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Warum ‚völkisch‘ zu Recht negativ besetzt ist

Ich habe ja neulich in aller Kürze Frauke Petry und die AfD für ihre Sehnsucht nach einer Renaissance des ‚Völkischen‘ kritisiert. Heute möchte ich nochmal beleuchten, was man mit ‚völkisch‘ in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eigentlich gemeint hat …

Die weltanschaulichen Implikationen des Begriffes ‚Volk‘ in dieser Zeit kompakt darzustellen, ist fast unmöglich; das gleiche gilt für die zahllosen begrifflichen Varianten wie ‚völkisch‘, ‚volkhaft‘, ‚Volkhaftigkeit‘ oder ‚Volkstum‘ sowie eine Vielzahl von Komposita mit dem Determinans ‚Volks-‚ (Volksseele, Volkswesen usw.). Das liegt vor allem daran, dass sich die völkischen Theoretiker weder über den Begriff völlig einig waren noch, was schwerer wiegt, je das Bedürfnis verspürten, den Begriff eindeutig zu definieren. Volk, völkisch und volkhaft war zwar in aller Munde, was darunter zu verstehen sei und auf welche Werte man sich damit zu beziehen gedachte, versank jedoch meist in kryptischen Formulierungen und mystifizierenden Sentenzen.

Das mythisch-geheimnisvolle Volk

Nur ein besonders signifikantes Beispiel dafür: Der Dichter und glühende Nazi Erwin Guido Kolbenheyer versuchte sich an einer „für uns tauglichen Klärung des Begriffes Volk“, die in ihrer unpräzisen Schwurbeligkeit durchaus repräsentativ ist:

Ein Volk ist ein überindividueller Lebenskörper, der sich von dem weiträumigeren Lebensgebiete, von dem der Artung Menschheit, dadurch unterscheidet, dass er für das Individuum gerade noch unmittelbar erlebbar ist. Menschheit hingegen kann von dem Einzelwesen nicht unmittelbar erlebt werden. Menschheit wird wohl als ein Funktionskomplex des Lebens, der jenseits der Rassen und somit auch jenseits der Völker wirkt und besteht, an bestimmten Erscheinungen erkannt und aus Folgezuständen erschlossen, aber als Art des animalischen Lebensbereiches ist die Menschheit im Anpassungskampfe um ihren Fortbestand zu weit ausdifferenziert, als dass dem Individuum jemals mehr das unmittelbare Erlebnis der Menschheit werden könnte. [1]

Hier kapituliert ein Völkischer vor begrifflicher Genauigkeit und flüchtet sich in vage, verschleiernde statt klärende Rhetorik. Und das ist nicht ungewöhnlich: ‚Volk‘ wird als mythisch-geheimnsivolle, begrifflich nicht greifbare und damit beliebig dehnbare Kategorie von den Völkischen aufgebaut und verwendet, die es gestattet, eine Fülle von Variationen einer sich im Grunde ähnelnden Weltanschauung zur geschlossenen geistigen Bewegung zu erklären.

Wer Volk sagt, meint letztlich Rasse

Dennoch läßt sich aus hunderten Seiten völkischer Rhetorik ein kleinster gemeinsamer ideologischer Nenner herausfiltern, der, wenig verwunderlich, der herrschenden nationalsozialistischen Weltanschauung weitgehend entspricht. Hinter allen Formulierungen von Volk, Summe, gemeinschaftlichem Erleben und überindividueller Wesenhaftigkeit steht letztlich der Begriff der Rasse und die Vorstellung einer durch Rassezugehörigkeit bedingten Qualifizierung. In diesem biologistischen Modell enthalten ist ein ausgeprägtes Freund-Feind-Schema, nach dem eine höherwertige, weil einer bestimmten Rasse zugeordnete Gruppe einer ’niederen‘ gegenübersteht und diese bekämpfen muss, um so die eigene Art in der gewünschten rassischen Isolation zu bewahren und vor einer wie auch immer gearteten Abstufung zu bewahren.

Zwar schwanken die völkischen Interpreten zwischen verschiedenen Begrifflichkeiten, die sie unter ‚Volk‘ und ‚dem Völkischen‘ subsumiert sehen wollen – Rasse, Art, Gemeinschaft, Lebensraum, Lebensgrund, das Germanische, Blutkreislauf der Nation und anderes mehr -, letztlich lassen sich jedoch alle Überlegungen zur beschriebenen biologistischen Fundierung zurückführen.

Willi Flemming etwa, Germanist und NSDAP-Mitglied, gibt zu: „Will man […] die Totalität Volk auf ihre Komponenten ansehen, so kann es nur rassisch geschehen.“ [2] Heinz Kindermann, ebenfalls Vertreter einer Germanistik, die er als „volkhafte Lebenswissenschaft“ verstanden wissen wollte, betont, dass  wissenschaftliches Arbeiten „vom rassisch bedingten Menschenbild“ [3] ausgehen müsse; und Hellmuth Langenbucher schließlich, so etwas wie der Literaturpapst des Dritten Reiches, nennt „volkhaft“ nur das, was „blutmäßig aus dem wirklichen Lebensgrunde eines Volkes herauswachse“ [4].

Verschiedener Wert von Rassen und Menschen

Die hier zitierten Germanisten stimmen also mit den Überzeugungen Hitlers und Rosenbergs überein, die ihrerseits freilich keine neue Ideologie begründet hatten, sondern aus zahlreichen Quellen schöpften, als sie in „Mein Kampf“ und im „Mythus des 20. Jahrhunderts“ die weltanschaulichen Grundannahmen des Nationalsozialismus absteckten.

Diese Annahmen, deren praktische Konsequenzen nach Erreichen der politischen Macht bekannt sind, lesen sich bei Hitler wie folgt:

Sie [die völkisch-nationalsozialistische Weltanschauung] sieht im Staat prinzipiell nur ein Mittel zum Zweck und fasst als seinen Zweck die Erhaltung des rassischen Daseins des Menschen auf. Sie glaubt somit keineswegs an eine Gleichheit der Rassen, sondern erkennt mit ihrer Verschiedenheit auch ihren höheren oder minderen Wert und fühlt sich durch diese Erkenntnis verpflichtet, gemäß dem ewigen Wollen, das dieses Universum beherrscht, den Sieg des Besseren, Stärkeren zu fördern, die Unterordnung des Schlechteren und Schwächeren zu verlangen. Sie huldigt damit prinzipiell dem aristokratischen Grundgedanken der Natur und glaubt an die Geltung dieses Gesetzes bis herab zum letzten Einzelwesen. Sie sieht nicht nur den verschiedenen Wert der Rassen, sondern auch den verschiedenen Wert der Einzelmenschen. Aus der Masse schält sich für sie die Bedeutung der Person heraus, dadurch aber wirkt sie gegenüber dem desorganisierenden Marxismus organisatorisch. Sie glaubt an die Notwendigkeit einer Idealisierung des Menschentums, da sie wiederum nur in dieser die Voraussetzung für das Dasein der Menschheit erblickt. Allein sie kann auch einer ethischen Idee das Existenzrecht nicht zubilligen, sofern diese Idee eine Gefahr für das rassische Leben der Träger einer höheren Ethik darstellt; denn in einer verbastardierten und vernegerten Welt wären auch alle Begriffe des menschlich Schönen und Erhabenen sowie alle Vorstellungen einer idealisierten Zukunft unseres Menschentums für immer verloren. [5]

Das Volk und die Fremden

Einigkeit besteht bei den Völkischen vor allem darüber, wer als (rassischer) Feind anzusehen sei, und die Bekämpfung dieses Feindes wird stets an erster Stelle gefordert. ‚Arterhaltung‘ besteht somit im wesentlichen aus Vernichtung des ‚Artfremden‘, das die einzige große Bedrohung darstelle:

Mitten im furchtbarsten Zusammenbruch [1918] erwacht jedoch die alte nordische Rassenseele zu neuem, höheren Bewußtsein. Sie begreift endlich, dass es ein gleichberechtigtes Nebeneinander verschiedener – sich notwendig ausschließender – Höchstwerte nicht geben darf, wie sie es einst in großherziger Weise zu ihrem heutigen Verderben glaubte zugestehen zu können. Sie begreift, dass sich rassisch und seelisch Verwandtes eingliedern läßt, dass aber Fremdes unbeirrbar ausgesondert, wenn nötig niedergekämpft werden muss. Nicht weil es ‚falsch‘ oder ’schlecht‘ an sich, sondern weil es artfremd ist und den inneren Aufbau unseres Wesens zerstört. [6]

Völkische Tugendkataloge

Kombiniert wird die propagierte Rassenideologie nicht nur mit der Berufung auf nationale und nationalstaatliche Prinzipien (‚das Deutsche‘). Man füllt darüber hinaus auch das Weltanschauungsmodell mit einigen konkreten Forderungen, die sich sowohl bei Hitler und Rosenberg als auch bei völkischen Germanisten finden.

Es handelt sich dabei um Tugendkataloge, welche Verhaltensweisen aufzählen, die angeblich rassisch bedingt sind und teilweise durch den richtigen staatlichen Rahmen und eine angemessene Erziehung herausgebildet und verfeinert werden können. Dass die z.B. der nordischen Rasse zugeordneten geistigen und seelischen Eigenschaften dabei ebenso willkürlich, ohne jegliche ‚biologische‘ Fundierung zusammengestellt sind wie der ganze Rassebegriff, und dass die rassische Unterteilung von Völkern nicht auf einer überprüfbaren Systematik beruht, liegt auf der Hand:

Heldischer Sinn, kühner Mut, Kampfesfreude, Ehrgefühl, Freiheitsliebe, Wahrhaftigkeit, Opferbereitschaft, Hochstreben (Idealismus), selbstlose Hingabe an große Gedanken, Entschlossenheit, Ritterlichkeit, Gerechtigkeit, Führertum, Gefolgschaftstreue, schöpferische Gestaltungskraft, Treue zum Hochziel, Sinn für Wettkampf, Wanderlust, vornehme Zurückhaltung, adelige Haltung und Gesinnung, ehrliche, zuverlässige Wesensart. [7]

Vaterländische Begeisterung, Ehrfurcht und Heimatliebe gehören ebenso zu den angeborenen Tugenden des Volkes wie Pflichterfüllung und Gehorsam, insbesondere gegenüber dem Führer oder den Führern. Entschlussfreude, Dienst am Volk und Tatendrang ebenso wie, von Hitler besonders hervorgehoben, „Treue, Opferwilligkeit, Verschwiegenheit“ [8]. Rosenberg legt besonderen Wert auf „Ehre und Pflicht“ und verkündet: „Überall, wo nordisches Blut vorherrscht, ist der Ehrbegriff vorhanden“ [9].

Das Volk glaubt und zweifelt nicht

Von herausragender Bedeutung ist in diesem Zusammenhang der Glaube des deutschen Menschen, wobei es weniger um das Ziel des Glaubens geht, also etwa eine metaphysische Instanz, als um die Grundhaltung des Glaubens, die als ‚artgemäß‘ und angeboren bezeichnet wird. Sei es der Glaube ans Vaterland oder der Glaube an den Führer – nicht kritische Prüfung nach rationalen Gesichtspunkten, sondern ein naives und unkompliziertes Urvertrauen in die genannten Autoritäten zeichnen das Volk aus.

All dies ist verbunden mit einer ‚organischen‘ Lebenseinstellung und einem besonderen Empfinden für Ganzheitlichkeit, was auch immer man sich im einzelnen darunter vorzustellen hat. Daher rührt die Affinität des Volkes zu ‚gewachsenen‘ Strukturen und Organisationsformen, die ein der deutschen Art angemessenes Gemeinschaftsleben gewährleisten, seien es die Familie oder der Staat.

Im Krieg zum ‚Wir-Volk‘

Selbst spezifische politische Konstellationen wie Kriege kommen diesem ererbten Gemeinschaftsbedürfnis entgegen, da sie den Einzelnen vor der Isolation bewahren und ihm ein artgemäßes Wir-Gefühl vermitteln:

Der Krieg erweiterte ihr [der Jugend] Erleben. Es fielen die Schranken der Klassengegensätze mit den kapitalistischen Wertungen; aus der engen Tuchfühlung in Not und Tod erwuchs das Erlebnis: Wir Kameraden, wir! Das Volk aber war nicht nur Lebenszusammenhang, es ward Schicksalsgemeinschaft […]. Wir-Volk! Das Blut rauschte auf unter dem Anfruf des Führers und begann immer größere Massen zusammenzuschweißen zur Volkskameradschaft im Kampf gegen innere und äußere Feinde. […] Ein neues Weltalter brach an. Die Ichzeit begann zu versinken, die Wir-Zeit heraufzuziehen. [10]

Deutsch und undeutsch, Freund und Feind

Ideologische Munition für den Kampf gegen innere und äußere Feinde war somit reichlich vorhanden. Wen oder was immer man zum Feind erklären wollte, konnte man mit Berufung auf den oben aufgelisteten völkisch-rassischen Eigenschafts-, Verhaltens- und Tugendkatalog rechtfertigen. Die in endlosen Wiederholungen verunglimpften Gegner konnten durch simple antithetische Argumentation benannt werden: gegen die Rasse: die Juden; gegen das Führerprinzip: Liberale und Demokraten; gegen die Nation: Franzosen und – allgemeiner – der Internationalismus; gegen das Glaubenspostulat: die Aufklärung; gegen das Gemeinschaftsgefühl und die Bindung an Staat und Familie: der Individualismus; gegen die organische Weltauffassung: Technik und Großstadt; gegen das Gebot der Arterhaltung: ein toleranter Humanismus.

Ein weiteres gerne verwendetes Gegensatzpaar zeigt, dass die konkrete Füllung dieser Abstrakta in der Regel dem Interpreten mit seinen spezifischen Vorlieben und Neigungen überlassen blieb, solange er sich im Rahmen des rassenideologischen common sense bewegte. Denn die beliebte Antithese ‚deutsch = für die Ewigkeit gedacht‘ versus ‚undeutsch = zeitlich gebunden und vergänglich‘ ließ sich beliebig gegen jeden denkbaren Gegner und seine Absichten anwenden. Auch zum Vaterlandsfeind oder zum der Ratio huldigenden Aufklärer konnte jeder erklärt werden – zum Juden übrigens auch.

Der Text ist ein gestraffter und fürs Blog etwas flotter formulierter Auszug aus meiner Magisterarbeit „Ein Klassiker in finsteren Zeiten – Zur Rezeption Eichendorffs durch die
völkische Literaturwissenschaft zwischen 1933 und 1945″.

Quellen

[1] Kolbenheyer, Erwin Guido: Lebenswert und Lebenswirkung der Dichtkunst in einem Volke, in: Kindermann, Heinz (Hg.): Des deutschen Dichters Sendung in der Gegenwart, Leipzig 1933, S. 80-106, hier S. 85.

[2] Flemming, Willi: Wesen und Aufgaben volkhafter Literaturgeschichtsschreibung, Breslau 1944, S. 18.

[3] Kindermann, Heinz: Dichtung und Volkheit. Grundzüge einer neuen Literaturwissenschaft, Berlin 1937, S. 58.

[4] Langenbucher, Hellmuth: Volkhafte Dichtung der Zeit, Berlin 1933, S. 20.

[5] Hitler, Adolf: Mein Kampf. Zwei Bände in einem Band, München 1933, S. 421.

[6] Rosenberg, Alfred: Der Mythus des 20. Jahrhunderts. Eine Wertung der seelisch-geistigen Gestalten­kämpfe unserer Zeit, München 1933, S. 118f.

[7] Adelmann, Rassenkunde des deutschen Volkes, S. 221.

[8] Hitler, Adolf: Mein Kampf. Zwei Bände in einem Band, München 1933, S. 461.

[9] Rosenberg, Mythus des 20. Jahrhunderts, S. 154.

[10] Flemming, Willi: Wesen und Aufgaben volkhafter Literaturgeschichtsschreibung, Breslau 1944, S. 126.


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5 Gedanken zu “Warum ‚völkisch‘ zu Recht negativ besetzt ist

  1. Als jemand, der Geschichte studiert hat und sich insbesondere auch mit dem 3. Reich, der Judenverfolgung und dem Massenmord an Unschuldigen beschäftigt hat, läuft es mir eiskalt den Rücken herunter, wenn ich Sprüche von ‚völkisch‘ höre. Das ist nicht mehr nur ignorant, das sind mehr als nur gefährliche Fahrwasser. Eine Schande, wenn eine Partei und deren „Führung“ in Deutschland wieder solche Ergebnisse erzielen. Eine Schande aber auch, dass es den etablierten Parteien und „uns allen“ nicht gelingt, aufzuklären und zu überzeugen.

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  2. Hat dies auf Der blog fuhriello macht das Fuhrwerk bekannt rebloggt und kommentierte:
    Sehr gute Analyse warum völkisch gleich rassistisch ist! Analysen von Hitler Reden z.B. die er im Vogelsberg gehalten hat , die ich im Forschungsprojekt in Gießen gemacht habe zeigen, dass er von der „Volksgemeinschaft“sprach, aber er und die Zuhörer wußten ohne es aussprechen zu müssen sehr genau wer dazu und wer eben nicht dazu gehörte und erst im Völkischen Beobachter verbal attackiert und dem Programm von Mein Kampf und Rosenbergs Mythus folgend systematisch vernichtet wurde.

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