Ach, und übrigens … (32): Nochmal „Lügenpresse“, Versicherungen, YouTube, E-Books, WM

Über eine Kommentar-Kakophonie, die Entsozialisierung von Versicherungen, YouTube-Top-Verdiener, E-Books und die Buchpreisbindung sowie Per Mertesackers legendäres WM-Interview …

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Ich bin ja selbst schuld. Warum blogge ich auch über Pegida und die Verwendung des Begriffs „Lügenpresse“ in vergangenen Zeiten? Der Beitrag wurde einerseits kräftig durchs Web gereicht (viele Leser, schön!), andererseits zieht so ein Thema natürlich merkwürdige Zeitgenossen an wie Honig die Fliegen. Und so kamen sie, die Weltverschwörungs-Theoretiker, die Migrations-Apokalyptiker. Diejenigen, die Philanthropie und Mitgefühl für „grenzenlos naiv“ halten. Diejenigen, die „Nazi-Keule“ schreien, wann immer sie“Adolf“ lesen – ist ja auch praktisch, wenn man jede abweichede Meinung zum Totschlag-Argument erklären kann statt sich ernsthaft mit ihr auseinanderzusetzen. Diejenigen, die sich empört und lautstark aus dem Blog verabschieden, so wie sie früher nach jedem unliebsamen Kommentar empört ankündigten, nun aber wirklich das Abo ihrer Zeitung zu kündigen (lasst euch nicht aufhalten!). Diejenigen, die ernsthaft glauben, dass es in Deutschland wirklich nur eine „gleichgeschaltete Systempresse“ aka „Lügenpresse“ gebe, eine Teilmenge derjenigen, deren Weltbild so rund und hermetisch abgeschlossen ist, dass ohnehin nichts durchdringt, was sie auch nur ansatzweise in die Verlegenheit bringen könnte, mal nachzudenken. Aber jetzt sind sie hoffentlich weitergezogen und rotzen ihre Kommentare in andere Blogs – und wir können uns wieder anderen Themen zuwenden …

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Dass ich das Wort „Lügenpresse“ für eine schwachsinnig vereinfachende Parole mit brauner Vergangenheit halte, heißt natürlich nicht, dass Presse stets dem Wahren, Schönen und Guten verpflichtet ist. Auch Journalisten machen Fehler, und manche Journalisten verunglimpfen, hetzen und lügen, dass sich die Balken biegen. Um solche Fälle kümmert sich das BildBlog, das sich notwendigerweise viel mit Schweinereien in der BILD-Zeitung, aber auch mit den Verfehlungen anderer Medien beschäftigt und selbige aufdeckt. Dabei kann das Blog unsere Hilfe brauchen – ich unterstütze die Arbeit ab sofort monatlich mit 10 Euro, und ihr könnt das auch gerne tun!

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Versicherungen wie die Generali wollen jetzt also Fitnessdaten ihrer Nutzer haben und auswerten, um ihnen dann Rabatte einzuräumen. Selbst für einen bekennenden (und das will was heißen in diesen Tagen) FDP (ihr wisst schon: Leistungsprinzip, fiese Marktwirtschaft, soziale Kälte, weitere Klischees, die euch einfallen) -Wähler wie mich ist das eine schlechte Idee – aus mindestens drei Gründen: 1. liegt der Krankenversicherung in Deutschland der Deal zugrunde, dass die Gemeinschaft die Last des einzelnen trägt. Wenn wir beginnen, die einzelnen in gesund und weniger gesund, fit und malat, gut und böse einzuteilen, ruiniert das auf kurz oder lang diesen Deal. 2. Einmal angefangen, plustern sich solche Freund-Feind-Schemata gerne auf und treiben absurde Blüten. Ist doch total nahe liegend, dass auch Motorrad- oder Skifahrer künftig höhere Gebühren zahlen. Rabatte bekommt man dann künftig für einen besonders risikoarmen, sprich: langweiligen Lebensstil. Herrjeh. 3. Natürlich ist es völlig offen, auf Basis welcher wissenschaftlichen (!) Erkenntnisse irgendwelche Belohnungen vergeben werden. Was sagen die Daten aus einer Fitness-App über einen gesunden Lebensstil aus? Gibt es belastbare Erkenntnisse aus seriösen Studien, dass die in solchen Apps propagierten 10.000 Schritte am Tag wirklich gesund sind? Und mit Ernährung brauchen wir gar nicht erst anzufangen – was soll denn da belohnt werden, wo man doch die allermeisten Ernährungs-„Erkenntnisse“ (One apple a day, viel trinken, wenig Fett, bla bla bla) als Volksmythen und Fit-for-fun-Firlefanz in die Tonne treten kann! Lesenswert vor allem zum ersten Aspekt der Blog-Beitrag von Johannes Mirus: Die Entsozialisierung bei Versicherungen schreitet voran.

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Ich finde es extrem spannend, welche Veränderungen im Medienkonsum wir derzeit quasi live erleben können. Am Beispiel meiner Familie: Die Älteren (meine Frau und ich) verzichten weitgehend auf lineares Fernsehen und konsumieren fast nur noch Streaming-Content über Watchever oder Netflix und gelegentlich BluRays. Die Jüngeren (meine Kinder) verzichten ebenfalls weitgehend auf linerares Fernsehen und konsumieren fast nur noch YouTube-Videos und gelegentlich BluRays. YouTube ist heute ein kostenloser non-linearer Fernsehsender mit Millionen von Produzenten, Formaten und Inhalten, deren Zuschauerzahlen und Bedeutung von winzig bis riesig reichen. Eines meiner Kinder produziert inzwischen auch YouTube-Videos, und wie die meisten macht es das aus Lust, Laune und Leidenschaft. Es gibt aber auch deutsche YouTuber, die von ihren Videos leben können – der deutsche Top-Verdiener dürfte mit Werbung bis zu 31.500 Euro im Monat einnehmen. Wie solche Beträge zu Stande kommen und was andere auf YouTube verdienen, hat der Guruticker mal recherchiert und gebloggt.

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Die Buchpreisbindung – noch so eine Spezialität der deutschen Verlagsbranche. Gäbe es diese Preisbindung nicht, so die Lobbyisten, ginge das Abendland unter. Ach was, die ganze Welt. Ohne Buchpreisbindung keine Kultur, nur Schund, so wie in anderen Ländern – so lautet etwas verkürzt die Argumentation. Das ist schon einigermaßen mutig angesichts der Tonnen von Schund, die deutsche Verlage Jahr für Jahr publizieren, und angesichts der Tatsache, dass die allermeiste erwähnenswerte Belletristik der Nachkriegszeit aus dem angloamerikanischen Raum kommt, wo es natürlich keine Preisbindung gibt. Endgültig absurd wird es, wenn die Lobbyisten des Börsenvereins für den deutschen Buchhandel nun versuchen, die Preisbindung auf E-Books auszudehnen. Denn was ist eigentlich – per Definition – ein E-Book? Was unterscheidet es von anderen digitalen Texten? Mario Sixtus ist dem Thema forschend nähergetreten, hat festgestellt, dass kein Mensch mit einer ordentlichen Abgrenzung dienen kann, und ich darf sein Fazit schon mal vorwegnehmen: „Die Rumeierei der Bücher-Lobbyisten hat natürlich einen Grund. Es gibt nämlich gar keine “eBooks” und auch keine “elektronischen Bücher”. Es gibt nur Texte. Und die werden in Dateiform serviert. Immer.“

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Einer der WM-Höhepunkte jenseits des Spielfelds: Das inzwischen legendäre Kurz-Interview von ZDF-Mann Boris Büchler mit Per Mertesacker nach dem 2:1 gegen Algerien. „Wat wolln’se?“ … „Eistonne“ … Ihr wisst schon. Jetzt hat die ZEIT die beiden zum Gespräch über das Interview gebeten, und das ist interessant und lesenswert. Mertesacker über die Situation damals: „Ich hatte 120 Minuten in den Knochen, war megafroh, dass wir weitergekommen sind – und hatte gedacht, er stellt mir erst mal ’ne leichte Frage. Eine, mit der ich mich freiquatschen kann, um vom Kampfmodus in den Gesprächsmodus zu kommen, so was wie: „Glückwunsch zum Weiterkommen. Wie fühlen Sie sich jetzt, im Viertelfinale?““ Doch es kam anders als gedacht … Ach, und weil’s so schön war:

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In Ach, und übrigens (31) ging es übrigens um EU-Parlamentarier im Digital-Delirium und einige Reaktionen zu ihrer karnevalesken Forderung, Google zu zerschlagen …

3 Gedanken zu “Ach, und übrigens … (32): Nochmal „Lügenpresse“, Versicherungen, YouTube, E-Books, WM

  1. Als liberal denkender Mensch finde ich hier viele Aussagen, die ich unterstreichen kann. Gleichzeitig kann ich vor anderen inzwischen nur warnen.

    Auf rechte sowie linke Parolen reagieren wir wohl beide mit äußerster Vorsicht, dabei ist das selbst liberale Umfeld inzwischen mit Vorsicht zu genießen.

    Zu Versicherungen wie Generali, FDP und Google kann ich immer wieder nur auf den Blogbeitrag „Empfehlungsmarketing wirkt auf allen Ebenen“ verweisen. Da wird deutlich, welche Macht Menschen haben, die die Interessen von anderen Menschen genau kennen.

    Die Gedanken, wie Versicherungen Vitaldaten nutzen, um ihre eigene wirtschaftliche Situation zu verbessern sind ja noch naheliegend. Gehen wir aber einmal eine Ebene höher.

    Ein Blogbeitrag mit dem Titel „Das politische Netzwerk des Finanzvertriebs DVAG“ von Public-Affairs-Manager verdeutlicht die engen Verbindungen von FDP- und CDU-Politikern zum Versicherungs- und Finanzvertrieb.

    Der Beitrag zeigt wie mit freundlicher Unterstützung des damaligen Vize-Kanzlers Guido Westerwelle (FDP) und mit freundlicher Unterstützung des Bundeswirtschaftsministers Brüderle (FDP), der Anlegerschutz nach und nach ausgehebelt wurde.

    Ich hatte damals selbst FDP und oder CDU gewählt und mich deshalb vermutlich auch für die DVAG als Finanzdienstleister entschieden. Inzwischen habe ich die Quittung dafür bekommen.
    Mein Finanzdienstleister wird dank höchster politischer Unterstützung inzwischen nicht mehr von der Bankenaufsicht (BaFin) kontrolliert, sondern von den jeweiligen Industrie- und Handelskammern. Ich bekomme nun weder bei der BaFin noch bei Ombudsstellen außergerichtliche Unterstützung. Dazu ist zu sagen, dass ich einer von rund 6 Mio. Kunden des Unternehmens bin. Ich konnte es lange auch nicht glauben, dass so etwas nach der Finanzkrise in Deutschland möglich ist.

    Nun zur liberalen Haltung gegenüber Google. Das Google, mit dem die heutige Elterngeneration (etwa 30 bis 45 Jahre alt) aufgewachsen ist, gibt es doch nicht mehr. Zwar bestehen noch die gleichen Glaubensgrundsätze wie bei der Gründung, doch längst geht es der Unternehmensführung eher ums Geldverdienen als um kostenloses Wissen für alle. Da sollten wir und auch US-Präsident Obama uns alle mal hinterfragen, ob unser Bild von Google noch stimmt.

    Als liberal denkender Vater verzichte ich darauf meine Kinder ständig zu kontrollieren. Gleichzeitig finde ich den Gedanken schrecklich, dass Unternehmen wie Google irgendwann mehr über meine Kinder wissen als ich selbst.
    You-Tube gehört übrigens auch längst zu Google. Das Unternehmen und deren Algorithmen bestimmen also was Du/ich und Deine/meine Kinder dort sehen.

    Ich würde das nie jemand anderem einfach überlassen. Nur bei Google habe ich das bisher locker gesehen, weil ich das Unternehmen mit seinen guten, alten Werten verbunden habe.

    Es lohnt sich also darüber einmal nachzudenken.

    Als denkender Mensch darf man seine Meinung auch mal ändern, wenn sich die Rahmenbedingungen verändern. ;-)

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  2. Diese „Ich kündige mein Abo für diesen kostenlosen Blog und außerdem bist du doof“-Kommentare sind toll. Ich glaube, man sollte nur bloggen, wenn man damit klarkommt, dass – absolut egal was man schreibt – es immer jemanden gibt, der das nicht gut findet und diese Auffassung im Zweifel auch mit mehr Furor als notwendig wäre rausposaunt, weil es vielen Menschen einfach nicht gegeben ist, einfach leise zu gehen ohne einen dampfenden Haufen zu hinterlassen.

    Mit dieser völligen Überzeichnung eigentlich unproblematischer und vollkommen zulässiger Meinungsäußerungen und dieser tragischerweise so menschlichen Dauerhysterie des Internet, in dem neben neben den etablierten Altrockern und den gut vernetzten Medienprofis nur der gehört wird, der am lautesten kreischt, können leider zu wenige Blogger umgehen und deswegen machen solche Kommentatoren es auch so gerne. Sie wollen Sie leiden sehen für das, was Sie geschrieben haben, weil sie etwas in ihnen ausgelöst haben. In der Hysteriekultur des Internet nennt man das Triggern. Sie haben jemanden derart getriggert, dass er dergestalt reagiert. Das ist doch eigentlich ein Kompliment, nicht?

    Ach ja, und sie werden wiederkommen, wenn sie mal da waren. Sie kommen immer wieder, wie Verbrecher an einen Tatort. :)

    Sehr schöne Texte in letzter Zeit. Mit recht derart geteilt. Weiter so.

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  3. Hallo Herr Buggisch,
    naja, wenn man mitbekommt, wieviele Journalisten von Ihnen abgeschrieben haben, um endlich diesem Schmähbegriff etwas entgegen setzen zu können, lassen sich die hohen Wellen in Ihrem Kommentarbereich schon erklären. :)
    Übrigens: der Begriff ‚Lügenpresse‘ war kein Alleinstellungsmerkmal von völkischen oder nationalen Kräften in der Weimarer Republik. Die Kommunisten benutzten den Begriff damals, um unter anderem betriebliche Werkszeitungen zu schmähen:

    https://books.google.de/books?id=-KpvoNn-ERsC&pg=PA113&lpg=PA113&dq=l%C3%BCgenpresse+%22weimarer+republik%22&source=bl&ots=ZCZtfAP6_3&sig=cXxHzCGoJz93WMd_x3gOxyV6gns&hl=de&sa=X&ei=_POuVOKqG5LfapWLgLAL&ved=0CDkQ6AEwCQ#v=onepage&q=l%C3%BCgenpresse%20%22weimarer%20republik%22&f=false

    Vielleicht hätten die Kollegen lieber den obersten Link in Herrn Niggemeiers Blog verinnerlichen sollen:
    http://www.tageswoche.ch/de/2014_51/leben/676175/die-verlorene-ehre-der-massenmedien.htm

    Schade, dass Sie da der Steigbügelhalter, einer (kollektiven) falschen Entscheidung waren.

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