Kaugummi, Chips und jede Menge Feuerzeuge

Kaugummi, Chips und jede Menge Feuerzeuge

Seit ich „Up in the Air“ gesehen habe, habe ich den Ehrgeiz, möglichst geschmeidig und friktionsfrei durch die Sicherheitskontrolle am Flughafen zu schlüpfen. Wie George Clooney. Das klappt in der Regel auch gut. Nur heute nicht …

Der Metalldektektor konnte mir wie immer nichts anhaben. Ich habe die Kunst der Prä-Kontroll-Entmetallisierung längst perfektioniert. Kleingeld in den Hosentaschen? Anfängerfehler! Nicht mit mir …

Aber heute machte mir die freundliche streng dreinblickende Kontrollfrau hinter dem Wir-sehen-alles-was-in-deiner-Tasche-ist-Monitor einen Strich durch die Rechnung. Sie blickte lange und prüfend auf ihren Monitor, schlenderte dann zu mir und fragte leicht vorwurfsvoll:

„Sie sind wohl starker Raucher?“

„Äh, nein. Warum?“

„Weil Sie jede Menge Feuerzeuge dabei haben.“

„Ich? Feuerzeuge? Glaube ich nicht.“

„Doch. Jede Menge. Räumen Sie mal die Tasche aus.“

Wenn man einmal als fanatischer Flugzeug-Pyromane in die Rasterfahndung der unerbittlichen Kontrollfrau geraten ist, kann man sich jede weitere Diskussion sparen. Da hilft kein Argumentieren, da hilft nur, die Karten Feuerzeuge auf den Tisch zu legen.

Die Tasche förderte zu Tage, was so Taschen bei digital-affinen Nichtrauchern halt zu Tage fördern: iPhone, Blackberry, Kabel fürs iPhone, Kabel für den Blackberry, Hustenbonbons, Brillenputztuch, Schlüssel, USB-Sticks. Und zwei Feuerzeuge, die ich vor gefühlt 100 Jahren in die Tasche gesteckt und längst vergessen hatte. Vermutlich zwei, weil die Dinger ja gerne im Doppelpack verkauft werden. Warum ich sie gekauft hatte, weiß ich nicht mehr – möglicherweise weil ich die gute alte Kulturtechnik des Feuermachens in Vanuatu nicht beherrsche. Bei den gefühlt 100 letzten Flügen wurden die beiden übrigens nicht beanstandet.

Aber diesmal. Die Kontrollfrau warf mir einen triumphierenden Blick zu, der besagte: Sehense, jede Menge Feuerzeuge! Ich gebe zu, es hat einen gewissen Charme, die Komplexität zu reduzieren, indem man die Quantitäten dieser Welt in „eins“ und „jede Menge“ einteilt. Warum mit unsinnigen Zwischenstufen wie „zwei“, „sieben“ oder „ein Dutzend“ aufhalten? Sie hielt mir jedenfalls beide die Menge hin und sagte: „So, und jetzt werfen Sie eins davon in die Box da drüben. Welches wollen Sie wegwerfen?“

Das Großartige an solchen Situationen ist ja, dass man auf die offensichtliche Absurdität spontan ebenfalls absurd reagiert. Statt also zu antworten, dass mir das herzlich egal sei, überlegte ich absurderweise tatsächlich für einen Moment, welches ich behalten und welches ich wegwerfen sollte. Dann verwarf ich den Gedanken und antwortete, dass mir das herzlich egal sei.

Entscheidend im pädagogischen Konzept der Flughafen-Kontrollmenschen ist jedenfalls, dass man selbst den schweren Gang zur Box unternimmt und die verbotenerweise mitgeführten, die Sicherheit der globalen Luftfahrt gefährdenden Gegenstände höchstpersönlich dort versenkt. Das ist eine Mischung aus Pranger und Katharsis: Seht her, ich bin mir meiner Schuld bewusst und werde es nie wieder tun! Wie ein Alkoholiker, der seine letzte Flasche demonstrativ in den Ausguss schüttet, bevor er seine Therapie beginnt. Der Gang nach Canossa im Sicherheitsbereich heutiger Flughäfen führt zu einer Plastikbox, gefüllt mit Feuerzeugen, Batterien und Nagelscheren …

Um ein Feuerzeug ärmer, aber um eine Erkenntnis reicher durfte ich schließlich passieren. (Die Erkenntnis lautet: Ein Feuerzeug im Flugzeug ist kein Problem. Zwei Feuerzeuge sind ein ernsthaftes Sicherheitsrisiko. Wahrscheinlich könnte MacGyver einen thermonuklearen Sprengkopf aus ihnen basteln.)

Aber diese Reise war ohnehin erlebnisreich.

Auf dem Hinweg nahm sich ein Mensch meinen Koffer vom Gepäckband und wollte sich damit ins Berliner Leben stürzen. Ich konnte ihn nur mühsam davon überzeugen, dass es sich um meinen Koffer handelte. Letztlich inspizierten wir gemeinsam meine Wäsche, und nach kritischer Prüfung überließ er mir schnaubend meinen Koffer und ging zurück zum Gepäckband. Er ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass er es ungehörig fand, dass ich einen ähnlichen Koffer gekauft und verwendet hatte wie er. Ich verzichtete dennoch darauf, mich für diese Zumutung zu entschuldigen.

Auf dem Rückweg aß eine dicke, stark angemalte Frau auf dem Platz neben mir im Flugzeug mit offenem Mund Chips. (Das kommt nah an die oecotrophologische Zumutung „Leberwurstbrot im Zugabteil“ heran.)  Danach aß sie ebenfalls mit offenem Mund Kaugummi – und ich konnte nicht anders: In meiner Phantasie malte ich mir intensiv und detailreich aus, wie die im Mund verbliebenen Chips-Krümel am Kaugummi kleben blieben und sich nach und nach zu einem Kaugummi-Chips-Konglomerat mit Kaugummi-Chips-Geschmack verklebten. Ich meinte auch, aus dem Kaugummi-Schmatzen ein leichtes Rest-Chips-Knirschen herauszuhören, aber das war vermutlich nur Einbildung.

(Und ich entschuldige mich dafür, wenn ich jetzt in eurem Kopf ein Bild erzeugt habe, das ihr so schnell nicht wieder los werdet).

6 Gedanken zu “Kaugummi, Chips und jede Menge Feuerzeuge

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