgehen, der beruft sich gerne auf Autoritäten. Zum Beispiel die eine oder andere Religionsgemeinschaft. Zum Beispiel wenn es darum geht, Kinder zu verletzen …

Welche Blüten das treibt, ist zurzeit wieder im schönen Bayern zu besichtigen. Wer es nicht mitbekommen hat: Hier gibt es im Kreis Donau-Ries die urunchristliche Gemeinschaft der Zwölf Stämme. Die hat mit ihren Kindern bisher gemacht, was sie wollte.

„Wer ihn aber lieb hat, der züchtigt ihn bald“

Zum Beispiel ihnen den Besuch staatlicher Schulen vorenthalten, weil man hier ja über schlimmste Ketzereien wie Sexualität und Evolution informiert wird. Und da es nicht reicht, die Kinder intellektuell an der kurzen Leine zu halten und ihnen den Kontakt zu Andersdenkenden zu verweigern, wurden sie regelmäßig verprügelt. In einem Kellerraum. Mit Weidenruten. Auf die nackte Haut.

Die Begründung dafür liefert der Zwölf Stämme-Oberguru Gene Spriggs im Internet: Er zitiert ein paar Bibelstellen, zum Beispiel: „Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn; wer ihn aber lieb hat, der züchtigt ihn bald.“ (Sprüche 13,24). Oder: „Torheit steckt dem Knaben im Herzen; aber die Rute der Zucht wird sie fern von ihm treiben.“ (Sprüche 22,15). Mit anderen Worten: Wir quälen unsere Kinder, weil’s der liebe Gott so will.

„Ein Recht auf gewaltfreie Erziehung“

Nun kann jeder – Stichwort Religionsfreiheit – aus dem Alten Testament für sich ableiten, was er will. Es sei denn, die daraus resultierenden Handlungen kollidieren mit unseren Gesetzen. Und so endet die Religionsfreiheitidiotie der Zwölf Stämme beim Freiheitsgrundrecht und dem Recht auf körperliche Unversehrtheit in Artikel 2 unseres Grundgesetzes und beim Abschnitt 2 des wunderschönen § 1631 unseres Bürgerlichen Gesetzbuchs. Er lautet:

Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.

Folgerichtig ermittelt die Staatsanwaltschaft Augsburg wegen Misshandlung Schutzbefohlener und gefährlicher Körperverletzung. Den Zwölf Stammeseltern wurde vorläufig das Sorgerecht und damit der Einfluss auf ihre Kinder entzogen. Diese Kinder besuchen nun ab sofort und erstmals in ihrem Leben Regelschulen. Und natürlich singen Regierungs- und Oppositionspolitiker das Hohelied des Jugendschutzes.

Kompromisslos fürs Kindeswohl?

Mit anderen Worten: Wenn es um das Wohl und die körperliche Unversehrtheit von Kindern geht, gibt es in Deutschland keine Kompromisse. Kinder verletzen aus diffusen irrationalen religiösen Gründen, weil’s der liebe Gott und die Tradition so wollen, geht bei uns gar nicht.

Es sei denn natürlich, jemand will kleinen Kindern zwangsweise, schmerzhaft und irreversibel die Vorhaut amputieren. Ist ja auch was ganz anderes.

Mehr erfahren

Zum Thema Religion und Beschneidung gab’s bereits zwei Beiträge hier im Blog:

Ebenfalls lesenswert:

Und wer glaubt, nach der Legalisierung der Beschneidung durch den Bundestag sei doch alles klar, kann zum Beispiel mal das hier lesen:

2 Gedanken zu “Der liebe Gott und das Kindeswohl

  1. Die schlimme Ungerechtigkeit dabei ist, dass diese selbsternannten Heilsbringer und selbstgefälligen Fanatiker selbst vermutlich eine freie Kindheit hatten und nicht derart gemaßregelt wurden. Wie verblendet muss man sein und wie geistig zurück geblieben, dass man nicht mehr merkt, dass die eigenen Kinder unglücklich sind? Dass sie das sind, hört man dann, wenn die Kinder frei sprechen dürfen und sie nicht von den Erwachsenen überwacht werden und ihre Wünsche und Sehnsüchte zum Ausdruck bringen können.

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  2. Vielen Dank für die Darstellung. Es kann nicht oft genug verbreitet werden, welche unsäglichen Verbrechen an Kindern unbemerkt in unserem Land stattfinden können. Ich finde es allerdings nicht unbedeutend, zu erwähnen, dass die entscheidenden Beweise, die zum Eingreifen der Behörden führten, auf Undercover-Recherchen des RTL-Reporters Wolfram Kuhnigk beruhen. Wer seinen Bericht in „RTL Extra“ gesehen hat, der könnte den Glauben an den Rechtsstaat vollends verlieren (wenn es der Fall Mollath noch nicht geschafft hat). Denn das Jugendamt wusste durchaus vorher schon bescheid, sah sich aber mangels stichhaltiger Beweise nicht zum Handeln gezwungen. Dass Reporter die Aufgaben der Ermittlungsbehörden wahrnehmen müssen, kommt zwar nicht selten vor, bedarf aber in dieser traurigen Geschichte besonderer Erwähnung.

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