Ach, und übrigens … (23): Sklaven-Drama, E-Book-Drama, Blondinen-Drama

Über einen beeindruckenden Kinofilm, die beeindruckend rückwärtsgewandte Innovationsfeindlichkeit deutscher Traditionsverlage, eine tolle Geschichte und einen Blondinenwitz …

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Im Kino gesehen: 12 Years a Slave. Ein Film, den man erst mal verdauen muss. Es geht um das Schicksal eines freien Schwarzen, der in Amerika Mitte des 19. Jahrhunderts verschleppt und versklavt wird, bevor er nach 12 Jahren seine Freiheit zurückbekommt. Gut inszeniert, differenzierte Figuren, hervorragende Schauspielern, null Kitsch. Wissend, dass es sich um eine wahre Geschichte handelt, sieht man betroffen, wozu der Mensch fähig war und ist: zur unglaublich kalten, grausamen Verachtung dessen, was als anders und minderwertig wahrgenommen und als „Eigentum“ entmenschlicht wird. Der Regisseur macht es einem dabei nicht leicht, und das ist auch gut so. Nicht weil er etwa die Brutalität allzu oft im Bild zeigt. Sondern weil er langsam inszeniert und die Szenen und Bilder lange stehen und wirken lässt, sodass man als Zuschauer gar nicht anders kann als nachzudenken und sich zu fragen, wie das alles sein konnte. Etwa über die Szene, als eine Sklavin an einen, ihre beiden Kinder an einen anderen Besitzer verkauft werden. Die Mutter bricht in Tränen aus angesichts der Trennung, eine vergleichsweise mitfühlende Weiße will sie trösten: „Schlaf dich erst mal aus und komm zur Ruhe, dann sind die Kinder schnell vergessen …“

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Vom Film zum Buch. Fast ist man ja versucht zu sagen: „zum guten alten Buch“, aber was, bitte, ist an Büchern alt? Die Digitalisierung hat auch beim Medium Buch gewaltig Fahrt aufgenommen, und am Schluss ist das passiert, was in funktionierenden Märkten immer passiert: Die Nachfrage hat das Angebot bestimmt. Immer mehr Menschen möchten Bücher digital lesen, 2015 rechnet man in Deutschland mit rund 350 Millionen Euro Umsatz durch E-Books. Das ist schon ordentlich aber dennoch nur ein Marktanteil von 6,3 Prozent, was zeigt, wie viel Potenzial es hier noch gibt.

Die Nachfrage hat also das Angebot bestimmt. Klingt banal, aber es hätte ja auch sein können, dass die Anbieter die wachsende Nachfrage antizipieren und damit das Angebot mitbestimmen. Das hat schon die Musikindustrie verschlafen und damit digitalen Disruptoren wie Apple glückliche Zeiten beschert. Und, da Trägheit offenbar ein Kennzeichen etablierter Branchen ist, schlummert die Film- und TV-Industrie derzeit in einem ähnlichen Dämmerschlaf vor sich hin, während agile Anbieter wie Netflix daran arbeiten, den Etablierten ein böses Erwachen zu bereiten.

Die deutschen Verlage hätten also naheliegenderweise beim Thema Bücher das Angebot mitbestimmen können. Aber das wäre wohl wirklich etwas viel verlangt gewesen von einer Branche, die die Bezeichnung „Traditionsverlag“ vermutlich immer noch als Kompliment versteht und dabei vergisst, dass ein bisschen Tradition nicht reicht, um morgen noch die eigenen Mitarbeiter bezahlen zu können. Beim (bekanntlich insolventen) Suhrkamp Verlag jedenfalls hält man viel von Tradition und lässt daher im Suhrkamp-Blog einen Digitalisierungs-Dinosaurier Folgendes zu E-Books schreiben (natürlich in alter Rechtschreibung, wäre ja noch schöner …): „Sie sind ein Unfug, ein Beschiß und ein Niedergang.“ Es folgt eine lange, einseitige, vorurteilsbeladene, geradezu hasserfüllte Tirade gegen E-Books und ihre Nutzer, die der Verfasser allesamt für tumbe Nerd-Idioten ohne Geist, Bildung und Sinn für Ästhetik hält. Ich kann euch nicht wirklich empfehlen, das zu lesen, wenn ihr andererseits verstehen wollt, warum den Verlagen und der Buchbranche schwere Zeiten bevorstehen, solltet ihr es vielleicht doch tun. Letztlich sitzen dort, und da gebe ich Lars Reineke Recht, einfach zu viele Leute, „die bislang noch mit dem Zurückspulen von Videokassetten, dem Umdrehen von Schallplatten und der Suche nach einer Tankstelle, die noch verbleites Benzin verkauft, beschäftigt sind“.

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Wo wir gerade beim Thema Lesen sind: Dass Werbung tolle Geschichten erzählen kann (auch wenn sie das leider selten tut), wissen wir. Das hier ist so eine tolle Geschichte: von einem älteren Herrn, der nicht lesen kann, es aber lernt, um das Buch zu lesen, das sein Sohn geschrieben hat. Wunderbar in einer 2-Minuten-Nussschale erzählt und wirklich herzergreifend:

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Ach, und übrigens, um nicht allzu sentimental zu enden: Wenn Blondinen Kaffee kochen … (Ich habe wirklich Tränen gelacht.)

(Gesehen bei wirres.net; und Haarfarbe und Geschlecht sind natürlich Zufall!)

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In Ach, und übrigens (22) ging es übrigens um eine kleine Zombie-Berechnung, eine dringende Empfehlung, noch eine dringende Empfehlung und eine treffende Unterscheidung …

2 Gedanken zu “Ach, und übrigens … (23): Sklaven-Drama, E-Book-Drama, Blondinen-Drama

  1. Ich habe „12 Years a Slave“ und war ebenso von dem Film angetan. Die langen Sequenzen sind sehr prägend für den Film und empfinde ich auch als sehr essentiellen Teil davon.
    Noch mehr im Gedächtnis geblieben ist mir die Stelle, wo die Sklaven ziemlich zum Ende am Grab stehen und singen. (http://www.youtube.com/watch?v=mAZhQQN758g) Beeindruckend fand ich dies deshalb, weil ich dort zum ersten mal nach 1,5 h das Gefühl hatte, dass er an einer Stelle angekommen war, an der er nicht mehr konnte und sich treiben lassen wollte.

    Die Bell’s Werbung finde ich im Übrigen sehr gut. Stark gemacht und so emotional, ohne tragische oder bedrückende Stimmung.

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