No more Secrets

No more Secrets

Die Politiker der frisch ins Leben gerufenen großen Koalition haben etwas mit den Rechteinhabern pornographischer Filme gemein: Sie misstrauen uns allen, wollen an unsere Daten und sie im Zweifelsfall gegen uns verwenden. Das gefällt mir nicht …

In Sneakers – die Lautlosen, einem netten, unterhaltsamen Spionage-Film aus dem Jahr 1992, dreht sich alles um Geheimnisse. Die alten Freunde und neuen Feinde Marty und Cosmo – Robert Redford und Ben Kingsley – haben Geheimnisse voreinander, und im Kern dreht sich die Handlung um einen Entschlüsselungscode, der quasi alle Geheimnisse der Welt offen legt. „No more Secrets“ ist die Vision von Cosmo, und was er als Verheißung meint, ist für Marty eine Bedrohung, die die Welt ins Chaos stürzen könnte.

Und letztlich ist genau das der Kern der Debatte, die zurzeit intensiv rund um den NSA-Skandal, Vorhaben wie die Vorratsdatenspeicherung und die Abmahnung von Betrachtern gestreamter (Porno-)Filme geführt wird: Wie viele Geheimnisse kann und darf ein Mensch in einer Demokratie haben?

Geheimnisse sind verdächtig

Das Cosmo-Lager sagt: Je weniger desto besser (allerdings aus anderen Gründen als im Film 1992). Geheimnisse sind verdächtig. Wer nichts verbrochen hat, hat auch nichts zu verbergen. In diesem Lager tummeln sich all jene Dienste, die lustigerweise das „Geheim“ im Namen führen, Geheimnisse zu haben aber nur sich selbst zugestehen wollen.

Dort tummeln sich reaktionäre Kräfte, die dem Bürger generell misstrauen, und Politiker, die ein „Supergrundrecht“ Sicherheit mit Vorrang vor den Freiheitsrechten postulieren – wohlgemerkt nicht nur aus dem offensichtlich konservativen Lager, denn in Deutschland befürwortet bekanntlich auch die SPD die Vorratsdatenspeicherung. Tendenziell gibt es hier auch viele „normale“ Bürger, die dem Staat und seinen Institutionen grundsätzlich vertrauen und dem neumodischen Internet mit seinen Möglichkeiten grundsätzlich misstrauen und daher im Prinzip nichts dagegen haben, wenn Ersterer Letzteres überwacht.

Freiheit vs. Sicherheit

Geheimnisse2 Auf der anderen Seite stehen die Martys dieser Welt – und ich bin einer von ihnen. Sie sind überzeugt, dass jeder ein Recht auf Geheimnisse und Privatsphäre haben muss, dass ein gläserner Mensch nicht wirklich frei ist und dass es unredlich ist, Sicherheit gegen Freiheit auszuspielen. Ein Mehr an Sicherheit verheißt schnelle, plakative Erfolge (Anti-Terror!), ein Verlust an Freiheit ist dagegen nicht sofort spürbar, und wer sich dagegen wehrt, gilt als akademisch, hysterisch, naiv oder alles zusammen (Hab dich nicht so, das hält unsere Demokratie schon aus!).

Solche Martys findet man nicht zuletzt unter Intellektuellen, in web- und technikaffinen Kreisen und im liberalen Lager, was die Sache in Deutschland nach der Wahl und dem Verschwinden der einzigen liberalen Partei nicht einfacher macht (die vielleicht nicht verschwunden wäre, wenn sie nur deutlicher liberale Positionen bezogen hätte).

Ein technologisch getriebener Paradigmenwechsel

Ich glaube, ein zentraler Grund, warum es so viele Cosmos gibt, die die Aufregung der Martys bei diesem Thema nicht verstehen können, ist Folgender: Wir haben es mit einem komplett neuen Phänomen zu tun, das es in dieser Form noch nie gab.

Ja,  Geheimdienste, Überwachung, staatliche Kontrolle und Eingriffe in die Privatsphäre gab es schon immer. Das war aber in einer analogen Welt und lässt sich nicht im geringsten mit den heutigen Möglichkeiten vergleichen. Was der Stasi an Daten und an Möglichkeiten zur Auswertung dieser Daten zur Verfügung stand, ist ein müder, trockener und schlechter Witz verglichen mit dem, was heute im Handumdrehen digital weggespeichert wird.

Was man also einmal grundsätzlich verstanden haben muss: ES GIBT VÖLLIG NEUE RAHMENBEDINGUNGEN, DIE EINE VÖLLIG NEUE BEWERTUNG NACH SICH ZIEHEN MÜSSEN!

Mir fallen mindestens drei Gründe ein, warum die Situation heute so dramatisch anders ist als noch vor wenigen Jahren:

Lückenlose Rasterfahndung

Geheimnisse3Erstens: Digitale Daten sind lückenlos. Welches Beispiel aus der alten Welt auch immer ihr nehmt – die Rasterfahndung im RAF-Kontext, die gute alte Spionage, die harmlose Verkehrs- und Geschwindigkeitsüberwachung mit Kameras: In all diesen Fällen  werden Daten punktuell erhoben, es entstehen winzige Informationsinseln, die dem Einzelnen in bestimmten Kontexten zum Nachteil gereichen können – mehr aber auch nicht.

Wer dagegen heute und morgen digitale Daten speichert, die ein Mensch hinterlässt, und ihm diese Daten zuordnen kann, erfährt ALLES über ihn. Wie kann das sein? Ich steuere doch selbst und bewusst, welche Daten ich zum Beispiel in einem sozialen Netzwerk wie Facebook von mir preisgebe!

Vergesst Facebook. Wer auf Facebook kommuniziert, will öffentlich kommunizieren, egal wie groß oder klein diese Öffentlichkeit im Einzelfall ist*. Es geht um digitale Daten, die ihr erzeugt, ohne auch nur im Entfernten an eine Veröffentlichung zu denken. Das fängt bei eurem Surfverhalten an. Ein kleines Gedankenexperiment: Lasst mich ein Jahr lang lückenlos mitprotokollieren, welche Internetseiten ihr aufgerufen habt**. Danach weiß ich mehr von euch als euch lieb ist, danach kenne ich eure Geheimnisse – und danach seid ihr erpressbar. Vielleicht gehört ihr zu jenem Drittel der Bevölkerung, das sich im Web Pornographie anschaut. Das gehört zur Freiheit in diesem Land, und dennoch wollt ihr vermutlich nicht, dass ich es erfahre und eurer Frau, euren Eltern, euren Kindern, eurem künftigen Arbeitgeber oder wem auch immer erzähle. Vielleicht habt ihr eine Krankheit und habt Google bei der Recherche danach bemüht. Oder ihr habt irgendein anderes Geheimnis und wollt mit gutem Recht, dass es geheim bleibt.

Und natürlich ist der Internet-Browser nur eines von vielen Tools, über das ihr digitale Daten erzeugt. Wer ein Smartphone hat, hinterlässt Lokalisierungsdaten in rauen Mengen. Und wer mutig ist, werfe einen Blick in die nahe Zukunft, wenn im Internet der Dinge alles mit allem verknüpft ist und jedes Auto, jede Werbefläche und selbst die Milchpackung im Kühlschrank via IP-Adresse Daten ins Netz funkt. Kein Witz, keine Science Fiction, sondern Realität.

Digitale Daten für immer und ewig

Geheimnisse4Zweitens: Digitale Daten halten ewig. Es ist völlig egal, ob Vorratsdaten drei, sechs oder zwölf Monate gespeichert werden. Denn wer garantiert, dass sie nach dieser Zeit endgültig gelöscht werden? Wer dem Staat misstraut, kann davon ausgehen, dass der Appetit beim Essen kommt und einmal erfasste Daten bei den zuständigen Ministern Begehrlichkeiten wecken. Spätestens nach einem spektakulären Verbrechen, das sich hätte aufklären lassen, wären die Daten nur nicht nach drei Monaten gelöscht worden, werden die Fristen diskutiert, vielleicht wegdiskutiert werden. Wer dem Staat vertraut, kann davon ausgehen, dass sich unbefugte Dritte der Daten bemächtigen oder andere Technologien à la Prism, Tempora oder XKeyscore nutzen, um an vergleichbare Daten zu kommen. (Und wer meint, das gäbe es nur in den USA: Der deutsche BND ist auch kein Kind von Traurigkeit.)

Führt das Gedankenexperiment also weiter und stellt euch vor, dass ich in zwanzig Jahren alles von euch weiß und ihr erst recht erpressbar seid. Vielleicht wollt ihr für ein politisches Amt kandidieren? Dumm, wenn ich dann durchsickern lasse, dass ihr euch regelmäßig Pornographie anschaut, was zwar euer gutes Recht ist, eure Karriere aber trotzdem beendet, bevor sie begonnen hat. Und wer meint, das sei ein weltfremdes Beispiel, möge das hier mal lesen.

Unsere Geheimnisse in der Big Data-Wolke

Drittens: Die Möglichkeiten, digitale Daten auszuwerten, werden grenzenlos sein. Big Data ist heute noch eine mittlere Lachnummer. Die Empfehlungen und Anzeigen, die Unternehmen wie Amazon oder Facebook aufgrund der gesammelten Nutzerdaten aussprechen und anzeigen, sind ein Witz. Auch die Methoden, mit denen die Geheimdienste heute ihre riesigen Datenmengen analysieren, dürften so elaboriert sein wie die Schnitzerei eines sechsjährigen Kindes. Immerhin sorgen sie heute schon dafür, dass die Namen von Bürgern computerbasiert und vollautomatisch auf Listen mit Terrorverdächtigen landen, von denen man auch nicht so schnell wieder runterkommt.

GeheimnisseAber das wird nicht so bleiben. Der Fortschritt ist unaufhaltsam und im Großen und Ganzen finde ich das toll. Die Technologie, mit deren Hilfe  man erstmals auf dem Mond gelandet ist, steckt heute in jedem Taschenrechner. Rechner werden nicht nur immer schneller (laut Mooreschem Gesetz verdoppelt sich die Rechnerleistung alle 18 Monate), sondern auch immer effizienter (in denselben 18 Monaten halbiert sich der Energiebedarf pro Rechenzyklus – würde ein modernes MacBook nach den Maßstäben von vor 20 Jahren gebaut werden, hätte es seinen Akku in 2,5 Sekunden leer gesaugt).

Wo die Reise in Sachen Datenauswertung hingeht, zeigt der Supercomputer Watson von IBM, der für komplexe Datenanalysen entwickelt wurde und weit mehr kann als gegen Menschen bei Jeopardy gewinnen (was schon keine einfache Sache für einen Computer ist). Die Stärke von Watson: Er kann gigantische Mengen unstrukturierter (!) Daten verarbeiten, während viele Unternehmen noch dabei sind, ihre heterogenen Daten zu strukturieren, um mit ihnen etwas anfangen zu können. Im nächsten Schritt soll Watson über das Internet Firmen und Programmierern zugänglich gemacht werden. Und manche meinen, eine Watson-ähnliche Technologie könnte in zehn Jahren in jedem Smartphone stecken.

Fazit: Datenschutz und Datensicherheit!

All das lässt meines Erachtens nur einen Schluss zu: Je aufwändiger Daten abgesichert und je weniger Daten gesammelt werden desto besser. Der Staat täte gut daran, nicht selbst zum Datensammler zu werden, der seinen Bürgern ab Geburt misstraut und daher prophylaktisch ihre Verbindungsdaten speichert. Im Gegenteil sollte er auf seine Datenschützer hören und dafür sorgen, dass die ungewollte Speicherung und Verarbeitung von Daten, etwa um massenhaft Abmahnungen wegen Kinkerlitzchen verschicken zu können, verboten wird. (Das ist selbstredend keine Aufforderung zur Abschaffung von Urheberrechten oder zur Nutzung illegaler Content-Angebote, sondern ein Wunsch nach mehr Augenmaß!)

Nur dann wird es auch künftig noch Geheimnisse geben. Und nur dann bleibt „No more Secrets“ eine Fiktion aus einem Film von 1992.

Und noch zwei Sternchen

*Das ist wichtig, denn vielleicht haltet ihr mich jetzt für schizophren: Hier im Blog habe ich mich ja immer wieder dazu geäußert, dass ich die Kritik mancher Datenschützer an Facebook für überzogen halte. Das ist aber kein Widerspruch zu diesem Beitrag. Als mündiger Nutzer habe ich mich dafür entschieden, bestimmte Informationen auf Facebook zu veröffentlichen. Ich möchte von Datenschützern nicht vor mir selbst geschützt werden. Das Problem sind vielmehr wie beschrieben Daten, die ich nicht für eine Veröffentlichung bestimmt habe!

**Bei der Vorratsdatenspeicherung wird die IP-Adresse des Nutzers gespeichert, nicht aber welche Webseiten besucht wurden. Allerdings protokollieren viele Webseiten die IP-Adressen der Besucher, zusammen mit den Daten aus der Vorratsdatenspeicherung lässt sich dann eine Zuordnung von Identität zu Inhalten vornehmen. Bei den aktuellen Porno-Konsum-Abmahnungen stammen die Daten angeblich von einer Überwachungssoftware, die Details sind noch unklar. Tatsache ist: Durch die Kombination solcher Daten lässt sich feststellen, wer im Internet was getan hat.

Bildnachweis: Wikipedia (Geheimnisse, Gemälde von Karl Witkowski)

6 Gedanken zu “No more Secrets

  1. Der beste Schutz gegen Überwachung ist nicht Sparsamkeit mit Daten, sondern vielmehr ein zuviel an eben jenen und am besten mit vielen widersprüchlichen Daten. Immer andere Geburtsdaten in den Profilen, abweichende Namen, irritierende sexuelle Neigungen, pseudonyme, Fake- und Zweitaccounts, etc.

    Solange die eigene digitale Identität einigermaßen diffus und unscharf ist dürfte ein echtes Profiling (noch?) reichlich schwierig sein. Das angenehme dabei: der User ist einigermaßen in der Gestaltungshoheit seiner digitalen Identität. Wenn jemand, nennen wir ihn Staat, diese Aufgabe übernimmt, und von außen ein Profil erstellt und zur Interpretation frei gibt, dann haben wir ein echtes Problem.

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    • Na ja … Zum einen geht es glaube ich – wie geschrieben – weniger um Daten, die wir bewusst preisgeben. Da lässt sich in der Tat alles steuern und beeinflussen. Es geht um digitale Daten, die dir via IP Adresse eindeutig zugeordnet werden können und die du auch nicht gut verfremden kannst, jedenfalls nicht ohne Schere im Kopf oder starke Beschränkungen. Zum anderen ist das was für Digital-Profis. Jonglieren mit Accounts und Pseudonymen dürfte Den Otto-Normal-Nutzer einigermaßen überfordern.

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  2. Der Grundfehler ist, daß von Usern gegebene oder verursachte Daten als Eigentum des Datendienstes gelten. Datenspuren müssen endlich rechtlich als treuhänderisch den Diensten gegebenes USEREIGENTUM deklariert sein!

    Das würde bedeuten, dass jede Weitergabe oder vom Ursprungszweck abweichende Verwendung von personenbezogenen Daten eine Einwilligung des Users erfordert.

    Datendienste müssten in ihren Vertragswerken von Begin der Kundenbeziehung an genau auflisten, welche Daten Sie erheben und wofür Sie sie verwenden. Das betrifft nicht nur Telekommunikationsunternehmen oder Behörden (ich erinnere an Adresshandel durch Einwohnermeldeämter). Auch Hersteller von Gegenständen welche Datenpuren verursachen (z.B. TVs, die nach Hause telefonieren), Arbeitgeber, alle Organisationen die Mitgliedschaften anbieten, Versicherungen, Banken und den Handel (Online von iTunes und Amazon bis zu Google, aber auch offline).

    Ein solcher Rechtsgrundsatz „Meine Daten gehören mir“ muss dabei auch international durchgesetzt werden, wenn er angesichts des Datentausches von Geheimdiensten, Polizei, und anderen Behörden, aber auch von Internationalen Unternehmen irgendeinen Wert haben soll.

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