Facebook die Propaganda-Maschine

Facebook, die Propaganda-Maschine

Ich bin bekennender Technologie-Optimist. Beispiel soziale Medien: Die habe ich sehr lange vor allem als Errungenschaft wahrgenommen. Dialog statt One-Way-Kommunikation, gute Gespräche statt einseitiger Verautbarungen. Vielleicht ist es an der Zeit, die Dinge etwas realistischer zu sehen …

Und realistisch betrachtet gibt es in sozialen Medien immer mehr Denkfaulheit, Dummheit und polarisierendes Geschrei. Wer die Entwicklung der Kommunikation und Interaktion in sozialen Medien bei Themen mit Breitenwirkung in letzter Zeit verfolgt hat, kann daher eigentlich nur zu folgender Erkenntnis gelangen:

Soziale Medien wie Facebook machen die Welt nicht besser.

Das Problem sind die Nutzer

Nicht weil dahinter „böse“ amerikanische Internetfirmen mit wirtschaftlichen Interessen stecken. Auch nicht weil unsere Daten ausspioniert und verhökert und intime Geheimnisse gelüftet werden. (Das ist die Bedrohungsszenarien, die in der Vergangenheit die Schablone für alle bis zur finalen Ermüdung geführten Diskussionen über die Risiken von Social Media geliefert haben.)

Sondern weil die Nutzer selbst die sozialen Medien missbrauchen oder besser gesagt: in einer Art und Weise gebrauchen, die zur dunklen Seite der Macht führt. Nicht die Plattform ist böse, es sind die Inhalte. Nicht die Funktionen sind zu kritisieren, es ist der Gebrauch der Funktionen durch die Nutzer. Nicht Facebook ist ein Arschloch, sondern – der Mensch.

Die Propaganda der Social Media-Nutzer

Moment, Moment, jetzt mal langsam. Ist das nicht völlig übertrieben? Man kann doch den Facebook-Nutzer nicht auf eine Stufe stellen mit … sagen wir: der Propaganda-Abteilung totalitärer Regime!

Kann man nicht? Kann man vielleicht doch …

Was ist eigentlich Propaganda? Schaut man sich die gängigen Definitionen von Propaganda an, gibt es einige allgemeine Merkmale:

  • Propaganda ist ein Herrschaftsinstrument
  • Sie wägt nicht ab, sondern polarisiert bewusst und baut gezielt Feindbilder auf
  • Sie hat kein Interesse an objektiver Information, Diskussion und Argumenten
  • Sie versucht Denken, Handeln und Fühlen von Menschen zu beeinflussen
  • Sie hat dabei das Ziel, „bei den Empfängern eine bestimmte Wahrnehmung von Ereignissen oder Meinungen auszulösen, nach der neue Informationen und Sachverhalte in den Kontext einer ideologiegeladenen Weltsicht eingebettet werden (Framing)

Wenn wir kurz das Thema „Herrschaftsinstrument“ ausblenden, passen alle anderen Merkmale verblüffend genau auf viele Interaktionen, die derzeit in sozialen Medien stattfinden.

Lagerbildung und Feindbild-Pflege

Beispiel Silvesternacht in Köln: Als das Thema mediale Dynamik entwickelte, bildeten sich auf Facebook, Twitter & Co. schnell verschiedene Lager, die eine jeweils sehr einseitige Sicht auf die Ereignisse propagierten. Am rechten Rand des Spektrums etwa waren die Ereignisse Beweis für eine verfehlte Flüchtlingspolitik (lange bevor klar war, wer wie genau beteiligt war), als Feindbild dienten Ausländer und als naive „Gutmenschen“ diffamierte Bürger und Politiker, die eine weniger harte Linie vertraten.

Ein anderes Lager versuchte im Gegenteil Stellungnahmen zu möglicherweise kriminellen Ausländer generell zu stigmatisieren, quasi ein Denk- und Sprechverbot durchzusetzen, da jeder, der sich potenziell ausländerkritisch äußerte, Gefahr lief, als „Rechtspopulist“ oder gar „Nazi“ diffamiert zu werden. Eine dritte feministische Interessensgruppe reduzierte die Ereignisse auf patriarchale Gewalt, die unabhängig von Herkunft und kultureller Prägung ein gesamtgesellschaftliches Problem sei.

Framing in der Filterblase

Allen Gruppen gemein war und ist, dass sie am Austausch von Argumenten nicht im Geringsten interessiert sind, dass sie durch plakative Botschaften, Bilder und Videos (manche davon gefälscht) die Themen stark emotional aufladen und dass sie die einmal gewählten Positionen durch die sehr selektive Wahrnehmung neuer Informationen festigen. Dabei helfen die Mechanismen von Facebook: Da der Edgerank-Algorithmus Informationen und Nutzer, die dem Konsumenten „gefallen“ haben, bei der Zusammenstellung der individuellen Timeline bevorzugt, ist er das perfekte Framing-Tool, das die eigene Filterblase abschottet und das Weltbild besonders rund macht.

Dabei müssen wir gar nicht nur auf aktuelle politische Themen blicken, um Propaganda in sozialen Medien zu entdecken, auch wenn diese Beispiele zurzeit besonders virulent sind. Wer im Social Web schon mal versucht hat, mit Impfgegnern zu diskutieren, weiß was ich meine. Auch hier gibt es eine Abschottung und Lagerbildung, die ihresgleichen sucht. Argumente, die nicht ins Weltbild passen, werden ignoriert oder diffamiert, affirmative Meinungen, so absurd sie in der Sache auch sein mögen, werden verstärkt und weiterverbreitet. Und es gibt sehr klare Feindbilder („die Schulmedizin“). Zur Veranschaulichung sei dieser Blogbeitrag empfohlen, in dem ein Skeptiker schildert, was er beim Besuch einer Impfgegner-Gruppe auf Facebook erlebt hat.

Mit anderen Worten: Diese Algorithmen sorgen nicht für mehr Austausch, Transparenz und hierarchiefreie, ungefilterte Kommunikation – alles Dinge, die man sich vom Social Web erhoffen durfte. Sie befördern im Gegenteil Abschottung und Wirklichkeitsverzerrung. Oder mit Christian Stöcker gesagt: Das Netz radikalisiert manche Menschen.

Machtverschiebung hin zum Nutzer

Und was ist mit dem Herrschaftsinstrument? Schließlich ist Propaganda vor allem aus Diktaturen bekannt, die (fiktiv) über ihr Ministerium für Wahrheit oder (real) über ihr Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda die Massen zu beeinflussen versuchten. Stimmt alles, aber wir leben in anderen Zeiten und aktuelle Diktaturen tun sich bekanntlich mit dem freien Internet schwer. Denn hier kann Öffentlichkeit entstehen, die sich staatlicher Einflussnahme entzieht.

Durch die ubiquitäre Verfügbarkeit der Kommunikationsmittel und die von Prof. Peter Kruse so schön auf den Punkt gebrachten Wirkungsmechanismen des Social Web gibt es eine Machtverschiebung in Richtung einzelner Nutzer oder Nutzergruppen. Anders gesagt: Im Web kann inzwischen jeder Agendasetting und Interessenspolitik betreiben, ganz ohne Amt und Auftrag. Das kann sympathisch sein (etwa bei Crowdfunding-Kampagnen), muss aber nicht, da es bekanntlich nicht nur eine Weisheit, sondern auch eine Dummheit der Massen gibt.

Der optimistische Denkfehler, den ich bislang gemacht habe, war anzunehmen, dass diese Machtverschiebung eine erfreuliche weil basisdemokratische Angelegenheit ist. Hätte ja sein können, dass vor allem vernuftbegabte Bürger ergebnisoffene Diskussionen in sozialen Medien führen. Hätte …

Kein Happy End?

Wer jetzt auf ein Happy End wartet, den muss ich enttäuschen. Rückblickend betrachtet waren die rund zehn Jahre, die es soziale Medien inzwischen gibt, Jahre des Ignorierens („Braucht man nicht“), des Bagatellisierens („Wen interessieren Selfies und Fotos vom Essen“), des Ausprobierens und Kennenlernens, schließlich der Normalisierung. Normalisierung heißt aber eben auch, dass alle Zurückhaltung aufgegeben wurde. Es gibt natürlich nach wie vor viele Vorzüge sozialer Medien, den Austausch mit Freunden, nette Bilder und Geschichten oder informative Links in der Timeline. Aber auch User Generated Propaganda ist ein fester Bestandteil dieser Medien geworden. Sie zu ignorieren dürfte schwer sein, sie wieder loszuwerden unmöglich.

Für manche Branchen bietet das aber auch Chancen, etwa für Journalisten. Nicht für den schnellen, hyperaktiven, klickgeilen Pseudo-Journalismus, der als Propaganda-Verstärker wirkt und sich dabei auch noch wohlfühlt. Sondern für den Qualitätsjournalismus, der fundierte Informationen und ein ausgewogenes Meinungsspektrum bietet, den ich persönlich in großen Zeitungen wie SZ und FAZ finde und dem daher wieder ein großer Teil meiner Aufmerksamket gehört.

6 Gedanken zu “Facebook, die Propaganda-Maschine

  1. Ich freue mich, dass Du mittlerweile bestimmte Zusammenhänge erkennst, aber so ganz bist Du immer noch nicht davon zu überzeugen gewesen, dass die dem System der Social Media immanenten Aspekte sehr wohl von den Firmen verantwortet sind, und die sie durch Gewinnmaximierungsabsichten verursachen. Das klingt doch ein bisschen so wie der Physiker, der die Atombombe gebaut hat und dann jegliche Verantwortung dafür ablehnt, dass Millionen Menschen damit ermordet wurden.

    Etwas platt ausgedrückt: Muss wirklich jeder Inhalt teilbar sein, muss wirklich jeder Online-Artikel kommentiert werden können? Ich bin mittlerweile davon überzeugt, dass die „freie Meinungsäußerung“ der Konsumenten von Massenmedien sich auf das reale Leben beschränken sollte. Insofern ist es m. E. richtig, wenn die Medien mittlerweile so verantwortungsvoll agieren, dass sie Kommentarfunktionen zu bestimmten Themen sperren.

    Durch die doofen Algorithmen werden genau die Stimmen der „Dummen“ verstärkt, weil sich andere Dumme dadurch bestätigt sehen, aber – und das ist das Schlimme dabei – die vermeintlich „Nichtdummen“ sich genötigt sehen, den Dreck zu lesen; und wenn auch nur, um sich darüber zu echauffieren. Diese Zugriffe ranken eben auch den Blödsinn hoch (siehe Katzenvideos etc.).

    Was können die Firmen tun? Sie müssen endlich anfangen, politische Verantwortung zu übernehmen! Sie müssen Inhalte prüfen und handeln. Sie dürfen diesen Stimmen kein Gewicht geben und sich dann darauf zurückziehen, dass sie das aus technischen oder sonstigen Gründen nicht könnten. Das gilt nicht nur für google, FatzeBug und Co. sondern insbesondere auch für die hiesigen Online-Nachrichtenportale.

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  2. Was wäre, wenn man Facebook (als Beispiel) dazu bewegen könnte, nicht nur Hasskommentare zu moderieren, sondern den Algorithmus so anzupassen, dass beispielsweise 20% Inhalte ausgespielt werden, die das genaue Gegenteil zu den eigenen Interessen sind. Einfach um die Echokammern aufzubrechen. Zwangsüberdentellerrandblicking. Wer die FAZ abonniert, bekommt auch Bild-Inhalte. Beispielsweise. Und umgekehrt. Sprich: so eine Art Bildungsauftrag formulieren.

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