Der Genuss, die Wahl zu haben

Seit 23 Jahren darf ich wählen, und es ist für mich immer noch ein Vergnügen. Keine lästige Pflicht, kein notwendiges Übel, kein taktisches Manöver, sondern: ein Genuss …

Das scheint nicht bei allen Wahlberechtigten so zu sein. Nichtwähler, Protestwähler, Wahlmüdigkeit, Politikverdrossenheit, Gejammer über unfähige Politiker, Ist doch eh egal, wer gewählt wird … Das alles sind bequeme Rückzugspositionenfloskeln, die es einem ersparen, sich mit Vergangenheit und Gegenwart auseinanderzusetzen.

Nichts ist egal

Dass ich an jedem Wahlsonntag meines Lebens, seit ich 18 bin, mit Vergnügen meine Stimme abgegeben habe und das auch bis ans Ende desselben tun werde, mag damit zusammenhängen, dass ich in den 80er Jahren politisch sozialisiert wurde. Heute wie damals ist nichts egal, aber damals war das mit Händen zu greifen. Es waren bewegte Zeiten: Die Welt konnte einem im kalten Krieg jeden Moment um die Ohren fliegen, die Teilung Deutschlands war zementiert, die Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit im Dritten Reich war allgegenwärtig (ich sage nur Historikerstreit!) , Startbahn West und Wackersdorf mobilisierten die Massen, eine damals als radikal geltende neue Öko-Partei wirbelten die politische Landschaft durcheinander.

Wahlbeteiligung bei Bundestagswahlen
Bundestagswahlen in den 80ern und heute: Es geht bergab mit der Wahlbeteiligung

All das haben wir damals nicht nur in den Nachrichten zur Kenntnis genommen, sondern in der Schule täglich heiß diskutiert – dafür sorgten leidenschaftliche (gelegentlich auch leidenschaftlich linke und ökobewegte) Sozialkunde- und Geschichtslehrer, die sich an der Vergangenheit der eigenen Vätergeneration abarbeiteten und die uns damals gehörig auf die Nerven gingen, denen ich heute aber dankbar bin.

Nichts ist sicher

Nichts ist sicher, das konnte man damals lernen. Friede, Freiheit, Gerechtigkeit, Wohlstand – es kommt immer darauf an, welche Entscheidungen wir treffen. Und die Betonung liegt auf wir. Besser als Nils Minkmar in der FAS kann man es nicht auf den Punkt bringen:

Der Moment, an dem die Geschicke der drittgrößten Industrienation der Erde in der Schwebe eines Sonntagnachmittags liegen, in dem bei einem wahnsinnig knappen Wettbewerb jeder und jede die gleiche Stimme hat, bei dem niemand vorher das Ergebnis kennen kann, jener Augenblick also, in dem der Stift auf den Stimmzettel trifft, das dürfte einer der ganz wenigen Momente reiner, unkontrollierter Machtausübung sein, die man im Leben erfährt. Wählen zu gehen im Bewusstsein der Opfer, die gefordert waren, bevor das allgemeine und gleiche Wahlrecht Gesetz wurde, es respektvoll auszuüben und sogar zu genießen, das ist das beste Mittel gegen Depression und herbstliche Ohnmachtsanflüge.

Bildnachweis: Wilhelmine Wulff / pixelio.de  

7 Gedanken zu “Der Genuss, die Wahl zu haben

  1. Wählen zu gehen heißt nicht nur die Wahl zu haben, sondern auch den Wahlprozess zu legitimieren. Ich bin frustriert, dass ich inzwischen offenbar nur noch die Wahl zwischen Pest und Cholera geboten bekomme. Ich will keines davon. Und wenn ich wählen ginge, dann würden mir am Ende auch noch irgendwelche Demokratieversteher erzählen, ich hätte jetzt gestaltend mitgewirkt, solle glücklich über meinen Einfluss sein, und mich fortan nicht mehr beklagen. Ich habe aber in Wahrheit keinen Einfluss, jedenfalls nicht über meinen 2013 Stimmzettel. Die Wahl zwischen Pest und Cholera ist keine Wahl. Und folglich suche ich weiterhin nach effektiveren Möglichkeiten, meine politische Meinung zu vertreten und andere davon zu überzeugen. Glücklicherweise gibt es die. Solange es Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit, und die Freiheit der Wissenschaft gibt, gibt es noch eine Menge andere Möglichkeiten Einfluss zu üben.

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    • Wahl zwischen Pest und Cholera? Das ist schon etwas kurz gesprungen. Du hast schon mal die Wahl zwischen fünf bis zehn halbwegs ernstzunehmenden Parteien. Alles Mist, was die bieten? Finde ich nicht. Außerdem wählst du nicht abstrakte Parteien, sondern Menschen in deinem Wahlkreis. Mit denen kann man vorher reden und sich ein Bild von ihnen machen. Da gibt es Idioten und welche, mit denen es sich zu diskutieren lohnt und denen man seine Stimme geben könnte. Ok, das ist entfernungstechnisch für dich etwas schwierig, aber erstens bis du da nicht ganz repräsentativ und zweitens hab ich solche Diskussionen auch schon auf Facebook geführt.

      PS: Was sind denn effektivere Möglichkeiten als von seinem Wahlrecht Gebrauch zu machen? Und warum warum in aller Welt sollte man nicht wählen gehen UND zusätzlich von diesen Möglichkeiten Gebrauch machen? Schließt sich da irgendwas aus?

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  2. Ich sitze hier und nicke. Bin ich doch in einem Land groß und sozialisiert worden, das einem keine wirkliche Wahl ließ. Jedenfalls keine freie.
    Klar, auch ich ärgere mich über Phrasen und beliebigkeit der Parteien, über nicht wirklich vorhandenen Alternativen, aber ehe ich der braunen Brut auch nu reinen Millimeter Platz lasse… Meine Wahl ist gelaufen. Die Stimme(n) gab es per Briefumschlag.

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  3. Ich bin auch ein begeisterter Wähler, vermutlich auch wegen Sozialisation in einem politischen Elternhaus in den 1980ern. Ich habe dieses mal sogar aus dem Ausland mitgewählt, obwohl ich auf absehbare Zeit wohl nicht mehr in Deutschland leben werde.
    Aber mit den Nichtwählern habe ich mittlerweile nicht mehr so ein Problem. Je mehr dieser Nichtwähler man kennenlernt, desto eher merkt man doch, daß deren Wahlabstinenz kein Verkust für die Demokratie ist. Was mich allerdings nervt, sind Nichtwähler, die ihre Unfähigkeit zur Entscheidung zu einem großen demokratischen Protest aufplustern: http://mosereien.wordpress.com/2013/09/21/nichtwaehler/

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