Facebook die blaue Zumutung

Die blaue Zumutung

Denk ich an Facebook in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht. Ehrlich: Dieses Katastrophen-Netzwerk erstaunt einen immer wieder …

Denn immer noch gibt es dank seiner gigantischen Nutzerzahlen keine besser Möglichkeit, sich digital mit Freunden und Bekannten zu vernetzen. Die Special-Interest-Nischen Google+ oder Twitter sind kein adäquater Ersatz, zumindest dann nicht, wenn man neben Bloggern, Social-Media-Experten und Nerds, die jede Plattform ausprobieren, auch normale Menschen in seinem Netzwerk haben will. Sehr gerne würde ich einfach Stirb! Tschüss! zu Facebook sagen, aber ich würde damit Gespräche beenden und Verbindungen kappen, die ich nicht beenden und kappen will.

Konsequent am Nutzer vorbei

Also muss ich weiter mit dieser blauen Zumutung leben. Und mich darüber wundern, wie konsequent Facebook an seinen Nutzern vorbei programmiert. Das Gegenteil von User Centered Design macht. Und mir immer öfter die Frage stellen: MEINST DU DAS ERNST, FACEBOOK?

Lasst uns nur kurz über die Facebook-Timeline reden. Der EdgeRank, jener Algorithmus, der steuert, wer was in seiner Timeline angezeigt bekommt, ist wie Pest und Cholera, mit dem Unterschied, dass man gegen Letztere ein Heilmittel gefunden hat. Wer ein Antibiotikum gegen den EdgeRank findet, wird von mir für den Nobelpreis vorgeschlagen, versprochen.

Für alle, die’s noch nicht mitbekommen haben: Auf Facebook bekommt ihr nicht das angezeigt, was ihr abonniert habt (Statusmeldungen von Freunden und Seiten), sondern nur eine kleine Auswahl davon. Diese Auswahl trifft Facebook für euch, basierend auf dem EdgeRank.

Wir Facebook-Nutzer: Kleinkinder und Tattergreise

Mit dem EdgeRank behandelt Facebook seine Nutzer also wie unmündige Kleinkinder oder demente Tattergreise, denen man nicht zutrauen kann Entscheidungen zum eigenen Besten zu treffen. So, Kinder und Greise, jetzt geht ihr alle nochmal schön aufs Klo, ob ihr müsst oder nicht. So Nutzer, jetzt bekommt ihr dies und das angezeigt, ob’s euch gefällt oder nicht. Kein Unterschied.

Bei Alex Wunschel auf Facebook ist neulich eine kleine Diskussion entstanden, weil er meinte, Facebook bevormunde uns Nutzer. Was heißt hier bevormunden?, fragten manche in den Kommentaren, ist doch nur ein Filter. Aber Bevormundung, liebe Leute, ist laut Definition ein „freie Entscheidungen ausschließendes oder hemmendes Einwirken auf Personen“. Facebook hemmt nicht nur meine freie Entscheidung, was ich angezeigt bekommen will und was nicht. Facebook schließt diese freie Entscheidung aus. Strike.

Facebook, Saruman und Grima Schlangenzunge

Natürlich gibt es wahnsinnig viele Facebook-begeisterte Social Media Berater, die den EdgeRank für total wichtig und richtig halten, und ihre Argumente sind immer dieselben. Wir armen Nutzer würden unter der Last der Neuigkeiten zusammenbrechen, eine ungefilterte Timeline würde uns tsunamiartig überschwemmen und überfordern. Orientierungslosigkeit, Verzweiflung, Chaos – all das verhindert Facebook mit seinem EdgeRank.

Diese Fürsorge ist ungefähr so rührend und ehrenwert wie die Sorge von Grima Schlangenzunge um König Théoden im Herrn der Ringe. „Wieso beschwert Ihr mit Sorgen sein ohnehin schon besorgtes Gemüt?“, fragt er diejenigen, die den König von der Gehirnwäsche des bösen Zauberers befreien wollen. Lasst ihn in Ruhe, statt selbst zu denken wird er von Saruman ferngesteuert, und das ist auch gut so. Macht euch keinen Kopf, liebe Facebook-Nutzer, der böse Zauberer Saruman Facebook sorgt schon für die Filterung eurer Timeline.

Lustigerweise hat sich noch niemand beschwert, dass Dienste wie Instagram ihre Nutzer völlig ungeschützt und sorglos dem Chaos einer ungefilterten Timeline aussetzen. (Eigentlich wollte ich schreiben: Dienste wie Twitter oder Instagram. Aber Twitter verändert sich gerade und versucht facebookiger zu werden. Na, Glückwunsch!)

Mittel gegen böse Zauberer: die Filtersouveränität

Das Konzept gegen böse Zauberer und anmaßende Netzwerk-Algorithmen gibt es längst, es heißt Filtersouveränität und wird von Michael Seemann wie folgt erklärt:

Wenn sich – erstens – Information aufgrund ihrer billigen Speicherbarkeit nicht mehr für ihre Existenz rechtfertigen muss und wir – zweitens – annehmen, dass die Querys [Anfragen], die man auf einen Datensatz anwenden kann, in ihren Möglichkeiten unendlich sind, gibt es plötzlich keine legitime Instanz mehr, die sich anmaßen könnte zu entscheiden, was wichtige, unwichtige, gute oder schlechte Information ist. Das Zusammenstellen von Querys und Präferieren von Filtern wäre das radikale Recht ausschließlich des Empfängers.

Wenn der EdgeRank wenigstens konstant und stabil arbeiten und entsprechenden Output generieren würde. Aber wenn etwas auf dieser Welt sicher ist, dann dies: Meine Facebook-Timeline im normalen Webbrowser ist eine andere als in der iPad-App ist eine andere als in der iPhone-App. Damit führt mir Facebook täglich vor Augen, welche Neuigkeiten der EdgeRank mal wieder vor mir verheimlichen wollte. Wäre ich nur mit dem iPhone unterwegs, hätte ich dies nicht gesehen, würde ich Facebook nur am Desktop nutzen, wäre mir das entgangen. Der pure Hohn.

Facebook-Nachrichten: wegfiltern und verstecken

Das alles ist nicht neu, es nervt nur zunehmend. Was mir persönlich neu war und mich tatsächlich ein wenig sprachlos gemacht hat ist Folgendes: Facebook filtert auch euren Nachrichteneingang. Ohne euch das zu sagen, ohne dass ihr es merkt und – der Clou – ohne dass ihr jederzeit an die weggefilterten Nachrichten kommt.

Geht ihr in der Browser-Version von Facebook auf eure Nachrichten, gibt es neben dem „Posteingang“ einen zweiten Menüpunkt „Sonstiges„. Hier sortiert Facebook alles hin, was es für weniger relevant hält. Der Witz: Über neue Nachrichten im Sonstiges-Ordner werdet ihr nicht per Push informiert. Und wenn ihr wie ich Facebook vor allem in der iPad- oder iPhone-App nutzt, habt ihr gar keine Möglichkeit euch diesen Ordner anzuzeigen. Mit anderen Worten: Facebook filtert nach eigenem Ermessen euren Nachrichteneingang und versteckt alles Weggefilterte so gut, dass ihr nur mit Mühe oder gar nicht an diese Nachrichten kommt.

Ich habe diesen Ordner „Sonstiges“ letzte Woche durch Zufall entdeckt. Und ich habe in ihm zahlreiche Nachrichten entdeckt, viele davon noch von 2013, die es wert gewesen wären, sie zu lesen und darauf zu antworten, Kommentare zu meinen Blogbeiträgen etwa. Den Menschen, die mir diese Nachrichten geschrieben haben, habe ich natürlich nie geantwortet, und sie müssen mich daher für einen ziemlich unhöflichen Zeitgenossen halten. Und natürlich bin ich nicht der erste und einzige, dem das passiert ist, ich habe nur besonders lange gebraucht, um das zu bemerken.

Ich sag’s mal mit Frau Meike: DANKE, FACEBOOK, FÜR GAR NICHTS!

Mehr über Facebook hier im Blog:

Bildnachweis: JeepersMedia via photopin cc

24 Gedanken zu “Die blaue Zumutung

  1. „Traurig, aber wahr“ stimmt nicht ganz. Bei der Bevormundung ist die scheinbar personalisierte Werbung zu ergänzen. Jemand sagte mir, Facebook ist mit einem Messer vergleichbar. Man kann es zum Essen und zum Töten verwenden. „Gefährlich und wahr“ muss es heißen. Es geht um Freiheitsberaubung und Verdummung. Trotzdem bin ich mit Facebook verlinkt, damit meine freien Beiträge geteilt werden können. Ich bin hier ein interessierter Mitleser, danke für die Beiträge und grüße herzlich vom Tivoli in München, Josef

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    • Der Trick besteht im geschickten Marketing. Der Mensch soll glauben, dass das Filtern eher ein Nutzen für ihn ist, als eine Bevormundung. Scheinbar gelingt das auch.
      Natürlich ist ein Spamschutz sinnvoll.
      Gefährlich wird es dann, wenn Menschen dem Facebook-Filter vertrauen und gleichzeitig menschliche Filter als Bevormundung bzw. Zensur empfinden.
      Schöne neue Welt – oder?

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  2. Schöner Beitrag. :)

    Aber bei einem muss ich für Facebook etwas in die Bresche springen. Unter Sonstiges werden nur die Nachrichten abgelegt, die Du von Leuten erhältst, mit denen Du nicht befreundet bist – sozusagen als „Spamschutz“. Aber auch darüber lässt sich trefflich diskutieren. ;)

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    • Ja, ich weiß. Aber ich finde die Annahme, dass Nachrichten von jemandem, mit dem ich nicht befreundet bin, mit Spam gleichzusetzen sind, absurd. Typisch FB halt. Ich habe ja auch einige Abonnenten, die mir wie schon oben geschrieben Kommentare zum Blog als FB-Nachricht schicken …

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  3. Vielen Dank für diesen Artikel und ich mag hier ganz besonders die heitere, doch ernst gemeinte Grundstimmung deines Schriftstils. Sowas lese ich rein persönlich gesehen sehr gerne.

    Zu Facebook kann ich nur sagen, ich nutze es konsequent nur für echt, real existierende Kontakte von mir oder wo ich mal telefoniert oder kommentiert habe. Aber ich habe es z.B. von meinem Handy ebenfalls konsequent gelöscht. Ich bestimmt zumindest selbst, wann ich mich vor meinen Laptop hänge und die Nachrichten abrufe.

    Oliver Gassner hat in seinem Blog mal eine coole Kontaktcharta gepostet, welche man im professionellen Sinne auch verallgemeinern kann. Heißt für mich, ich bin in den nützlichen Netzwerken primär 24/7 erreichbar, erwarte aber eine persönliche Nachricht und verstecke mich ansonsten nicht im Netz. Facebook ist aber kein nützliches Netzwerk im direkten Sinne mehr, solange ich nicht Zuckerberg heiße oder Aktien von denen halte. Da würde mir FB aber wohl gut gefallen … und mit dem was noch als Marketing-/Geldmaschine drin sein wird. ;-))

    Freundliche Grüße
    Marc Mertens

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  4. Ja, ich weiß genau was du meinst. Den Sonstigen Ordner hab ich zwar schon vor einiger Zeit entdenkt, aber trotzdem. Was mich nervt, ist dieses Umstellen von den „Neuigkeiten“ anzeigen zu „Haupmeldungen“ anzeigen und egal wie oft man das umstelt, nach einer Zeit ist es wieder von Facebook aus geändert.

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      • Jepp. Das schlimme ist, wie du schon sagtest, dass man immer unterschiedlich benachrichtigt wird. Letztens wollte ich etwas am PC lesen, was ich auf dem iPad gesehen hatte und es einfach nicht gefunden. Nervt echt etwas.

        Das Umstellen von Hauptmeldungen auf Neuigkeiten beim iPad ist recht einfach.

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  5. Tja, lieber Christian, solange Menschen glauben, dass es ohne FatzeBug nicht geht, und solange Mr. Sugarhill Millarden um Milliarden scheffeln kann, weil alle wie blind in diesem Netzwerk unterwegs sind, so lange muss man damit leben, dass einem vorgeschrieben wird, was man sehen darf, und was nicht. Wir erkennen, dass es den perfekten Algorithmus nicht gibt, und dass sich das System so bescheuert verhält ist eben ein technisches, das die Programmierer nicht in den Griff bekommen.
    Man kann es aber auch einfach bleiben lassen. Aufregen hilft doch eh nichts – Konsequenzen ziehen und andere Kommunikationsformen nutzen! Wer sagt, dass E-Mail schlechter ist als FatzeBug? Ich lese Dein Blog sicher nicht wegen FatzeBug, sondern weil ich ihn abonniert habe. Ich lasse doch nicht jemand anderen entscheiden, was interessant für mich sein könnte und vor allem was nicht, das suche ich mir schon selbst aus.
    Ich habe schon lange (knapp zwei Jahre ist es her) meine Konsequenzen gezogen und FatzeBug beerdigt (siehe hier: http://wp.me/pSl3C-80 – übrigens aus genau dem Grund, den Du hier anführst. Hättste mal mein Blog gelesen ;-). Und ich lebe ganz gut ohne.

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    • Ich folge natürlich deinem Blog :) Und abonniere alles, was geht, per RSS, schön zuverlässig und gefiltert nur durch meinen Willen. Aber ein paar Menschen kann ich nicht per RSS abonnieren, und zu E-Mail kann ich auch nicht alle zwingen, gehören ja auch mindestens zwei dazu …

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  6. Wenn man als Betreiber einer Fanpage Nachrichten versendet, kann man sich gegen Bezahlung teuer aus dem „Sonstiges“ Postfach freikaufen (wenn ich mich richtig erinnere). Weil das aber so viel kostet, gibt es im Postfach auch wenig bis gar keinen Spam.

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  7. In diesem Zusammenhang fiel mir wieder ein Artikel von Matt Honan (Wired) ein. Er hat ein kleines Experiment durchgeführt und 2 Tage lang alles geliked, was FB ihm angeboten hat. Der Effekt nicht nur für die eigene Timeline sondern auch raus in das FB-Freundenetzwerk (xxx liked dies und jenes) ist schon interessant.

    Link: http://www.wired.com/2014/08/i-liked-everything-i-saw-on-facebook-for-two-days-heres-what-it-did-to-me/

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      • Ein Repräsentant von Facebook Deutschland stand in Hamburg in einer Session mal vor mir und hat Facebook erklärt. Es ist nämlich alles nicht so schlimm, wie es aussieht, sagte er. Es gibt auch keinen „Edge-Rank“. Das Wort existiere bei Facebook nicht. Was es gibt ist allerdings ein Algorithmus, der die Timeline gestaltet. Es werden auch keine Updates versteckt. Sie werden alle angezeigt, man muss nur lange genug nach unten scrollen, dann taucht auch der letzte Pups auf. – Soweit Facebook über das, was sie da programmiert haben.

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      • … wenn man mit Mitarbeitern von Apple Deutschland redet und die fragt, ob sie einem Neuigkeiten sagen können, dann antworten die: Sorry, nein, wir wissen auch nicht mehr als die Öffentlichkeit. Das Headquarter rückt da nichts raus, auch nicht an die eigenen Mitarbeiter in den Ländern. Vielleicht ist das ja bei Facebook ähnlich ;-)

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  8. ich mag die Informationshappen die ich in FB bekomme, aufgrund von Gruppen oder Bekannten die ich habe. Ob und wie was gefiltert wird ist mir herzlich egal, da ich das ganze nicht Ernst nehme, keinen Bedarf habe was ernsthaft zu liken oder überhaupt meine aktuelle Verfassung zu dokumentieren. In 10 Jahren wird das ganze auch nur eine weitere digitale Phase gewesen sein wie Fido, falls sich noch jemand daran erinnern sollte.

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  9. Auf Facebook (welch Ironie) fand jetzt zeitgleich mit diesem Blogpost bei mir im Stream eine ähnliche Diskussion statt. Bei einem Freund, also einem Bekannten, mit guten Fotos, er fotografiert viel, ich like ihn auch öfter, aber ich schweife ab.
    In den Kommentaren tauchte dieser Text auf: I Liked Everything I Saw on Facebook for Two Days. Here’s What It Did to Me: http://www.wired.com/2014/08/i-liked-everything-i-saw-on-facebook-for-two-days-heres-what-it-did-to-me/

    „By liking everything, I turned Facebook into a place where there was nothing I liked.“

    Ich lass das mal so stehen :)

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  10. Interessanter, wie immer launig geschriebener Artikel, der bei mir die Frage aufwirft, warum man/frau/facebook-user sich eigentlich mit Freunden oder Bekannten nicht mehr „normal“ vernetzen will, sprich treffen, anrufen, anmailen, ja gut, auch mal SMS?

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