Homöopathie verstehen - Das Simile-Prinzip

Homöopathie verstehen (1): Das Simile-Prinzip

Bei Diskussionen über den Sinn und Unsinn von Homöopathie herrscht meist ein großes Durcheinander. Dabei könnte es hilfreich sein, sich mal ablenkungsfrei auf die Kernthesen der Homöopathie zu konzentrieren, und zwar schön der Reihe nach. Auf geht’s …

Was ich hier schreibe, ist übrigens nicht neu, es ist längst bekannt. Ich wollte es nur nochmal zusammenfassen. Weil ich anders als die Homöopathen nicht glaube, dass Schütteln der Erinnerung von Wasser, sondern dass Wiederholung der Erinnerung von Menschen hilft …

Also, der Reihe nach: Wie ist das mit der Homöopathie, funktioniert sie oder funktioniert sie nicht? Und wie sehen die Tatsachen aus, jenseits von Glauben, Meinen, Fühlen oder persönlichen Erlebnissen:

Die Idee: Ähnliches mit Ähnlichem behandeln

Vor über 200 Jahren hatte Samuel Hahnemann eine Idee, nämlich dass man „Ähnliches mit Ähnlichem“ behandeln könnte. Solche Ideen sind erst mal gut, sie sind die Grundlage von Erkenntnis von Fortschritt. Die allermeisten Ideen stellen sich bei genauerer Betrachtung allerdings als doch nicht so toll heraus, wie man ursprünglich dachte, daher lässt man sie schnell wieder fallen und wendet sich anderen Dingen zu.

Similia Similibus Curentur - Ähnliches mit Ähnlichem heilenAuch Hahnemanns Idee oder These hätte es verdient gehabt, alsbald wieder fallen gelassen zu werden, allein es kam, wie wir wissen, anders. Die These geht ungefähr so: Ein Stoff, der ähnliche Symptome verursacht wie eine Krankheit, taugt als Heilmittel dieser Krankheit. Kurzfassung: Man kann Ähnliches mit Ähnlichem heilen. Das nennt man auch Simile-Prinzip (weil die Kurzfassung auf Lateinisch similia similibus curentur heißt).

Hahnemann selbst versuchte zu Lebzeiten diese These durch diverse Selbstversuche und Beobachtungen zu verifizieren. Und wie das so ist, wenn man einer fixen Idee anhängt: Man neigt zu selektiver Wahrnehmung und hält das eingeschränkte Sichtfeld innerhalb der Scheuklappen für die Wahrheit.

Hahnemann und die Chinarinde

In Wahrheit aber gibt es kein Ähnlichkeits-Prinzip. Es gibt wenige Fälle, in denen „ähnliches“ in geringer Dosierung hilft (etwa die Hyposensibilisierung bei Allergien), aber von einem Allgemeingültigkeit beanspruchenden Prinzip kann keine Rede sein.

Sogar Hahnemanns Selbstversuch, auf dem seine Idee gründete, war ein Missverständnis und eine Fehlinterpretation: Er hatte Chinarinde eingenommen, was bei ihm zu malariaartigen Fieberschüben führte, woraus er messerscharf nach dem Simile-Prinzip schloss, dass Chinarinde gegen Malaria helfen müsste. In Wahrheit löst das Chinin der Chinarinde kein Fieber aus, sondern wirkt im Gegenteil fiebersenkend. Hahnemann hatte vermutlich allergisch auf den Stoff reagiert.

Irgendwie ähnlich: Peperoni und Zwiebel

Nimmt man das Simile-Prinzip aber ernst, fallen einem sofort jede Menge Heilmittel ein. Wetten? Wir probieren das mal:

Beispiel Halsschmerzen: Was löst ähnliche Symptome aus? Na, zum Beispiel wenn ich’s beim Chili con Carne mit den Chili übertreibe oder beim griechischen Salat mit den Peperoni.

Allium cepa - Zwiebeln und HomöopathieBeispiel trändende Augen. Wann bekommt ihr die? Genau, beim Zwiebeln schneiden.

Beispiel Schwindel und Übelkeit. Eine hervorragende Methode, das auszulösen: Einfach mal eine Zigarre rauchen, wenn man das noch nie getan hat.

Beispiel: Brechdurchfall. Wie, keine Idee, wie man das auslösen kann? Wie wär’s mit ein bisschen Brechwurz naschen, diese giftige Pflanze trägt ihren Namen nicht durch Zufall.

Medizin als lustiges Gesellschaftsspiel

Und was glaubt ihr nun, wenden Homöopathen gegen solche Beschwerden an?

Gegen Halsschmerzen: Capsicum, auf Deutsch: Peperoni. Gegen tränende Augen: Allium cepa, auf Deutsch: Zwiebeln. Gegen Schwindel und Übelkeit: Tabacum, auf Deutsch natürlich: Tabak. Gegen Brechdurchfall: Ipecacuanha, auf Deutsch: Brechwurz.

Ich könnte ewig so weitermachen. Das ganze System wirkt wie ein Gesellschaftsspiel am Silvesterabend, bei dem man auch nach fünf Gläsern Bowle und drei Flaschen Schampus noch so richtig Spaß haben kann.

Medizin wie von der Tarantel gestochen

Tarantula - Spinnengift in der HomoeopathieWollt ihr mitspielen? Also gut: Erfindet doch mal ein homöopathisches Mittelchen gegen … sagen wir … ADHS. Das haben hyperaktive Kinder, die nicht still sitzen können und rumrennen wie von der Tarantel gestochen. Tja, was nehmen wir denn da? Na klar: Spinnen-Gift! Wie von der Tarantel gestochen – ihr versteht? Der Spruch kommt daher, dass man im Mittelalter (!) geglaubt hat, wer von der Tarantel gebissen wird, habe die Tanzwut bzw. führe einen Veitstanz auf. Das hat zwar mit der armen Tarantel nichts zu tun, deren Gift viel zu schwach ist, aber hey, was soll’s. Also nehmen wir Tarantel-Gift und verabreichen es wegen des Simile-Prinzips hyperaktiven Kindern, die dadurch ganz bestimmt ruhiger und ausgeglichener werden. Die Ähnlichkeit beruht hier nur auf einem uralten Sprichwort, aber egal. Wie? Das können wir nicht mehr erfinden? Das gibt’s schon und heißt bei Homöopathen Tarantula? Kaum zu glauben, aber wahr.

Leute, ich schwör’s, ich mache keine Witze. Genau so ist es. Die Zahl der völlig absurd konstruierten Beziehungen von irgendwelchen (teils jahrhundertealten) Beobachtungen zu irgendwelchen Symptomen ist bei der Homöopathie nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Der Standard. Die Grundlage. Das sehr dünne Blättchen, auf dem das ganze Kartenhaus steht.

Aber halt, werdet ihr sagen. Homöopathen vergiften doch niemanden mit mit Brechwurz, keiner füttert den unter Halsschmerzen leidenden Patienten mit Peperoni. Es kommt auf die Verdünnung an!

Dazu mehr in Teil 2 dieser kleinen Serie

tl;dr

Die Idee Samuel Hahnemanns, Ähnliches mit Ähnlichem zu heilen, war eine Schnapsidee. Das Simile-Prinzip ist Nonsens. Und die Art und Weise, wie Homöopathen neue Wirkstoffe (er)finden, ist so lustig wie Topfschlagen beim Kindergeburtstag.

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13 Gedanken zu “Homöopathie verstehen (1): Das Simile-Prinzip

  1. … also, der internationale Terrorismus wir ja auch mit „Ähnlichem behandelt“, – vielleicht liegt da die Ursache für das Scheitern der relevanten Bemühungen. Gar nicht witzig an so einem Tag …

    Das einzige, was die Homöopathie aufhalten kann, ist eine internationale Placebo-Bewegung, die permanent nachweißt, dass alle von der Homöopathie beanspruchten Wirkungserfolge eigentlich der Placebo-Bewegung zustehen. Das muß dann natürlich u.a. gerichtlich erstritten werden und dann hören endlich auch die Krankenkassen auf, diesen Aberglauben zu finanzieren.

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    • Ich glaube, jedes vernünftige Blog muss sich einmal gründlich am Thema abarbeiten, um das Ganze im Archiv zu haben. Ein Grund, meine Serie zu schreiben, ist tatsächlich, dass ich künftig in Diskussionen dahin verlinken können will statt jedes Mal alles neu schreiben zu müssen …

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  2. Meine Mutter ist klassische Homöopathin, eine sehr erfolgreiche kommt hinzu. In den Anfangszeiten ihrer Praxis habe ich ihr einige Wochen die Sprechstunde organisiert. Da habe ich mit eigenen Augen die Menschen humpelnd rein und hüpfend rausgehen sehen – jedesmal bass erstaunt. Und ja – auch wenn das wissenschaftlich betrachtet alles Humbug sein soll – mir ist es eigentlich egal. wer oder was die Menschen heilt, denn der, der es tut, hat Recht. Sollten Homöopathen tatsächlich in der Lage sein, durch Zuwendung die Selbstheilungskräfte des menschlichen Körpers anzustoßen, bin ich gerne bereit, das mit meinen Krankenkassenbeiträgen mitzubezahlen.
    Meine Mutter hat sich auf die Behandlung von Kindern mit (angeblicher) ADHS spezialisiert, und vielleicht gibt sie auch nur den Eltern Kraft, ihre Kinder so zu nehmen, wie sie sind – Ritalin und den ganzen Scheiß brauchen sie jedenfalls nicht mehr.

    Ich selbst leide an einer sehr schweren Stoffwechselerkrankung und habe – geprägt halt – vor vielen Jahren zuerst eine homöopathische Behandlung versucht. Diese hat sich sehr schnell als wirkungslos erwiesen und ich habe den klassischen schulmedizinischen Weg beschritten. Was (mir) aber unbestreitbar geholfen hat, war eine begleitende Psychotherapie und vielleicht sind gute Heilpraktiker manchmal einfach nur gute Psychotherapeuten… Wenn die Patienten dabei ein paar Zuckerkügelchen lutschen, die kaum etwas kosten – mir ist es recht.

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    • Ist ja erst Teil 1 meiner Serie. Und ich habe ganz bewusst das Thema Homöopathie in Teile zerlegt, um das Schritt für Schritt zu betrachten. Dieser Beitrag geht übers Simile-Prinzip, und da hat immerhin noch keiner widersprochen, dass das Nonsens ist. Haken dran. Viele reagieren wie du und sagen: Aber irgendwie hilf’s doch, und wie ist mir eigentlich egal. Darauf komme ich noch, denn natürlich gibt es Heilung bei Homöopathen, aber eben nicht durch Ideen, Prinzipien und „Wirkstoffe“ der Homöopathie. Mir ist das nicht egal, sondern ich will’s gerne genauer wissen …

      Was das ADHS-Beispiel angeht, das ist ein gutes Beispiel: Denn natürlich ist es keine Lösung, die Kinder mit Ritalin vollzupumpen, was dann gerne als „Schulmedizin“ bezeichnet wird, gegen die sich die Homöopathie als „sanfte“ Medizin positioniert. Es kann aber auch einfach sein, dass beides Unsinn oder neutraler gesagt nicht angemessen ist. Daher ist die Homöopathie in diesem Fall, wenn sie denn zu Tarantula-Globuli greift, nicht die bessere Alternative, sondern gar keine Alternative. Hilfe für die Eltern und Familien und entsprechende Therapie ist vielleicht die richtige Alternative, aber die hat halt gar nichts mit Homöopathie zu tun …

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  3. Homöopathie ist nicht leicht,besonders für Unerfahrene.
    Ich selber bin Homöopath.
    Habe nur gute dauernde Erfolge seit ich die Software von Polaritätsanalyse anwende, die Heiner Frei in Laupen erfunden hat.
    Sonst verabreicht man häufig das falsche Mittel.
    Die Methode ist im Buch „die Polaritätsanalyse in der Homöopathie,Narayana Verlag“
    Beschreiben,oder im Buch“die homöopathische Behandlung multimorbider Patienten,
    im Haug Verlag“.
    Wenn nicht das passende Mittel verabreicht wurde,dann gibt es keine Erfolge.
    Wenn es das Richtige war,dann kann man mit der Stoppuhr messen,bis der Erfolg Eintritt.
    Dieses Jahr soll eine präzisere Software von Uwe Plate herauskommen mit dem Titel
    Symptomenlexikon 5.0 .Sie soll die mathematische Sicherheit der Findung des richtigen Mittels geben.Erst in diesen Jahren haben wir eine genügende Computerleistung um diese Software anzuwenden.Es braucht eine immense Zahl an Speicherleistung.
    Ohne diese Hilfsmittel ist die Homöopathie aber schwierig und verlangt eine längere Zeit um die Fälle zu heilen.In der heutigen Konsultation hat ein Arzt kaum genügende Zeit um eine Lösung zu finden,ausser er ist ein Genie.
    Aber für die Software Polaritätsanalyse genügt ein gewöhnliches Notebook.
    Ich arbeite damit und meine Patienten sind geheilt und zufrieden.
    Bin bereit für weitere Auskünfte.
    Sergio Rivoir
    CH 6760 Faido

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  4. Daß Homöopatjie sogar bei kleinen Kindern und Tieren wirkt, dürfte mittlerweile bekannt sein und daß diese auch (vor allen Dingen die letzteren) an nichts glauben. Den Placebo-Effekt kann man da schlichtweg vergessen. Hier im 1. Teil nur auf den Simile-Effekt einzugehen ohne auf die richtige Potenzierung hinzuweisen (erst im 2. Teil), könnte manch unbedarften Leser erst einmal falsche Rückschlüsse ziehen lassen! Beispiel: Tabaccum – Öl (10%)hat mir vor vielen Jahren mehrmals bei Krämpfen im Bauch geholfen. 10 Tr. auf der betreffenden Stelle verrieben, halfen immer! Da es in diesem Blog offensichtlich auch um die Findung der Wahrheit geht, wollen wir nicht verschweigen, daß dank der famosen Lobbyarbeit der Pharmaindustrie seit vielen Jahren homöopathische Mittel, bis auf wenige Ausnahmen, nicht mehr auf Rezept verschrieben werden dürfen. Und das gegen den Willen der Kranken! Und um dem Argument der wissenschaftlichen Beweisbarkeit zuvorzukommen : wenn bei sogenannten „Medikamentenstudien“ die Studien mit negativem Ergebnis einfach unter Verschluss gehalten werden, so kann man auch hier kaum von Wissenschaftlichkeit reden!

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