Homöopathie verstehen - was wirkt und was nicht wirkt

Homöopathie verstehen (5): Was wirkt und was nicht wirkt

Homöopathische Mittel wirken erwiesenermaßen nicht besser als Placebos, also Scheinmedikamente. Und doch heißt es in Diskussionen immer wieder: Aber mir hat’s geholfen! Ich weiß nicht warum, aber es ist so! Kann das sein …?

Klar kann es sein. Es gibt eine Reihe von Gründen, warum Homöopathie wirkt, obwohl homöopathische Mittel wirkungslos sind. Das klingt nur scheinbar wie ein Widerspruch.

Placebos – mehr Wirkung als man denkt

Da ist zunächst der Placebo-Effekt. Schon der Begriff sagt ja, dass es um einen „Effekt“ geht, also um Wirkung. Dieser Effekt ist recht gut erforscht und durch Studien eindeutig nachgewiesen. So hat eine randomisierte, kontrollierte Studie zum Reizdarmsyndrom im Jahr 2008 ergeben, dass eine Placebo-Behandlung mit Scheinakupunktur signifikant wirkungsvoller war als eine reine Untersuchung der Patienten.

Placebo-Effekt in der HomöopathieAuch einige Voraussetzungen für die Wirkung von Placebos sind bekannt. Wichtig ist unter anderem die positive Erwartungshaltung des Patienten. Operative Eingriffe wecken dabei höhere Erwartungen und erzielen größere Effekte als Injektionen, Injektionen wirken wiederum stärker als die Verabreichung von Medikamenten; teure (Schein-)Medikamente zeigen mehr Wirkung als billige, bunte Tabletten wirken mehr als weiße, Kapseln mehr als Tabletten. Und so weiter.

Den Placebo-Effekt gibt es übrigens auch bei Tieren (und Kleinkindern). Homöopathie-Fans weisen gerne darauf hin, dass sie ihr Haustier erfolgreich mit Homöopathika therapiert hätte, und die seien ja nicht beeinflussbar. Sind sie aber natürlich doch. Einerseits durch die Erwartungshaltung von Herrchen und Frauchen (das nennt man “Placebo by Proxy”, also Placebowirkung durch die Angehörigen”), andererseits durch Konditionierung, die in Tierversuchen ebenfalls als Grundlage des Placebo-Effekts erforscht wurde.

Der Arzt als Heiler

Placebo-Effekt durch den ArztEin weiterer Grund für die Wirkung homöopathischer Behandlung bei Verabreichung wirkungsloser Mittel ist die ärztliche Zuwendung. Hierbei fungiert sozusagen der Arzt als Placebo, und das ist nicht despektierlich gemeint, denn wie wirkungsvoll Placebos im Rahmen der Heilung sein können, habe ich ja bereits geschrieben.

Auch dieses Phänomen ist neurowissenschaftlich gut untersucht und vielfach dokumentiert. Und der Effekt ist natürlich nicht auf Homöopathen beschränkt: „Jede Form der medizinischen Zuwendung hat grundsätzlich Placebo-Potential“, egal ob der Patient einem Schamanen oder einem Medizinprofessor im weißen Kittel zutraut, ihm zu helfen. Fazit: „Patienten, die sich ernst genommen und gründlich untersucht fühlen, können ihre Heilungskräfte viel besser aktivieren als Patienten, die sich wie Fließbandware durch die Praxen geschoben fühlen.“

Das ist auch ein Vorwurf, den sich die krankenkassenfinanzierte Standard-Medizin gefallen lassen muss: dass sie zu wenig Wert auf die Arzt-Patient-Interaktion legt, diese nicht attraktiv genug honoriert und damit dem Arzt keinen wirtschaftlichen Grund gibt, einen entsprechenden Schwerpunkt bei der Behandlung zu setzen.

Die Selbstheilungskräfte des Körpers

Wer heilt hat nicht recht„Wer heilt, hat Recht“ – auch diesen Satz bekommt man von Homöopathen oft zu hören. Soll heißen: Ist doch egal, warum die Behandlung funktioniert, Hauptsache sie funktioniert. Der Denkfehler bei diesem Satz ist allerdings, dass in jedem Fall die Behandlung für die Heilung verantwortlich ist. In Wahrheit verfügt der menschliche Köper zum Glück über sehr effektive Selbstheilungskräfte – eine Erkältung verschwindet bekanntlich nicht durch Medikamente (die nur die Symptome lindern), sondern durch das Immunsystem des Körpers, das das Problem nach einer gewissen Zeit selbst löst.

Werden nun während der Selbstheilungsprozesse wirkungslose Globuli eingenommen, ändert das nichts an der Selbstheilung – am Ende steht aber die Heilung. Es ist sehr menschlich, aber eben auch sehr falsch, diese Heilung den Zuckerkügelchen zuzuschreiben. Denn hier gibt es nur eine Korrelation, aber keine Kausalität.

Spätestens beim zweiten oder dritten Selbstheilungserfolg des Körpers bei gleichzeitiger Globuli-Einnahme dürfte bei vielen übrigens der oben beschriebene Placebo-Effekt greifen, der ja nicht zuletzt auf Erwartungshaltung und Konditionierung basiert. Da schließt sich der Kreis.

Kein Argument für Homöopathie

Das alles ändert freilich nichts an der Tatsache, dass homöopathische Mittel aus all den Gründen, die ich in dieser kleinen Artikel-Serie dargelegt habe, völlig wirkungslos sind. Vom abstrusen Simile-Prinzip über die groteske Verdünnung bis hin zu den abenteuerlichen Ritualen, die dabei vollzogen werden: all das kann man sich komplett schenken.

Es ist absurdes Theater, mit dem mündige Patienten hinters Licht geführt werden, und der Preis für die Eintrittskarte ist lächerlich hoch. Und es ist ein riskanter Drahtseilakt, wenn bei ernsthaften Erkrankungen eine seriöse medizinische Versorgung unterbleibt, weil die Patienten ausschließlich dem Homöopathen vertrauen.

tl;dr

Es gibt zahlreiche Gründe, warum homöopathische Behandlungen wirkungsvoll zu sein scheinen. Das hat aber nicht das Geringste mit den Prinzipien und Ritualen der Homöopathie zu tun.

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15 Gedanken zu “Homöopathie verstehen (5): Was wirkt und was nicht wirkt

  1. Jetzt hat mir der Kiezneurotiker schon wieder Deinen Weblog „untergeschoben“, also habe ich ihn jetzt abonniert. Ich hätte gerne die ganzen Artikel in meinem Feedreader. Ist das irgendwie möglich? Ggf. eine alternative RSS-URL?

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      • Sorry, das war unklar ausgedrückt von mir:

        Zurzeit lese ich immer nur einen Anreißer von jedem Artikel.

        Mir würde es sehr entgegen kommen, wenn ich den gesamten Artikel in meinem Feedreader (Feedly) lesen könnte.

        Also komplett in Feedly von Anfang bis Ende lesen, und nicht erst auf Deine Seite wechseln müssen, um den Rest eines Artikels zu lesen.

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      • Verstehe. Das habe ich in den Feed-Einstellungen so hinterlegt, weil ich eigentlich gerne möchte, dass ihr sehr geschätzten Leser zum Lesen zu mir kommt :) Ich weiß, das ist ein bisschen eine Grundsatzsache … Die einen Blogs machen’s so, die anderen so …

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      • Sehr schade.

        Ich sehe das so, dass man Liebe nicht erzwingen kann.

        Wenn etwas wirklich gut ist, wird es sich auch durchsetzen, wenn nicht, helfen auch noch so viele Daumenschrauben nichts.

        Die Jungs von Stack Overflow haben das seinerzeit in ihrem Blogpost „Why Stack Overflow Doesn’t Care About Ad Blockers“ für mich wunderbar beschrieben:

        The Value of Valuing User Experience

        User experience is always on our minds. Indeed, others believe that putting user experience ahead of revenue is a path toward long-term growth for publishers…

        Wenn mir ein Artikel gefällt, lese ich ihn im Feedreader und kommentiere bei Interesse dann auf der echten Website.

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  2. Ich kann das nur unterstreichen. Der verstümmelte Feed ist das einzig Furchtbare an diesem Blog (okay, und diese seltsame FDP-Connection, aber mit der kann ich tatsächlich leben). Die Leute mit Zwang aus dem Feedreader in den Browser zu holen, machen eigentlich nur Statistiknarzissten, die keinen Klicker durch die Schleppnetze gehen sehen wollen, oder Leute, die Unique Visitors sammeln, um irgendwann Werbung zu schalten. Beides ziemlich schräg. Also sammeln Sie doch ein paar Karmapunkte und geben Sie Vollfeed, Sire.

    :)

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  3. Ok, ok, ihr habt mich durchschaut … Eigentlich wollte ich reich werden mit diesem Blog und Geld scheffeln mit Werbung für doppelvitalisiertes sauerstoffangereichertes Rosenquarzwasser. Aber daraus wird ja nun nichts mehr, nachdem ich aufgeflogen bin. Dann kann ich auch gleich die Feeds freigeben. Done. Her mit dem Karma! ;-)

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  4. Ich habe grad Deinen Beitrag zu den Totschlag-Zitaten gelesen und jetzt lese ich das Allerwelts-totschlag Zitat von Seiten der Wissenschaft wenn es um alternative Heilmethoden geht, nämlich den „Placebo-Effekt“. Nichts anderes als ein Name, dessen Wirkungsweise noch „schwurbelischer“ beschrieben wird als irgendein anderer *esoterischer* Schwachsinn.
    Noch besser ist das Wort “Placebo by Proxy”; mann, ich hätte nicht gedacht, dass ich solche geistheilerischen Fähigkeiten besitze, als es meine Kids besser ging, tönt ja fast wie Voodoo-kult!
    Oder der italienische Viehzüchter, der, seit er Homöopathiekügelchen seinen hunderten von Kühen maschinell unters Futter mischt und damit ca. eine Million Euros pro Jahr an Antibiotika und Ertragsausfällen spart, der meditiert sicher auch über jede einzelne Kuh anstatt zu schlafen…
    Aber wenn wir schon von wissenschaftlichen Fakten reden, dann können wir ja auch mal von den ca. 50’000 Toten im Jahr allein in Deutschland reden, die durch falsche Medikamente oder deren Nebenwirkungen.sterben. Oder über unnütze Vorsorgemassnahmen wie die Mammographie, durch die sage und schreibe eine Frau von 1000 gerettet werden kann, ganz zu schweigen von den Fehldiagnosen, durch die dafür dutzende Frauen in irgendeiner Weise Schaden nehmen.
    Ja, da spielt natürlich die Verstrickung von Wissenschaft und wirtschaftlichen Anreizen eine Rolle, denn die Wissenschaft allein ist natürlich rein und werteneutral. Aber da müsste man ja zuerst „Wissenschaft“ definieren, und auch fragen, wer sich denn alles als wissenschaftlich definieren darf.
    Nein ,ich bin nicht à priori gegen Wissenschaft und Schulmedizin. Aber die Erfahrungen und Arroganz, die mir von dieser Seite entgegnete und meine eigenen Erfahrungen und Heilerfolge, dich mit „Hausmittelchen“ ich an mir erzielte (Schleimbeutelentzündung, andere Entzündungen, Helicobakter Pylori), trotz aller negativen Prognosen der Ärzte (“Placebo by Proxy”?), haben mich zu einer differenzierten Weltsicht gebracht.
    Ich würde dich gerne dazu einladen, einmal in andere Welten einzutauchen und zu erfahren, dass die Wissenschaft vielleicht auch nur eine Betrachtungweise unter anderen ist, und die absolute Wahrheit nicht nur mit dem Intellekt zu erfassen ist…
    Beste Grüsse

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