provinz-propaganda

Zitat am Freitag: Provinz-Propaganda

Globalisierung ist irgendwie igitt. Das Gegenmodell ist ein neuer elitärer Provinzialismus, der alles, was aus der Region kommt, toll findet …

Und darüber regt sich Tobias Moorstedt in der Süddeutschen Zeitung ein bisschen auf:

Regionale Produkte wie Bärlauch, Mangold, Löwenzahn und Brennnessel erleben ein rasantes Comeback. Jeder Unternehmensberater träumt insgeheim davon, eine Eisdiele zu eröffnen, in der ausschließlich fermentierte Milch einer regionalen und so gut wie ausgestorbenen Rinderrasse verarbeitet wird. Sterneköche entdecken das völlig zu Recht in Vergessenheit geratene Berliner Eisbein. (…) Eine seltsame Koalition eint derzeit Konsum-Provinzialisten, Do-it-yourself-Fans, Farm-to-Table-Gastro-Mogule, Manufactum-Powershopper und TTIP-Gegner.

Ich gebe ja zu, ich bin auch ein Fan regionaler Küche. Und die von mir geschätzte Slowfood-Bewegung propagiert ebenfalls: „Lokal und regional ist die Zukunft“. Dass man einen Apfel nicht aus Neuseeland um die halbe Welt transportieren muss, sondern genauso gut vom Baum nebenan kaufen kann, dürfte ja auch jedem einleuchten.

Und doch hat Moorstedt Recht, denn wie immer sind simple Gleichungen (global = böse, regional = gut) unsinnig. Und vor allem sollte man aufpassen, dass man nicht einer neuen Abschottung das Wort redet:

Die Abneigung des neuen Konsum-Lokalpatrioten gegen alles Fremde und seine ostentative Liebe zur Heimat sowie zum Selbstgemachten unterscheidet sich tatsächlich kaum von den Gefühlen, mit denen Populisten spielen. Immer geht es im Hintergrund um die naive Kinderbuchvorstellung einer Welt ohne internationale Arbeitsteilung, in der die Menschen so gut wie keinen Handel treiben, sondern in kleinen Zellen und ganz autark für sich selbst sorgen. Es gibt sie noch, die guten Dinge. Take your Country back. Make America great again.

Sein Gegenmodell: ein „kosmopolitischer Konsumismus“: Als Bayer Kuhmilch aus Bayern kaufen, aber Whisky halt aus Schottland und nicht aus Bayern, selbst wenn die neueste bayerische Whisky-Destillerie total angesagt ist. Eben weil die Schotten jahrhundertelange Erfahrung mit Whisky haben und das einfach ganz gut können.

Ein kosmopolitischer Konsument kauft demnach Oliven aus Marokko und nicht von einer Burn-out-Therapie-Farm im Breisgau. Ein kosmopolitischer Konsument weiß, dass Tomaten aus Spanien unter Umständen eine bessere Ökobilanz haben als heimisches Gemüse, denn das heimische Gewächshaus ist möglicherweise energieintensiver als der Transport. Und natürlich fährt ein kosmopolitischer Konsument nicht zwanzig Kilometer mit dem Auto, nur um beim Direktvertrieb eines tätowierten Aussteigerbauerns zwei Kilo erdverkrusteter Demeter-Kartoffeln zu kaufen. Ein kosmopolitischer Konsument will die besten Sardinen, die schnellsten Rennräder und die schönsten Krawatten, ist aber weit davon entfernt, es sich in seiner Best-of-WWWarenwelt gemütlich zu machen. Er liest das Kleingedruckte auf dem Preisschild und setzt sich für faire Produktionsbedingungen ein.

Lesenswert (aber kostenpflichtig).

Schönes Wochenende!

(Alle Freitags-Zitate zum Nachlesen)

4 Gedanken zu “Zitat am Freitag: Provinz-Propaganda

  1. Es gibt ganz gute Zigarren aus Deutschland und auch eine lange deutsche Zigarrentradition, wenn das das Kaufargument sein soll.
    Auch haben Äpfel aus Neuseeland saisonalbedingt eine bessere Ökobilanz als die Äpfel vom Baum nebenan. Die bleiben nämlich öfter monatelang im Kühlhaus während die neuseeländischen mal eben zwei Wochen auf dem Schiff reisen.

    Der Beitrag aus der Süddeutschen ist doch Fiktion, wenn nicht gar intellektualisierte Schwarz-Weiß-Malerei; denn weder der „Konsum-Lokalpatriot“ noch der „kosmopolitische Konsumist“ existieren als reine Lebensform.

    Es gibt nur Leute, die Zeit und Geld haben und gerne abwägen, und andere, die das entweder nicht wollen, nicht haben, oder nicht können …

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