Ach, und übrigens … (24): The Wire

Über eine großartige schon etwas ältere Serie, sozusagen das Gegenteil von CSI, die vor allem durch ihre Komplexität besticht …

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Die grauen Winterabende habe ich genutzt, um mir die ersten beiden Staffeln der HBO-Serie The Wire anzusehen. Die erste Staffel wurde im Jahr 2002 produziert, und tatsächlich wirkt sie optisch nach nur 12 Jahren schon ein kleines bisschen angestaubt – schon weil einem das 4:3-Format heute etwas altmodisch vorkommt, vor allem aber, weil so wahnsinnig viele sehr gute und teuer produzierte Serien unsere Ansprüche weit nach oben geschraubt haben. Dennoch ist die Serie extrem gut und unbedingt sehenswert. Was sie auszeichnet ist: Komplexität.

Vordergründig geht es ganz simpel um Cops, die Drogendelikte und Morde in Baltimore aufzuklären versuchen. In Wahrheit ist aber gar nichts simpel in dieser Serie. Es gibt kein Schwarz und Weiß, keine Guten und Bösen, keine Gewinner und Verlierer. Mit einigen Polizisten sympathisiert man als Zuschauer – die Polizei als Ganzes ist aber ein wenig erfreuliches Geflecht aus Hierarchien und Protagonisten, denen persönliche Befindlichkeiten, Karrierebestrebungen und plakative Erfolge wichtiger sind als nachhaltige Verbrechensbekämpfung. Und einigen schwarzen Drogengangster wünscht man als Zuschauer die baldige Verhaftung oder Schlimmeres – viele sind aber nur Rädchen im Getriebe, die versuchen sich über Wasser zu halten und in der Kriminalität eine Chance sehen, ihrem armseligen Unterschichten-Dasein zu entkommen.

Das Gegenteil von CSI

Ihre Erfolge erarbeiten sich die Cops mühsam, geduldig und gegen viele interne Widerstände. Und siehe da: Dieser Realismus (Wer will schon die Wirklichkeit fernsehen?) ist nicht etwa langweilig, sondern hochspannend. Es ist das genaue Gegenteil der aalglatten und gestylten CSI-Welt, wo immer im passenden Moment ein Haar gefunden wird, zu dem der Computer 10 Sekunden später einen Verdächtigen ausspuckt, der mittels Dingsbums-Superchip-Ortung und futuristischer Google maps-Klone lokalisiert und mit einem coolen Spruch festgenommen wird. Das ist spätestens beim zweiten Mal langweilig und bestenfalls als Treiber zu rechtfertigen, um eine dünne Handlung in 45 Minuten zu einem dünnen Abschluss zu bringen.

Ganz anders bei The Wire: Um ein Telefon abzuhören, muss man erst mal wissen, welches Telefon man abhört, dann muss man das ausführlich für den Staatsanwalt aufbereiten, damit der beim Richter eine Genehmigung einholen kann, dann muss man nachweisen, dass derjenige, der das Telefon benutzt, auch ein Verdächtiger ist, indem man ihn fotografiert, während er telefoniert, dann muss man die ganzen Informationen sammeln, aufbereiten und auswerten, um am Schluss aus unendlich vielen Puzzle-Teilchen vielleicht eine Anklage zu basteln …

Und, wo wir beim Thema Realismus sind: Diese Erfolge sind oft nur von kurzer Dauer, denn kaum sind die Razzien und Verhaftungen und Verurteilungen durch, stehen andere Drogenbosse und kleinkriminelle Dealer bereit, um die entstandenen Lücken zu füllen.

Balzac für unsere Zeit

Die Serie ist also komplex und das macht sie sehenswert. Laut Wikipedia war sie nicht sehr erfolgreich, da „viele Zuschauer der vielschichtigen Handlung nicht folgen konnten“. Aber so ist das mit (Fernseh-)Kunst im Gegensatz zu Fast-Food-Unterhaltung. Die FAZ hat Recht, wenn sie die Serie als „Balzac für unsere Zeit“ bezeichnet und wenn der Kritiker schreibt: „Kein Roman hat mich so beschäftigt wie The Wire – das ist auch so zu verstehen: The Wire ist ein Roman. Einer der besten.“

The Wire ist spannend, anspruchsvoll, unterhaltsam und realistisch – und das in einer Mischung, die so leicht nicht hinzubekommen ist. Mit anderen Worten: Sie ist Lichtjahre vom deutschen Freitag-Abend-Krimi entfernt ist, der es nicht mal schafft, eins davon zu sein.

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In Ach, und übrigens (23) ging es übrigens um einen beeindruckenden Kinofilm, die beeindruckend rückwärtsgewandte Innovationsfeindlichkeit deutscher Traditionsverlage, eine tolle Geschichte und einen Blondinenwitz …

Bildnachweis: marythom via photopin cc

2 Gedanken zu “Ach, und übrigens … (24): The Wire

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