Dreimal Shining

In den letzten 25 Jahren habe ich viel von dem gelesen, was Stephen King geschrieben hat. Einer der ersten Romane war Shining – ich muss ungefähr 16 Jahre alt gewesen sein, als ich ihn an einem Wochenende verschlungen habe. Gerade habe ich ihn noch einmal gelesen, als Vorbereitung auf Doctor Sleep, den jüngsten Roman von King und quasi die Fortsetzung von Shining. Und weil ich gerade dabei war, habe ich mir gleich nochmal die berühmte Verfilmung von Stanley Kubrick angeschaut …

Shining – das Original

Shining das Original von Stephen KingDer alte Roman von 1977 ist immer noch gut. Aber die Wahrnehmung und das Interesse eines Lesers verschieben sich natürlich nach 25 Jahren. Was heute kaum noch funktioniert, ist der Horror. Als ich 16 war, fand ich Shining wirklich extrem gruselig – die halbe Nacht las man das Buch, die andere Hälfte konnte man deshalb nicht schlafen. Ähnlich schaurig schön war danach nur noch ES mit Pennywise, dem bösen Clown. Heute wirken die ehemals gruseligen Passagen etwas kraftlos, zu wenig subtil und wenig beängstigend. Die berühmten lebendig werdenden Heckentiere, die Wespen im vermeintlich leeren Nest, die vermoderte, aber ziemlich Besitz ergreifende Leiche in Zimmer 217 … Das alles ist nur wenig Furcht einflößend.

Was dagegen immer noch sehr gut funktioniert ist das Setting und die Grundkonstellation: Das einsam in den Bergen gelegene Hotel Overlook mit seiner Geschichte ist nach wie vor ein grandioser Schauplatz, den man so schnell nicht aus dem Kopf bekommt. Und was ich vergessen hatte oder was mir bei der ersten Lektüre vor lauter Grusel nicht aufgefallen war: Hier findet ein feines, intimes Kammerspiel statt, mit dreieinhalb Hauptfiguren, um die sich alles dreht. Vor allem die Beziehung zwischen dem wahnsinnig werdenden und dem Alkohol verfallenen Jack Torrance und seinem hellsichtigen Sohn Danny ist großartig geschildert: Jack liebt seinen Sohn, aber zugleich schlummert das Böse in ihm, das auf Zerstörung aus ist und seine Familie vernichten will.

Shining – der Film

Shining der Film von Stanley KubrickMindestens ebenso bekannt wie das Buch ist die Verfilmung von Stanley Kubrick, mit einem wahnsinnig werdenden Jack Nicholson in der Hauptrolle. Nicht wenige haben das Buch vermutlich nie gelesen und nur den Film gesehen – etwa der Lektor von Doctor Sleep, der gleich im ersten Satz des Klappentextes einen kapitalen Fehler einbaut, als er vom Schicksal schreibt, das Dan Torrance einst als „Dreirad fahrendes kleines Kind im Hotel Overlook erlitten hat“. Dreirad fährt der aber nur im Film, nicht im Buch. Das ist besonders kurios, weil Stephen King den Film nie leiden konnte und seine Leser im Nachwort zu Doctor Sleep ermahnt, sie mögen den aus seiner Sicht überbewerteten Film mal schnell vergessen, schließlich habe er eine Fortsetzung des Buches geschrieben.

Tja, und der Film heute: geht so. Ist schon gut und wie immer bei Kubrick sehr akribisch inszeniert. Einige Szenen sind hervorragend – etwa gleich die Eröffnungssequenz, wenn die Kamera im Flug das Auto von Jack Torrence auf dem Weg zum Overlook begleitet. Einige Abweichungen vom Buch sind auch berechtigt, etwa die die Verfolgungsjagd am Schluss im vereisten Irrgarten – sehenswert! Aber alles in allem wirkt der Film doch recht angestaubt, die Performance der Schauspieler ist mir zu plakativ und zu wenig subtil, und der Soundtrack ist wahnsinnig dominant und geht einem extrem auf die Nerven – nichts gegen Spannungsmusik vom Sinfonieorchester, aber das Gekreische und Gequietsche ist wirklich des Guten zu viel.

Shining – die Fortsetzung: Doctor Sleep

Shining die Fortsetzung Doctor Sleep von Stephen KingAuch Doctor Sleep ist ein gutes Buch, und zwar aus mehreren Gründen. Zum einen hat sich King natürlich weiterentwickelt und erzählt seine Geschichten heute anders: intensiver und mit mehr Humor. Das Timing stimmt, die Figuren sind interessant, und King ist ein guter Beobachter der Welt um ihn herum und lässt Erfahrungen geschickt in die Geschichte einfließen. In diesem Fall zum Beispiel die Welt der Anonymen Alkoholiker mit ihren Typen und Ritualen. Die kommen uns zwar etwas merkwürdig vor, man merkt King aber an, dass die AA eine Rolle in seinem Leben gespielt haben, was in der Erzählung eine schöne Mischung aus lebendiger Schilderung, ironischer Distanz und spürbarer Dankbarkeit ergibt.

Zum anderen spinnt King so viele Fäden aus Shining so geschickt weiter, dass es eine Freude für alle ist, die das alte Buch kennen und mögen. Da ist nicht nur Dan Torrance, der ehemals kleine Junge, der die Katastrophe im Overlook überlebt hat, und der nun erwachsen ist. Es sind auch die alten Geister, die fortleben (in mehrfachem Sinne), etwa der Alkoholismus, den Dan von seinem Vater geerbt hat, obwohl er ihn doch so an ihm hasste. Und es ist nicht zuletzt der Ort in den Rocky Mountains, an dem einst das Overlook stand, bevor es bis auf die Grundmauern niederbrannte, der in Doctor Sleep eine entscheidender Rolle spielt, mehr will ich hier nicht verraten …

Ansonsten ist Doctor Sleep eine raffinierte und gruselig-phantasievolle Hänsel-und-Gretel-Geschichte, nur dass Gretel Abra heißt und die Hexe Rose, die eine sektenartige Gemeinschaft um sich versammelt hat, die kleine Kinder zwar nicht fressen, aber etwas ähnliches mit ihnen anstellen, was Abra mit der Hilfe von Dan verhindern will …

Übrigens ist Stephen King – trotz des Horror-Genres und obwohl er Bestseller schreibt – längst in den Feuilletons angekommen, zum Beispiel in dem der FAZ.

PS: Auch Kings 2011 erschienenen Roman Der Anschlag fand ich sehr gut und habe hier ein paar Zeilen dazu geschrieben.

10 Gedanken zu “Dreimal Shining

  1. Wenn ich sehe, wofür Du Dich interessierst, dann liegt der Verdacht nahe, dass wir der selben Generation, vielleicht sogar beide aus einer bestimmten Region stammen. Das fällt mir gerade so auf. Ich dachte mir, wie „verdächtig“ doch solche „gefällt mir“ Themen sind. Obwohl wir vielleicht heute auf dem Globus verteilt sind, entlarvt uns die rein statische Wahrscheinlichkeit, dass wir uns in einem bestimmten Alter mit bestimmten Themen befasst haben, und auch heute noch bestimmte Dinge gut finden – also das, was wir als junge Menschen von den Alten so bieder fanden, wenn sie die Gute Alte Zeit beschworen ;-).
    Ich lese auf jeden Fall Dein Blog immer wieder sehr gerne – eben weil es oftmals Bekanntes ist, das wir teilen. Das wollte ich grad mal loswerden :-).

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  2. Hat dies auf Die Stadtbücherei Erkrath bloggt rebloggt und kommentierte:
    Liebe Leser,

    Stephen King fasziniert ja viele. Aber ehrlich gesagt, habe ich noch keinen „King“ gelesen, Asche auf mein Haupt… Was empfehlt ihr, mit welchem Buch von Stephen King sollte ich einsteigen?
    Und vielen Dank für den ausführlichen Bericht hier!!!

    Liebe Grüße aus Erkrath

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  3. Den Vergleich Film vs. Buch kann ich nicht kommentieren, da ich nur den Film kenne und diesen daher ganz unabhängig vom Buch als eigeständiges Opus wahrnehme und bis heute als so ziemlich den einzigen Horrorfilm schätze, der kein bisschen lächerlich daherkommt. Offenbar hat Kubrick den Stoff auf eine ganz eigene Weise interpretiert. Wenn also „Vorlagentreue“ als Qualitätskriterium gelten sollte, hätte er sozusagen „versagt“, da dies aber für mich in diesem Kontext gar kein Kriterium ist, kann ich darin keinen Mangel sehen. Und der Film selbst – ich finde ihn nach wie vor großartig, keineswegs zu plakativ. Jack Torrance verliert den Verstand, aber eben nicht wegen Suff, allgemeinem Versagen gegenüber der Welt und der Familie, sondern weil tatsächlich „jenseitige Mächte“ nach ihm greifen. Es gibt eine gemeinhin übersehene Schlüsselszene, die erweist, dass sich die ganzen unheimlichen Dinge eben nicht nur im Kopf von Jack, sondern in der Wirklichkeit abspielen. Es ist die Szene, in der der von seiner Frau eingesperrte Jack durch die geschlossene Tür von dem Kellner Grady wegen der zu nachlässigen Disziplinierung seiner Familie gemaßregelt und durch das Drehen des Schlüssels von außen(!) befreit wird. In diesem Moment ist klar: Hier geht’s wirklich nicht mit rechten Dingen zu. Das Ganze ist aus meiner Sicht H. von Kleists Novelle „Das Bettelweib von Locarno“ in Cinemascope. Einstmalige Schuld bleibt im imaginären Raum bestehen und wird zur Heimsuchung, wird den Lebenden zum Verhängnis – ein uralter Plot, der hier wunderbar interpretiert wird. Eine Fußnote: Die Außenaufnahmen entstanden am Mount Hood in Oregon. Da steht die Timberline Lodge, das „Overlook-Hotel“ als reales Hotel bis heute: http://de.wikipedia.org/wiki/Timberline_Lodge

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    • Diese Schlüsselszene ist 1:1 aus dem Buch übernommen, wie übrigens sehr vieles. Schwächer als im Buch finde ich z.B. die Rolle von Dick Halloran, dem Koch, der ebenfalls ein bisschen Shining hat und zum Showdown im Hotel eintrifft. Im Film läuft er ja prompt Jack ins Messer (im wahrsten Sinne des Wortes), Da fragt man sich, wozu der Aufwand. Im Buch nimmt seine Rolle mehr Raum ein, es ist wichtig, dass er zum Hotel kommt (und er stirbt übrigens auch nicht).

      Aber geht dir die Musik nicht auf die Nerven?

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  4. … kann ich eigentlich nicht sagen, dass mich die Musik genervt hätte: Pendercki, Ligeti, Bartok, Orff (das „Dies irae“ – Motiv aus den Carmina Burana), wenn ich mich recht erinnere. Alles sehr düster, gewiss, aber ich empfand’s als passend. Es sind durchwegs von Kubrick favorisierte Komponisten, die zum Teil auch schon in „2001“ gewissermaßen „zum Einsatz“ kamen, insofern vertrautes Personal für Kubrick-Verehrer, zu denen ich mich ja gerne zähle. :-)) Warum Dick Halloran nochmal auftaucht, nur um pronto erstochen zu werden? Ich glaube, das ist als ein die Beklemmung steigerndes Element gedacht. Vermeintliche Rettung naht, die dann aber zunichte gemacht wird und den Zuschauer darum mit desto bangerer Erwartung auf das blicken lässt, was da wohl noch kommen mag.

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