Social Media im Kommunalwahlkampf – Interview mit dem neuen Erlanger Oberbürgermeister Florian Janik

Social Media im Kommunalwahlkampf – Interview mit dem neuen Erlanger Oberbürgermeister Florian Janik

Erlangen hat bald einen neuen Oberbürgermeister: Florian Janik konnte sich – für viele überraschend – gegen den Amtsinhaber Siegfried Balleis in der Stichwahl durchsetzen. Und daran dürften die sozialen Medien nicht ganz unschuldig sein …

Diesen Gedanken hatte ich jedenfalls, denn ich habe den Wahlkampf zwischen dem jungen SPD-Herausforderer und dem etablierten CSU-OB in meiner Heimatstadt fast ausschließlich online verfolgt. Und während Siegfried Balleis online fast nicht existent war, spielte Florian Janik professionell, authentisch und überzeugend die Klaviatur der neuen Medien. Wie er das gemacht hat und was die Hintergründe sind, wollte ich wissen – und habe ihn letzte Woche auf einen Kaffee  zum Interview in Erlangen getroffen:

Erst mal herzlichen Glückwunsch zum Wahlsieg! Oder wie man auf Facebook sagen würde: „Gefällt mir!“

Danke! Mir auch ;-)

Tatsächlich beschränkt sich meine Wahrnehmung deines Wahlprogramms, Wahlkampfs und Wahlsiegs in den letzten Wochen ausschließlich auf digitale Medien. Bin ich da ein typischer Bürger oder eher ein Exot?

Auf einen Cappuccino ... Gespräch mit dem neuen Erlanger OB Florian Janik
Auf einen Cappuccino … Gespräch mit dem neuen Erlanger OB Florian Janik

Ich denke, es gibt viele Leute, die den Wahlkampf ausschließlich online, vor allem über Social Media wahrgenommen haben. Und es war ja auch unsere Strategie, alle Medien zu besetzen. Die Online-Medien haben natürlich den Vorteil, dass man ziemlich genau weiß, wen man erreicht – da finde ich zum Beispiel Facebook sehr gut, weil ich gezielt informieren und über Werbung meine Zielgruppe sehr genau erreichen kann. Und die Kosten halten sich in Grenzen.

Die SPD Erlangen hat gut 400 Fans auf Facebook, die FDP 300, die CSU gerade mal 200, die Grünen 150. Das sind in Summe 1 Prozent der Erlanger Bürger. Wenn man bedenkt, dass zwei Drittel aller Deutschen in sozialen Netzwerken aktiv sind, ist das geradezu erschütternd wenig. Woran liegt das? Haben Parteien im Kommunalwahlkampf das Potenzial der sozialen Medien noch nicht erkannt?

Ja, die Zahlen sind sicher ausbaufähig. Aber die Zahl der Fans ist ja nur die eine Seite. Die Facebook-Seite der SPD haben wir unter anderem für Anzeigen genutzt. Unser erfolgreichster Sponsored Post hatte Einblendungen bei 22.000 Menschen aus dem Raum Erlangen, und das ist bei 35.000 Erlanger Facebook-Nutzern doch ganz ordentlich.

Das heißt, ein Ziel von euch im Wahlkampf war vor allem, wahrgenommen zu werden, die Bekanntheit zu erhöhen, auch über digitale Medien?

Das ist ja das Entscheidende, wenn man in einem Wahlkampf gegen einen Amtsinhaber antritt: Dass man seine eigene Bekanntheit steigert. Da hat der Amtsinhaber natürlich einen Bonus. Daher war es unser wichtigstes Ziel im Wahlkampf, meine Bekanntheit bei den Erlangern zu erhöhen, und das ist ja anscheinend ganz gut gelungen.

Natürlich ist Wahlkampf, gerade wenn es um die Wahl eines Oberbürgermeisters geht, an Personen gebunden. Du selbst hast immerhin 1.400 „Freunde“ auf Facebook, am Wahlabend haben dir Hunderte auf Facebook gratuliert. Dein Konkurrent, der bisherige Amtsinhaber Sigfried Balleis, ist dagegen auf Facebook nicht existent. Kann man es sich als Politiker heute noch leisten, die sozialen Medien zu ignorieren?

Professionell gepflegtes Facebook-Profil im Wahlkampf
Professionell gepflegtes Facebook-Profil im Wahlkampf

Ich würde auf keinen Fall auf soziale Medien verzichten wollen. Aber das lässt sich schwer verallgemeinern, es muss ja glaubwürdig sein. Es hilft nichts, eine Agentur zu bezahlen und die das machen zu lassen. Es bringt nur etwas, wenn man selbst aktiv ist, wenn man versteht, wie das Medium funktioniert, und wenn man Spaß daran hat.

Wie war das bei dir, wie habt ihr den (digitalen) Wahlkampf organisiert? Hast du alles selbst gemacht?

Nein, wir hatten natürlich ein Wahlkampf-Team, bestehend aus einer Hauptamtlichen und vielen Ehrenamtlichen. Es gab auch ein ehrenamtliches Medien-Team, das sich zum Beispiel um die Homepage und die Facebook-Seite gekümmert hat. Mein Facebook-Profil habe ich selbst gepflegt, aber am Ende gab es so viel Kontakt und Nachrichten über Facebook, dass mich das Team bei der Beantwortung von Fragen unterstützt hat.

Straßenwahlkampf … Das ist ein analoges Konzept, das ich gedanklich in den 80er Jahren verorten würde. Trotzdem warst auch du fast jeden Tag „on the road“. Warum? Erreicht man da wirklich noch Wähler? Und wenn ja welche?

Straßenwahlkampf - kein Auslaufmodell
Straßenwahlkampf – kein Auslaufmodell

So kann man viele Menschen erreichen, daher haben wir wirklich viel Aufwand mit klassischem Straßenwahlkampf, von Haus zu Haus, von Tür zu Tür, betrieben. Und auch das war erfolgreich. Ich habe das mal überschlagen und denke, dass ich selbst gut 8.000 Haushalte besucht habe. Aber wir haben  auch bewusst auf manche Formen des Wahlkampfs verzichtet. Wir haben zum Beispiel keine klassischen Wahlveranstaltungen gemacht, keinen Promi eingeladen, um einen Saal zu füllen. Denn damit hätten wir nur das eigene Kernklientel erreicht. Wenn du eine Oberbürgermeisterwahl gewinnen willst, musst du aber über 50 Prozent bekommen und damit immer über die eigenen Kernwähler hinausgehen.

Du hast immer wieder im Wahlkampf betont, dir sei ein anderer, dialogorientierter Politikstil wichtig? Wie stellst du dir das als OB vor und welche Rolle sollen Social Media dabei spielen?

Manche verwechseln ja Dialog mit Beliebigkeit. Dialog heißt für mich nicht, dass man den Leuten nach dem Mund redet, sondern, dass man ansprechbar ist, und zwar auf allen Kanälen. Das ist in der Fußgängerzone dasselbe wie auf Facebook. Übrigens ist das keine Altersfrage: Mich haben auch über Facebook eine ganze Reihe älterer Menschen kontaktiert.

Das Rathaus Erlangen, Amtssitz von Florian Janik
Neuer Politikstil im Erlanger Rathaus

Du warst nicht nur auf Facebook ansprechbar, sondern vor allem auch auf der Plattform dialog-für-erlangen.de, auf der die Bürger Fragen stellen konnten, die du per Text oder Video beantwortet hast. Was sind die Hintergründe?

Auch hier ging es zunächst um Bekanntheit. Die wollten wir erreichen mit einer Plattform, die es so in Erlangen noch nicht gegeben hat. Und wir wollten direkten und persönlichen Dialog erlebbar machen.  Das hat aus meiner Sicht sehr gut funktioniert. In den Spitzenzeiten des Wahlkampfs sind am Tag bis zu 1.000 Videos angeschaut worden, und zwar vollständig, von der ersten bis zur letzten Minute.

Viele meinen ja, Video-Kommunikation sei aufwändig und teuer. Ich glaube, deine Video-Antworten hast du schnell und einfach gedreht. Korrekt?

Ja, ich habe fast 300 Videos für die Plattform aufgenommen – heute schon wieder zehn neue, die ich noch online stellen muss. Alle mit meinem iPad. Wir haben schon im Vorfeld überlegt, ob das professionell produziert sein muss, haben uns aber schnell dagegen entschieden. Die Videos sollten authentisch sein, und das sind sie, wenn man sich selbst durch die Stadt bewegt, die Orte besucht, um die es geht, und die Antwort einfach in die Kamera spricht. Übrigens hat mir das auch sehr für spätere Fernsehauftritte geholfen, weil ich meine Botschaften schon einmal kompakt vor einer Kamera formuliert hatte.

Das iPad, der Multimedia-Begleiter des neuen Erlanger OB
Das iPad, der tägliche Begleiter des neuen OB

Gab oder gibt es ein Social Media Monitoring? Wer hat das durchgeführt und mit welchen Tools? 

Das haben wir nicht systematisch gemacht. So ein Wahlkampf wird ja wie gesagt hauptsächlich von Ehrenamtlichen gestemmt, und die Leute, die da gearbeitet haben, sind eh bis an die Grenzen der Belastbarkeit gegangen. Bei manchen Dingen muss man dann einfach Abstriche machen. Zwei Leute haben ein bisschen geschaut, was um uns herum im Web passiert und was die anderen Parteien machen, aber da war ja nicht viel zu entdecken ;-)

Wie schaut es mit anderen Plattformen aus? Haben Twitter, Google+ oder andere im Wahlkampf keine Rolle gespielt?

Twitter haben wir als Kompromiss einfach mit dem Facebook-Profil verknüpft, da war aus Zeitgründen nicht mehr zu machen. Andere Plattformen haben wir nicht genutzt, sondern uns auf Facebook und die Dialogplattform konzentriert. Aber Twitter wird als Nachrichtenmedium jetzt wieder interessanter, das möchte ich mir als OB vielleicht noch erschließen.

Als Oberbürgermeister behältst du ja vermutlich dein privates Facebook-Profil, läufst aber Gefahr oder hast die Chance, irgendwann 10.000 „Freunde“ zu haben. Hast du schon einen Plan, wie es hier weitergehen soll?

Das wird sich zeigen. Ein Oberbürgermeister hat ja  zahlreiche Kanäle, um zu kommunizieren, und das ist eben ein weiterer. Mein Facebook-Auftritt ist ja heute schon nicht mehr „privat“, das ist ein öffentlicher Kanal. Wirklich privat nutze ich Facebook nicht mehr.

Vielen Dank für das Gespräch!

(PS: Auf du und du mit dem neuen Oberbürgermeister? Nein, ich duze nicht jeden OB. Und ich bin auch kein SPD-Mitglied (die duzen sich ja alle). Aber ich kenne den Flo(rian) einfach schon ziemlich lange …)

Weitere digitale Gespräche bei mir im Blog:

4 Gedanken zu “Social Media im Kommunalwahlkampf – Interview mit dem neuen Erlanger Oberbürgermeister Florian Janik

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