Lauter Verrückte

Ach, und übrigens … (30): Lauter Verrückte

Manchmal liest man sich durch dieses Web und denkt: Die Welt ist verrückt geworden. Vor allem wenn es um Religion und Humor geht …

***

Zum Beispiel hat ein Herr namens Erhat Toka den Kabarettisten Dieter Nuhr wegen „Beschimpfung von Religionsgemeinschaften“ angezeigt. Die sich hier beleidigt gebende Religionsgemeinschaft ist natürlich einmal mehr der Islam, das kennt man ja noch von den Mohammed-Karikaturen (auch schon wieder fast zehn Jahre her).

Das eigentlich Irritierende ist aber nicht, dass mancher Anhänger einer Glaubensdenomination humorlos ist, sondern dass es immer noch diesen § 166 StGB gibt, der die „Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen“ justiziabel macht. In Deutschland. Im Jahre des Herrn 2014. 200 Jahre nach Immanuel Kant.

Aber mit Scherz, Satire, Ironie und tieferer Bedeutung tun sich so genannte Autoritäten nun mal schwer. Hat es je ein besseres, glaubwürdigeres Mord-Motiv gegeben, als das des Mönchs Jorge von Burgos in Umberto Ecos grandiosem Roman Der Name der Rose? Die Klinge wetzen, damit das zweite Buch der aristotelischen Poetik für immer verschwunden bleibt. Denn in diesem Buch behandelt Aristoteles die Komödie und legitimiert das Lachen, was nicht nur dieser Mönch für bedrohlich hält: „Lachen tötet die Furcht und ohne Furcht kann es keinen Glauben geben. Wer keine Furcht mehr vor dem Teufel hat, braucht keinen Gott mehr … dann können wir auch über Gott lachen.“

Aber auch ohne die poetologische Legitimation durch Aristoteles gibt es bis heute Kabarettisten wie Dieter Nuhr, die es ein wenig an Respekt fehlen lassen. Wer sich daran stört,  findet Heil und Zuflucht in besagtem § 166 StGB, den in die Tonne historisch-voraufklärerischer Kuriositäten zu treten sich das Parlament bislang nicht durchringen konnte. (Manche Politiker, lernt man bei Wikipedia, wünschen sich im Gegenteil eine „drastische Verschärfung“ des Paragraphen, jüngst etwa – Überraschung! – Markus Söder von der CSU.)

Ich wage mir übrigens gar nicht vorzustellen, was genau „Weltanschauungsvereinigungen“ sein könnten. Wahrscheinlich habe ich mich hier im Blog schon mehrfach strafbar gemacht, wenn ich die eine oder andere despektierliche Zeile über Astrologie-Gläubige, Mondphasen-Jünger, Anthroposophen oder Feng-Shui-Phantasten geschrieben habe.

***

Apropos Parlament: Die Bundestags-Verwaltung hat’s auch nicht so mit Humor und hat der (von mir sehr geschätzten) ZDF Heute Show die Akkreditierung verweigert. Denn: Was man dort mache, sei ja kein Journalismus, sondern nur Satire. Und die soll mal lieber draußen bleiben.

Warum das nicht nur humorlos, sondern ein Eingriff in die Pressefreiheit ist, hat lesenswert Rechtsanwalt Jonas Kahl auf Telemedicus geschildert. Denn es ist natürlich nicht Sache des Bundestages festzulegen, was Journalismus ist und was nicht. Und dass Humor oder Satire keine Kontraindikatoren für „echten“ Journalismus sind, sollte sich nach dem Soraya-Urteil des Bundesverfassungsgerichts auch herumgesprochen haben: „Die Pressefreiheit ist nicht auf die „seriöse“ Presse beschränkt“. Fazit:

Beim Betrachter bleibt der Eindruck zurück, dass formale Gründe konstruiert wurden, um unerwünschte Satire zu unterbinden. Zu behaupten, es habe bei der Versagung kein Ermessensspielraum bestanden, ist bei einem grundsätzlich derart weit definierbaren Begriff, wie „politisch-parlamentarischer Berichterstattung“ geradezu absurd.

***

In diesem Zusammenhang erscheint es nur konsequent, dass Facebook zurzeit daran arbeitet, Links auf satirische Beiträge explizit als solche zu kennzeichnen. Denn noch schlimmer als Satire, ist Satire, die man nicht sofort erkennt. Doppeldeutigkeiten schaffen nur Unsicherheit und machen das Leben komplizierter, als es ist. Ich stelle mir das ähnlich vor wie bei Apples iTunes, wo der verunsicherte Hörer vor fragwürdigen Liedtexten mit einer „Explicit“-Markierung gewarnt wird. Da reicht es schon, dass Pink einmal „Asshole“ ins Mikrophon singt, schon ist das Lied gebrandmarkt. Und was einmal gekennzeichnet ist, lässt sich natürlich wunderbar filtern.

***

Zu düster, zu paranoid diese Vorstellung? Warum sollte Facebook etwas gegen Satire haben? Keine Ahnung, aber wer versteht schon, was auf Facebook erlaubt ist und was nicht. Darüber hat man sich auch im Herrenzimmer kürzlich Gedanken gemacht oder besser gesagt: ordentlich aufgeregt. Und ja, auch ich habe noch nicht hundertprozentig verstanden, welche Gefahr von der Abbildung einer weiblichen Brustwarze ausgehen soll:

Man erinnere sich: Facebook hat seinen Urspung im Kopf eines verklemmten Nerds, der zu allem Unglück auch noch Amerikaner ist. Also aus dem Land stammt, in dem das Wort Nipplegate kreiert wurde. Gate – das stammt von Watergate, jenem Synonym für die Enthüllung der Machenschaften einer verbrecherischen Regierung. Folglich sollte Nipplegate für die Enthüllung einer Brustwarze stehen, geschehen vor ein paar Jahren während einer Sportveranstaltung. Alleine das Ziehen einer Parallele zwischen den Taten der Nixonregierung und einem weibliche Körperteil sagt genug aus über das, was in den USA unter Moral verstanden wird.

***

Wie dem auch sei. Gönnen wir uns am restlichen Wochenende noch ein wenig Satire. Dieter Nuhr macht Witze über Islamisten. Ich finde das sehr lustig …

***

In Ach, und übrigens (29) ging es übrigens um einen Blick hinter die Kulissen von Burger King, zweimal Dummheit, ein neues Netzwerk, ein Regulierungs-Kuriosum und ein sehr spaßiges Video …

2 Gedanken zu “Ach, und übrigens … (30): Lauter Verrückte

  1. Wie unsicher muss der Glaube derjeniger sein, dass sie sich jetzt durch Nuhr beleidigt fühlen? Was ist das für ein Gott, den man glaubt gegen satirische Anwürfe verteidigen zu müssen? Steht das nicht in direktem Widerspruch zum Konzept eines allmächtigen und ggf. strafenden Gott?

    Gefällt mir

Und jetzt sag deine Meinung:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s