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Ach, und übrigens … (42): Bio-Kritik, Yolocaust, Fake News, Kiezneurotiker

Nach einer längeren Anlauframpe über vegane Esoterik oder esoterischen Veganismus geht es heute um fragwürdige Bio-Argumente, ein krasses Projekt, einen Facebook-Plan und einen verzweifelten Appell …

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Kürzlich sahen wir – was Seltenheitswert hat – im linearen Fernsehen eine Kochsendung, bei der die Inhaberin eines veganen Rohkostrestaurants in Berlin andere von den Vorzügen ihrer Ideologie zu überzeugen versuchte. Sie selbst nannte das übrigens nicht „vegane“, sondern „tierleidfreie“ Ernährung, was ich dann doch für einen eher unterkomplexen Versuch hielt, anderen ein schlechtes Gewissen einreden zu wollen. Um die Welt über ihre Ernährungsgewohnheiten hinaus noch ein Stückchen besser zu machen, hatte sich die Dame ein „Schutz-Tattoo“ auf die Hand tätowieren lassen, so irgendwie gegen das Böse in der Welt. Gebt mal „Magische Tätowierungen“ bei Google ein, ihr werdet euch wundern. Oder nein, lasst es lieber bleiben.

Aber ich schweife ab. Jedenfalls redete sie viel und ausführlich darüber, dass es bei ihr natürlich nur Bio-Produkte gebe, denn einen konventionellen Apfel würde sie ihren Gästen niiiiiemals anbieten, da könne sie sie ja auch gleich vergiften. Die seien so voll mit Pestiziden und Giftstoffen, vor allem in der sooooo wertvollen Schale, wo doch die meisten Vitamine stecken, und das sei auch alles nachgewiesen und überhaupt.

Der maximal denkbare Gegensatz zu einer schutzzauberbewehrten Veganerin ist vermutlich ein Molekularbiologe, und genau so einer hat in einem zweiteiligen Beitrag geschrieben, warum er kein Bio mehr isst:

Bio ist eine Ideologie, die sich vorwiegend aus Glaubenssätzen speist und Fakten ignoriert. Das Marketing von Bio besteht darin, die Konkurrenz durch Kampagnen und Verbote auszuschalten.

Harter Stoff für Bio-Fans, aber lesenswert. Bio-Produkte schmecken nicht besser, sind nicht gesünder, werden ebenfalls reichlich mit Giften bearbeitet, sind unnatürlich und verschwenden Ressourcen. Und Bio ist rückwärtsgewandt, frei von Innovation und nicht selten von magischem Denken begleitet – dass man bei Demeter auch im 21. Jahrhundert noch mit Mist gefüllte Kuhhörner vergräbt und ihnen irgendwelche Astralkräfte zuschwurbelt, kann man irgendwie schrullig finden oder – besser – als Aberglaube komplett ablehnen. Ich schrieb schon mal darüber.

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Yolocaust: ist war ein ziemlich krasses Projekt des israelischen Satirikers Shahak Shapira, der die gut gelaunten Selfie-Fotos von Holocaust-Mahnmal-Besuchern in Fotos von Konzentrationslagern und Leichenbergen montiert hat hatte.

Die Kommentare im Web geben natürlich das ganze Meinungsspektrum wieder, das man zu so einer Kunstaktion haben kann. Darf der das? Was ist mit dem Urheberrecht? Muss man die jungen Leute so bloßstellen? Muss wirklich jeder Mahnmahl-Besucher eine Trauermine aufsetzen? Ist das Projekt nicht respektlos gegenüber den Opfern des Holocaust? Kurzfassung: ja, egal, ja, nein, nein.

Vor allem gehen all diese Nebendiskussionen am Kern des Problems vorbei: dass zahlreiche (tendenziell jüngere) Menschen offenbar keine Ahnung mehr haben, was der Holocaust war. Graue Betonsteine, Pose, Selfie, nächste Attraktion bitte. Das ist die optimistische, menschenfreundliche Erklärung. Weniger optimistisch könnte man befürchten, dass Teilen der narzisstischen Smartphone-Generation ein paar Millionen ermordete Juden egal sind. Darauf deutet der Kommentar zweier fröhlich hüpfender Mahnmahl-Besucher hin, die unter ihr Instagram-Bild geschrieben haben: „Jumping on dead Jews“.

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Fake News sind nicht das Problem unserer Zeit, aber ein Teil des Problems, da sie als fester Bestandteil rechtspopulistischer Propaganda zur Manipulation von Meinungen und letztlich zur Hetze gegen Ausländer eingesetzt werden. Ich habe ja kürzlich darüber berichtet. Facebook hat sich nun zu Wort gemeldet:

Wir arbeiten sehr sorgfältig an einer Lösung für dieses Problem. Unsere Bemühungen konzentrieren sich dabei auf die Verbreitung von eindeutigen Falschmeldungen, die durch Spammer erstellt wurden. Wir haben zudem Drittanbieter hinzugezogen, um objektive, unvoreingenommene Bewertungen von Nachrichten bereitzustellen.

Technisch sollte das Identifizieren und Kennzeichnen von Fake News ja keine allzu große Raketenwissenschaft sein. Ich kenne „aus gut unterrichteten Kreisen“ andere Projekte, die sich erfolgreich einer Lösung nähern. Man darf also gespannt sein, wie sich das bei Facebook entwickelt.

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Der Kiezneurotiker ist weg. Hat einfach so seinen Blog zugemacht, nein gelöscht. GELÖSCHT. Einer meiner allerliebsten Blogs: nicht mehr da. NICHT MEHR DA. An den sehr selten hier im Blog eingesetzten Versalien merkt ihr meine Betroffenheit. Ey, Kiezi, falls du wenigstens ab und zu noch deinen Feedreader leer liest und das hier mitbekommst: Pass mal gut auf, DAS KANNST DU DOCH NICHT MACHEN! Gönn dir ne Pause, mach mal Urlaub, atme tief durch – und dann mach dein Blog wieder auf. Darum bittet herzlich: der einzige FDP-Wähler unter deinen Lesern: Christian.

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Weitere Fundstücke und Kleinigkeiten hier im Blog.

4 Gedanken zu “Ach, und übrigens … (42): Bio-Kritik, Yolocaust, Fake News, Kiezneurotiker

  1. Was immer man über Bio auch denken mag, ausschließlich dank konventioneller Landwirtschaft gibt es in China keine Bienen mehr, d. h die chinesischen Äpfel, die es hier manchmal im Supermarkt gibt, können nur dank manueller Bestäubung gedeihen. Ähnliches droht auch in Europa dank der vielen im Einsatz befindlichen Pflanzen-, Insekten- und Unkrautvernichter. Auf derartige destruktive „Innovationen“, die in erster Linie der Pharma-Lobby (Bayer, Monsanto & Co) dienen, kann gut verzichet werden, denn wenn es irgendwann keine Bienen und Insekten auf dem Land mehr gibt, dann auch keine Vögel, usw. usf. Das alles hat mit Ideologie nichts zu tun, denn was ist das für ein sog. „Fortschritt“ in der Landwirtschaft mit Werbung auf Hochglanzpapier auf der Grünen Woche, der irgendwann in einer ökologischen Katastrophe enden wird? Es wäre auf jeden Fall nicht die erste ihrer Art in der Geschichte! Lessons learned? Bis jetzt noch nicht.

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  2. Facebook: (…) „Wir haben zudem Drittanbieter hinzugezogen, um objektive, unvoreingenommene Bewertungen von Nachrichten bereitzustellen.“ Prima, – geht ja schon gut los bei den Was-mit-Medien-Machern: Objektive, unvoreingenommene Bewertungen sind natürlich genau so unmöglich wie ein Fake-News freies Facebook …

    Sehr schöne Tonlage, Christian : -)

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