Frauenquote - Symbolpolitik ohne Wert

Frauenquote? Symbolpolitik ohne Wert!

Die Juso-Bundesvorsitzende Johanna Uekermann hat „Bock auf Quote“ – und mit ihr zusammen die ganze SPD. Das klingt toll und ist völlig nutzlos. Vor allem für viele Frauen im Land …

Wikipedia definiert Symbolpolitik treffsicher wie folgt:

Symbolpolitik bezeichnet eine auf Gesten beruhende Politik. Sie verändert dabei nicht unmittelbar die konkrete Situation oder das konkrete Problem, soll aber gewisse Reaktionen hervorrufen.

Besser kann man das nicht auf den Punkt bringen. Was noch fehlt, ist die Begründung, warum Politiker gerne Symbolpolitik betreiben: Weil sie billig ist. Weder beansprucht sie viele Kapazitäten im Politiker-Gehirn noch strapaziert sie den Haushalt. Symbolpolitische Ideen sind oft unterkomplex, und daher schnell in die Welt gesetzt. Einem Minimum an Aufwand und Kosten steht ein Maximum an öffentlicher Aufmerksamkeit und Erregungspotenzial gegenüber – was kann man sich mehr wünschen?

Die Frauenquote, ein Elitenprojekt

Wenn man es schafft, sich von dieser Erregung nicht anstecken zu lassen, wird einem bald auffallen, wie wahr der zweite Teil der Wikipedia-Definition ist: Symbolpolitik ändert an vorhandenen Problemen rein gar nichts und ist daher wertlos.

Und warum ist die Frauenquote nun Symbolpolitik, von der sich die allermeisten Frauen in Deutschland nichts kaufen können und die sie folgerichtig auch wenig bis gar nicht interessiert? Weil es um Frauen in den Aufsichtsräten großer Unternehmen geht. Weil sich die ganze Aufregung mit anderen Worten um ein Elitenprojekt dreht, wie Gideon Böss richtig schreibt:

Es handelt sich um ein Elitenprojekt, das vor allem karrierebewussten, gut ausgebildeten Frauen den Sprung nach ganz oben ermöglichen soll. Ein Sprung, den sie ohne diese staatliche Bevorzugung vermutlich nie schaffen würden (wie auch die allermeisten gut qualifizierten Männer). Sie nehmen diese Chancen gerne wahr und noch lieber wollen sie sich einreden, dass das ein wichtiger Schritt für die Frauenbewegung ist. Ist es nicht. Es ist ein wichtiger Schritt für die eigenen beruflichen Pläne, wenn man einen einflussreichen Job geschenkt bekommt. Andere Frauen haben davon erst einmal nichts.

Berufe, in denen man Frauen wirklich helfen kann

Natürlich wäre es kein Hexenwerk für die Politik, berufstätigen Frauen in Deutschland wirklich zu helfen. Man müsste nur erst mal zur Kenntnis nehmen, dass sich „Lebensentwürfe, die Frauen freiwillig wählen, deutlich von denen unterscheiden, die Männer freiwillig wählen“, wie Harald Stücker im Blog nebenan wie immer erfreulich evidenzbasiert zusammenfasst. Der Grund dafür ist, dass Frauen sich häufiger auf Grund intrinsischer Motivation für einen Beruf entscheiden als Männer, die eher extrinsische Ziele verfolgen. Vereinfacht gesagt: Männern geht’s eher um Geld und Status, Frauen eher um eine sinnvolle, erfüllende Tätigkeit.

Anstatt symbolträchtig ein paar Business-Frauen in Aufsichtsrats-Jobs zu hieven, könnte man sich als Politiker also auf jene Berufe konzentrieren, in die man Frauen nicht kraft einer fragwürdigen Quote zwangsbefördern muss, sondern in denen sie ohnehin schon überdurchschnittlich oft anzutreffen sind.

Zum Beispiel auf den Beruf der Erzieherin.

Erzieher in Deutschland: 95 % Frauenanteil

95 % der Erzieher in diesem Land sind Frauen. Genauer gesagt gab es im Jahr 2014 in Deutschland 522.500 Erzieher im Sinne von „pädagogisches und leitendes Personal in den Einrichtungen“ – 497.200 Frauen und 25.300 Männer.

Die Ausbildung zur Erzieherin dauert in Bayern fünf (!) Jahre. Sie besteht aus einem zweijährigen Seminar in sozialpädagogischen Einrichtungen (aka „Vorpraktikum“), einer Ausbildung von zwei Studienjahren im Vollzeitunterricht an einer Fachakademie für Sozialpädagogik sowie einem anschließenden einjährigen von der Fachakademie begleiteten Berufspraktikum.

Eine so umfangreiche Ausbildung ist sinnvoll. Schließlich kümmern sich Erzieherinnen um die frühkindliche Bildung in einer entscheidenden Lebensphase der Kinder. Dabei wird die Tätigkeit immer anspruchsvoller – Beispiel Kindergarten: einerseits kommen Kinder immer früher in den Kindergarten, die Spannweite reicht von 2-Jährigen bis zu Vorschulkindern; andererseits werden die Gruppen immer heterogener, sei es durch Kinder mit Migrationshintergrund oder behinderte Kinder, die integriert werden – Stichwort Inklusion.

Das Gehalt beim Berufseinstieg liegt gleichwohl bei nur rund 2.200 Euro (brutto natürlich). Maximal gibt es, nach vielen Jahren Berufserfahrung, 3.100 Euro. Das Netto(!)einkommen von Erzieherinnen liegt übrigens 224 Euro unter dem Durchschnitt aller Erwerbstätigen.

Mit Burnout in die Altersarmut

Nach 38 Jahren Erwerbstätigkeit, in Vollzeit und ohne Unterbrechung, kann eine Erzieherin mit 876 Euro Rente rechnen. Unnötig zu erwähnen, dass selbst dieser bescheidene Betrag für viele illusorisch ist – Erzieherinnen arbeiten überdurchschnittlich oft in Teilzeit, unterbrechen ihre „Karriere“ oft für die eigenen Kinder und gehen aufgrund der hohen Belastung frühzeitig in Rente. Das Fazit der Studie einer (gewerkschaftsnahen) Stiftung lautet insofern folgerichtig: „Mit Burnout in die Rente und dann ein Leben in Armut“.

Übrigens ist es für Erzieherinnen praktisch unmöglich, in den Genuss der von der SPD so bejubelten abschlagsfreien „Rente mit 63“ zu kommen. Denn diese Rente basiert auf 45 Beitragsjahren, und die können Erzieherinnen mit ihrer längeren Ausbildung kaum je erreichen, wie der Paritätische Wohlfahrtsverband gegenüber Arbeitsministerin Nahles nachdrücklich, aber ergebnislos betont hat.

Ein anderer pädagogischer Beruf zum Vergleich: Das durchschnittliche Gehalt von Lehrern an Haupt- und Realschulen liegt bei 4.200 Euro, an Gymnasien bei 4.600 Euro. Vollends grotesk wird der Vergleich bei einem Blick auf die Pension: Gemäß dem Versorgungsbericht der Bundesregierung erhalten Beamte im gehobenen Dienst (und dazu gehören Lehrer) durchschnittlich 2.590 Euro Pension pro Monat – das ist das Dreifache einer durchschnittlichen theoretisch möglichen Erzieher-Rente.

Mehr Geld statt Bock auf Quote

So. Und jetzt erklärt mir bitte mal, wie „Bock auf Quote“ den knapp 500.000 Erzieherinnen in Deutschland weiterhilft. Wie diese populistische Symbolpolitik irgendeiner Frau weiterhilft, die sich, vermutlich intrinsisch motiviert, für einen sozialen Beruf entschieden hat. Sollen diese Frauen mal lieber Sozialberufe Sozialberufe sein lassen und in die quotenregulierten Bürojobs drängen? Oder Kleinkinder Kleinkinder sein lassen und sich lieber in Richtung verbeamtete Gymnasiallehrerlaufbahn orientieren? 12 Wochen Ferien im Jahr sind ja auch nicht zu verachten. (Billige Polemik, zugegeben, siehe Kommentare.)

Der richtige Weg ist ganz einfach, garantiert symbolfrei, aber leider teuer: Soziale Berufe in Deutschland müssen besser anerkannt und bezahlt werden. Politiker, die sich dafür einsetzen, ernten zwar keinen Applaus aus der ideologieverseuchten Gender-Ecke. Aber sie tun etwas für die Frauen in diesem Land.

Bildnachweis: @spdde auf Twitter

11 Gedanken zu “Frauenquote? Symbolpolitik ohne Wert!

  1. Genau. Unser soziales Gefüge ist wichtig und allemal förderungswert. Dass da ausgerechnet die SPD symbolträchtige Augenwischerei betreibt ist zum Weinen. Wer mal sehen möchte, was mit einem Land passiert, in dem ein großer Teil der Bevölkerung sämtliche soziale Verantwortung (und deren notwendige Finanzierung) als bekämpfenswerte kommunistische Ideologie verschreit, kann mal gern bei mit in den USA vorbeigucken. Ist gruselig.

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  2. Lieber Christian, mir kommt es ein bisschen so vor, als wolltest du in diesem Beitrag das “ganz Große” mit Macht “zurückstricken” auf das Kleine (womit ich bitte nicht meine, dass der Job der Erzieherin klein ist!) Meiner Meinung nach ist Symbolpolitik für die Sache der Frauen – auch wenn es bei der Quote erstmal “nur” um die großen Schaltstellen der Macht geht – sehr wohl hilfreich. Erstens: Weil es wichtig ist, dass Frauen in den Schaltzentralen der Macht sitzen und sichtbar werden – die Politik macht es heute schon vor. So können Frauen überhaupt zeigen, was sie können und dass sie es vielleicht anders oder besser machen. Vielleicht machen Frauen auch nichts besser oder anders aber müssen sie das eigentlich? Sie haben ein Recht, an der Macht zu mindestens 50 Prozent teilzuhaben. Zweitens: weil Symbolpolitik mittel- und langfristig auf alle anderen alltäglichen Lebens- und Arbeitsbereiche abstrahlt. Zum Beispiel weil die Leute drüber reden und diskutieren – ob im Business-Meeting oder irgendwo am Stammtisch. Hier sagt eine Regierung: Ja, wir tun konkret etwas für die Sache der Frauen, und wir haben das Thema auf der Agenda (so löchrig das im Detail sein mag). Und das ist gut so, um den alten Wowi zu zitieren. Dass zudem in allen anderen Berufen und Karriereebenen ganz konkret nachgebessert werden muss, ist sonnenklar – bin ganz deiner Meinung. Was mir an deinem Beitrag aufgestoßen ist: Frauen seien im Beruf intrinsisch motiviert, Männer extrinsisch. Heißt das verkürzt gesagt: Frauen sind Erzieherinnen, Männer Manager? Heißt das: Frauen suchen Sinn, Männer Macht und Geld? Das halte ich für wenig haltbar. Und gesetzt den Fall, das würde so stimmen: Hieße das nicht eher: das sog. intrinsische Denken sollten wir noch viel mehr nach vorne bringen und noch viel mehr Frauen in Entscheidungspositionen bringen, damit ausgewogene Entscheidungen für die Zukunft der Wirtschaft oder des Landes getroffen werden?

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    • Liebe Meike :-)

      Dazu gäbe viel zu sagen, ich greife nur mal ein paar Aspekte raus:

      Ja, Symbolpolitik hat manchmal Strahlkraft. Aber nur in sehr seltenen Fällen. Und vor allem nur dann, wenn sie von entsprechender Realpolitik begleitet wird. Das sehe ich beim Thema Gleichberechtigung von Frauen eher nicht. Siehe die sozialen Berufe als Beispiel. Ich glaube übrigens nicht, dass eine Quote irgendetwas mit Gleichberechtigung zu tun hat, aber das ist ein anderes Thema.

      „Sie haben ein Recht, an der Macht zu mindestens 50 Prozent teilzuhaben.“ Da sind wir politisch / systematisch weit auseinander. Aber ich wähle ja auch FDP und du eher nicht, wie wir wissen ;) Wobei Chancengleichheit ein sehr liberales Thema ist. Wer an der politischen Macht ist, bestimmt der Wähler. Wer einen Wirtschaftskonzern lenkt, bestimmen die Eigentümer. Ich bin mir relativ sicher, dass Qualifikation dabei oft nicht das einzige Kriterium ist. Ich bin mir aber auch sicher, dass Quote kein gutes Alternativkriterium ist.

      Was die intrinsische und extrinsische Motivation angeht, weiß ich nicht, warum dich das stört. Jedenfalls ist das keine Meinung und schon gar kein Wunschdenken, sondern ganz gut durch Studien belegt, siehe Susan Pinker, The Sexual Paradox, oder folge diesem Link: https://evidentist.wordpress.com/2014/12/04/was-frauen-wollen-sollen/ Deine Verkürzung ist eine Verfälschung: Es heißt nicht, dass Frauen geborene Erzieherinnen und Männer geborene Manager sind, sondern dass sich Frauen freiwillig (!) tendenziell eher für den Beruf der Erzieherin entscheiden als für den der Managerin. Das passt natürlich nicht so gut in die Schwarz-Weiß-Gender-Agitprop, nach der die Frauen befreit werden müssen, indem sie alle zu Managerinnen gemacht werden.

      Und damit kommen wir zum Punkt: Die von der SPD propagierte Frauenquote propagiert zugleich ein bestimmtes Weltbild, was nicht verwundert, denn letztlich geht es hier um Ideologie. In diesem Bild ist die Welt dann gerecht, wenn Frauen auch „an der Macht“ sind, was immer das bedeuten mag. Dabei wird ausgeblendet, dass die meisten Frauen wie die meisten Männer gar nicht an der Macht sein wollen. Sie haben andere Prioritäten. Daher ist die Frauenquote in der zurzeit diskutierten Version ein Elitenprojekt, wie ich geschrieben habe. Symbolpolitik halt, die meilenweit an der Realität der meisten Frauen (nicht nur in sozialen Berufen, das war nur ein Beispiel) vorbeigeht und diese daher auch überhaupt nicht interessiert.

      Wenn die Politik mich beeindrucken will, kommt sie aus dem ideologischen Elfenbeinturm und verändert die Lebenswirklichkeit in Bereichen zum Positiven, wo diese Änderung auch für nennenswerte Teile der Gesellschaft spürbar wird. Und dann – oh Wunder – diskutieren wir auf einmal nicht mehr einseitig über Frauenquote oder Gleichberechtigung von Frauen, sondern zum Beispiel über die Anerkennung sozialer Berufe, unabhängig von den sekundären Geschlechtsmerkmalen derjenigen, die diese Berufe ausüben.

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      • Man kann es doch nicht evidenzbasiert nennen, wenn man eine bereinigte Lohnlücke von 7-8% komplett ignoriert und ein echtes Gender-Problem komplett mit unterschiedlichen Lebensmodellen wegwischt (siehe auch mein Kommentar unten). DAS ist vereinfachend.

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  3. vieles richtig völlig zustimmend und hoch interessant und dann und dann völlig unnütz am Schluss die Populismusklatsche – letzteres richtet mehr Schaden an als ersteres – Lehrer sind nicht alles Beamte – so geht es erstmal los – Lehrer studieren länger – denn hier ist nicht nur die Pädagogik Thema sondern auch studierte Fächer – im gymnasialbereich sogar 2 – diese Lehrer würden im Wirtschaftssektor mit der gleichen Ausbildung mehr verdienen. Eigentlich sollte es nicht notwendig sein intelligenten Menschen die Wahrheit über die Arbeitszeiten zu erklären – ja die Pension ist höher , deutlich höher – aber was will man in diesem Beitrag jetzt ? Das die Erzieher zu Recht mehr bekommen oder die Lehrenden / Beamten weniger – letzteres ist frustrierte Missgunst – es macht Sinn sich mal mit dem Systems der Pension zu beschäftigen – man wird erkennen dass das die billigste Form der Altersvorsorge für den arbeitgebenden ist und das sind wir – hier zahlt Land oder Kommune in den ganzen Erwerbsjahren keinen Pfennig in eine Rentenversicherung – und wieviel drückt dein Arbeitgeber ab ? Das spart sich der Steuerzahler – Schade ein solch oberflächlichen populistischen Beitrag in diesem Blog gelesen zu haben – trotz großer Bewunderung

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    • Klar ist das am Schluss Polemik. Und klar gibt es angestellte Lehrer, die verdienen übrigens im Schnitt in NRW zwischen 3.100 und 4.600 Euro. Dass Lehrer studieren, ist mir auch bekannt, wenngleich ich dir nicht zustimmen würde, dass Pädagogik ein Schwerpunkt dieser Ausbildung ist. Aber vergiss die Polemik, im Kern bleibt eine extreme Ungleichbehandlung frühkindlicher und schulischer Bildung und der damit verbundenen Berufsbilder. Das werfe ich nicht den Lehrern vor, sondern den Symbol- statt Realpolitik betreibenden Politikern.

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  4. Ich gebe Dir recht: Die jetzt umgesetzte Quote ist reine Symbolpolitik.
    Aber als Alternative zur Quote jetzt eine bessere Entlohnung von Kindergärtnerinnen (oder andere Berufsgruppen mit hohem Frauenanteil) anzubieten, ist m.E. nicht ganz sauber argumentiert.
    Denn ich sehe zwei verschiedene Probleme:
    Wie Du ja schon erwähnst gibt es nun mal „Frauenberufe“ und „Männerberufe“ und es ist leider so, dass im Schnitt die typischen Frauenberufe wie der der Erzieherin schlechter entlohnt werden, als die typischen Männerberufe (siehe http://doku.iab.de/kurzber/2014/kb0914.pdf BTW: Es gibt aber auch Männerberufe wie z.B. den des Busfahrers, die auch eine hohe Verantwortung tragen und auch schlecht entlohnt werden). Man kann jetzt diskutieren, ob diese geschlechterspezifischen Berufsgruppen veraltet oder erklärbar, sinnvoll oder blödsinnig, gut oder schlecht sind. Das ist aber ein anderes Thema.
    Im Fall „Erzieherin“ geht es m.E. weniger um eine Form der Diskriminierung von Frauen durch schlechtes Gehalt, sondern darum, dass es eine Schande ist, wie wenig Geld unsere Gesellschaft bereit ist, für wichtige soziale Aufgaben aus zu geben. Im Falle der Erzieherinnen und Erzieher sehe ich hier also weniger ein Gender-Problem, sondern ein Problem, dass insbesondere soziale Berufe (egal ob durch Mann oder Frau bekleidet) nicht adäquat vergütet werden.
    Aber jetzt zu sagen: „Statt Quote wäre mehr Geld für Erzieherinnen das sinnvolle politische Mittel“ ist unsauber. Man muss Menschen, die wichtige Aufgaben in unserer Gesellschaft übernehmen. mehr Geld zahlen. Punkt. Und wie diese Berufsgruppen nun mal verteilt sind, wird das zu einer stärkeren Anhebung der Frauengehälter führen. Das löst dann einen Teil der Problematik.
    Aber wir haben in Deutschland wirklich NOCH ein Problem, sowohl bei dem Anteil von Frauen in Führungspositionen (auch im mittleren Management), als auch bei den Gehältern, wo wir laut OECD-Studie den ersten Platz einnehmen (=höchstes Lohngefälle in Europa) einnehmen. Dazu las ich dann:
    „Als Gender Pay Gap wird die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen bezeichnet. Einer OECD-Studie aus dem März 2012 zufolge verdienen Vollzeit beschäftigte Frauen in Deutschland durchschnittlich 21,6 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. […] Die Statistiker stellen eine unbereinigte Lohnlücke von 22 Prozent fest. […]
    Frauen arbeiten häufiger in schlecht bezahlten Berufen und wenig in Führungspositionen. Das erklärt zwei Drittel des Lohnunterschieds. Es bleiben jedoch sieben bis acht Prozent Differenz aufgrund des Geschlechts. Dieser Unterschied wird als bereinigte Lohnlücke bezeichnet.“
    (hier kopiert: http://www.zeit.de/karriere/beruf/2012-03/schlusslicht-gehaltsunterschied-deutschland von 2012)
    Das heißt, hier werden Faktoren wie die intrinsischer Motivation schon versucht wissenschaftlich heraus zu rechnen, überhaupt werden in besagter Studie nur die in Vollzeit arbeitenden Menschen verglichen. Also nicht die, die sich z.B. für kürzere Arbeitszeiten zu Lohneinbußen akzeptieren.
    Die jetzt verabschiedete Quote ist Mist, und es ist sicher auch Mist zu behaupten, Männer und Frauen wären komplett gleich, hätten die gleichen Lebensentwürfe und müssten gleichgestellt werden. Und es ist auch Mist, dass die Gehälter in sozialen Berufen so unverschämt niedrig sind.
    Aber es ist auch Mist, zu ignorieren, dass Frauen in Deutschland im Berufsleben mindestens im Gehalt diskriminiert werden. Sie verdienen bei gleicher Arbeit im Schnitt weniger (auch wenn es eher 7 als 20 Prozent sind, siehe http://www.zeit.de/karriere/beruf/2014-03/lohn-unterschied-gender-pay-gap-bezahlung), sie sind in Führungspositionen unterrepräsentiert. Das stört mich auch an Harald Stückers Blog-Beitrag; wie kann man das Thema so umfassend beleuchten und verschweigen, dass es längst so eine Zahl wie die „bereinigte Lohnlücke“ gibt, um zu untersuchen, ob es wirklich Unterschiede in der Gleichbehandlung gibt. In Deinem und seinem Beitrag klingt es fast so, als gäbe es da kein Problem, Frauen würden nur halt gerne anders (und damit schlechter bezahlt) arbeiten und viele der Jobs wären halt zu niedrig bezahlt. Da fehlt halt aber mindestens ein Drittel der Wahrheit.
    Und das gefällt mir an dem Beitrag nicht: Du verreißt zurecht die Quote als Vorstandsquote und bringst dann eine scheinbar naheliegende Lösung. Die Lösung ist aber eine Lösung für ein anderes Problem. Für ein Problem, dass m.E. kein Gender-Problem ist. Die Quote ist ein Gender-Instrument, sie löst jedoch das Gender-Problem nicht. Aber vielleicht fangen will man an zu akzeptieren, dass es ein Gender-Problem gibt. Das fehlt mir hier im Beitrag komplett.
    Und ich ärgere mich immer, wenn mir wissenschaftliche Modelle präsentiert werden, dann aber sehr einfach zu recherchierende wissenschaftliche Methoden, wie die bereinigte Lohnlücke, nicht berücksichtigt werden.
    Oder, um es mal ähnlich scharf wie Du zu formulieren: Von mehr Geld für Erzieherinnen wird keine Frau im Bürojob etwas haben.

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    • Ja, was soll ich sagen? Ich bin völlig deiner Meinung. Das Problem der bereinigten Lohnlücke ist mir bekannt, und DAS ist echte Ungleichbehandlung, die verändert werden muss. Das wäre einen eigenen Beitrag wert, zumal in der Presse oft mit anderen Zahlen jongliert wird, bei denen eine Vergleichbarkeit schwierig ist. In meiner Wahrnehmung ist diese Lohnlücke aber common sense, während mein Beispiel in der Diskussion selten auftaucht. Daher war mir das wichtig: Für viele Frauen wird sich durch eine Frauenquote nie etwas ändern, weil sie in zahlreichen Berufen ohnehin schon „quotenmäßig überrepräsentiert“ sind, falls man das überhaupt so betrachten will. Wer mit Ideologie und Quote argumentiert, müsste wollen, dass auch in den schlecht bezahlten sozialen Berufen eine 50:50-Quote herrscht. Das wäre dann „Quoten-Gerechtigkeit“ Aber das wäre zugleich Schwachsinn und würde niemandem helfen. Mit anderen Worten: Mit Quote kommt man hier nicht weiter. Aber ich wiederhole mich ….

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  5. …und ganz nebenbei müssen Beamte (Richter und Professoren) ihre Pension – anders als Arbeitnehmer – weiter voll versteuern!

    Wobei ich sonst aber im Wesentlichen bei Dir bin. Insbesondere hast Du noch nicht einmal ein Wort darüber verloren, wie Vorpraktikum und Anerkennungsjahr tatsächlich gestaltet sind. Bei den Erziehern dürfte die unbezahlte „Generation Praktikum“, wie sie heute in vielen Studiengängen beklagt wird, überhaupt erst erfunden worden sein. Andererseits gibt es aber – jedenfalls nach meiner Wahrnehmung und viele überaus engagierte Erzieherinnen und Erzieher (Du weißt, wen ich u.a. meine) natürlich ausgenommen – in jedem KiGA, den ich kenne, bei den Mit“arbeitern“ auch einen nicht zu unterschätzenden Anteil der sog. „Kaffeetrinkerfraktion“, der für seine „Leistungen“ möglicherweise genau richtig bezahlt wird, aber wo ist das nicht so…

    Gerade Grund- und Hauptschullehrer haben übrigens heute auch nicht mehr so viel „Spaß“ wie früher und sind zumeist auch Angestellte, die häufig als Springer oder Mobile Reserve im ganzen Schulbezirk eingesetzt und am Anfang ihrer „Karriere“ mit auf die jährliche Schulzeit (Sommerferien? Bitte Arbeitslosengeld beantragen!) befristeten Verträgen für Jahre bayernweit verschickt werden…

    Da verblasst die Diskussion um G8, Mittelstufe plus, G9 oder Schließung der Zwergschulen doch etwas…

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    • Stimmt. Dieses Modell der Befristung ohne Sommerferienzeit gibt es übrigens auch bei Erziehern immer öfter. Und korrigier mich, aber muss ich meine Rente inzwischen nicht auch versteuern? Hab das nur am Rande verfolgt, da ich eh nicht viel Hoffnung in die staatliche Rente setze …

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  6. … schöner Beitrag, – meine volle Zustimmung, Herr Symbolpolitikentlarver ; -) „Ausgewogene Entscheidungen“ (Meike) bekommen wir jetzt GANZ bestimmt ! Das sich entwickelnde Quoten-Hopping spezialisierter Geschlechtsmerkmalausgleichvertreterinnen wird uns GANZ neue Perspektiven eröffnen ; -)

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