Homöopathieverträglich: die Kunst, aus nichts nichts zu machen

Zehn mal null ist immer noch null, haben wir als Kinder gelernt. Ganz viel Homöopathie hilft immer noch nichts, dachte ich bisher. Aber Halt! Neuerdings gibt es „homöopathieverträgliche“ Produkte! Das ändert natürlich alles …

Ich war kürzlich mal wieder auf Reisen und hatte meine Zahnpasta vergessen. Also ging ich abends in den Supermarkt neben meinem Hotel, griff ins Regal nach der gewohnten Elmex, kaufte sie und benutzte sie alsbald.

Der Zentralverein homöopathischer Ärzte empfiehlt …

Aber hoppla, was war das? Sie schmeckte eindeutig anders als sonst. Gar nicht so frisch wie gewohnt, sondern eher … muffig und – kein Witz! – nach Banane. Ein Blick auf die Verpackung zeigte mir: Ich hatte aus Versehen eine „Elmex mentholfrei“ gekauft. Und nicht nur das, auf der Packung steht auch: „Homöopathieverträglich“. Donnerwetter! Schnell im Internet recherchierend stößt man auf folgende Produktbeschreibung:

Die medizinische Spezial-Zahnpasta elmex mentholfrei entspricht den Anforderungen der klassischen Homöopathielehre. elmex mentholfrei Zahnpasta ist geruchs- und geschmacksneutral und frei von ätherischen Ölen wie Pfefferminze und Menthol. Zudem besitzt elmex mentholfrei Zahnpasta mit Aminfluorid einen Wirkstoff, der zuverlässig vor Karies schützt. Der Deutsche Zentralverein homöopatischer Ärzte (DZVhÄ) empfiehlt elmex mentholfrei Zahnpasta im Rahmen einer homöopathischen Behandlung.

Das ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert.

Zum Beispiel ist sie nicht geschmacksfrei, sondern schmeckt merkwürdig nach unreifen Banane, das erwähnte ich bereits. Dieses Geschmackserlebnis könnt ihr einfach rekonstruieren, wenn ihr eine Banane nehmt, sie zerquetscht, auf eure Zahnbürste schmiert und euch damit die Zähne putzt. Könnt ihr machen, müsst ihr aber nicht.

Man beachte auch die Reihenfolge: Sie entspricht erstens der „klassischen Homöopathielehre“, zweitens ist sie „geruchs- und geschmacksneutral“ … Ja, und nebenbei bemerkt schützt sie auch noch vor Karies. Ist nicht so wichtig, aber wir wollten es wenigstens erwähnen.

Klassische Homöopathielehre?

Homöopathieverträglich und schmeckt lecker nach Banane ...
Homöopathieverträglich und schmeckt lecker nach Banane …

Und überhaupt: Was ist eigentlich die „klassische Homöopathielehre“? Gibt es auch eine un-klassische, also innovative oder gar revolutionäre Homöopathielehre? Und wenn ja, was beinhaltet sie? Am Ende gar die Wahrheit? Ist sie also identisch mit der Schulmedizin? Fragen über Fragen …

Der eigentliche Knaller ist aber natürlich die angebliche Homöopathieverträglichkeit.

Wir müssen uns nochmal kurz vergegenwärtigen, was genau Homöopathie ist und wie sie wirkt: Homöopathische „Medizin“, etwa die berühmten Globuli, zeichnet sich dadurch aus, dass sie solange verdünnt wird, bis vom ursprünglichen Wirkstoff absolut nullkommagarnichts mehr übrig ist. Das hatte ich kürzlich am Beispiel von Arnica C30 mal vorgerechnet. Folgerichtig hat homöopathische Medizin auch nullkommagarkeine nachweisbare Wirkung jenseits des Placebo-Effekts.

Was bedeutet wohl homöopathieverträglich?

Nun wird es gedanklich etwas kompliziert, aber wir versuchen es mal: Offenbar soll es Stoffe geben, die die (nicht vorhandene) Wirkung der Homöopathie aufheben. Und logischerweise muss es dann auch Stoffe geben, die die (nicht vorhandene) Wirkung der Homöopathie nicht aufheben. Das sind im alternativmedizinisch-schwurbeligen Paralleluniversum dann homöopathieunverträgliche bzw. homöopathieverträgliche Stoffe.

Erstere sind natürlich böse, Letztere sind gut. Erstere behindern auf magische Weise die Behandlung, Letztere nicht. Nach kurzem Nachdenken und messerscharfer Analyse könnte man auch sagen: Erstere machen aus nichts nichts, Letztere machen dagegen aus nichts nichts. Alles klar?

Vielleicht helfen ein paar Beispiele, um auch mal wieder auf meine Zahnpasta zurückzukommen. Im einschlägigen Experten-Forum der Seite „fernlehrgang-heilpraktiker.com“ lernen wir etwa:

Es gibt sogenannte homöopathische Antidote, mit denen man die Wirkung der Homöopathika aufheben kann. Dazu gehören ätherische Öle (die im Pfefferminztee enthalten sind), Kaffee, Alkohol, aber auch das Fliegen im Flugzeug oder die Bestrahlung mit radioaktiven Strahlen.

Der homöopathische Super-GAU

Auch Fliegen sollte künftig homöopathieverträglich sein!
Homöopathieverträglich fliegen? Ist doch nicht zu viel verlangt!

Der homöopathische Super-GAU besteht also darin, sich im Flugzeug bei der Stewardess einen Kaffee, ein Bier und ein Pfefferminzbonbon zu bestellen. Und auch allen, die nicht unterwegs sind, droht Gefahr: Nachmittags ein Kaffee, abends ein Glas Wein und danach einfach mal die Zähne putzen? Vorsicht! Wer derart leichtsinnig homöopathieunverträgliche Stoffe konsumiert, darf sich nicht wundern, wenn die nicht wirksame homöopathische Behandlung ins Leere läuft.

Gut jedenfalls, dass jetzt wenigstens die Zahnpastaindustrie uneigennützig und im Sinne der Homöopathie-Patienten für Abhilfe gesorgt hat! Danke, elmex! Mit homöopathieverträglichen Stoffen aus nichts nichts zu machen, ist schon eine Kunst. Mit dieser Nullnummer dann Werbung zu machen, nenne ich Stroh zu Gold spinnen.

In jedem Fall dürfte ein neuer Trend geboren sein: homöopathieverträgliche Produkte und Dienstleistungen! Die nächste Innovation erwarte ich nun von der Luftfahrtindustrie und von Dienstleistern wie Lufthansa und Air Berlin. Es ist doch wirklich nicht zu viel verlangt, homöopathieverträgliche Flugzeuge und Flüge anzubieten: Einfach am Boden bleiben und von München nach Berlin rollen …

Garantiert homöopathieverträglich ist auch folgende Lektüre:

12 Gedanken zu “Homöopathieverträglich: die Kunst, aus nichts nichts zu machen

  1. Homöopathieverträgliche Zahncreme ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit aus dem gleichen Labor entsprungen wie durstverträgliches Wasser, eckenfreie Kreise oder vegetarischer Bärlauch.

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  2. >> homöopathieverträgliche Flugzeuge<<

    … ich könnte aus Berlin für die homöopathieverträglichen Flugzeuge noch den homöopathieverträglichen Flughafen BER "Willi Brandt" anbieten ! Ist 2014 der CO2-ausstoßärmste weltweit, – und das Beste: er wird es 2015 auch sein ;-)

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