Vom Versuch zu fliegen

Früher war natürlich nicht alles besser. Außer beim Fliegen …

Wann genau ist Fliegen eigentlich derart uncool geworden? Ich meine nicht den entspannten 12-Stunden-Flug im A380 von Lufthansa nach Singapur, sondern den guten alten innerdeutschen Flug. Der, der in 50 Minuten Flugzeit von Berlin nach Nürnberg führt, bei dem die Reisezeit aber mindestens viereinhalb Stunden beträgt, in denen man alles Mögliche tut – außer zu fliegen.

Kilometerlange Schlangen

Tegel und Air Berlin – ein echtes Dreamteam

Beginnen wir mit der Ankunft am Flughafen. Tegel natürlich, komplett überlastet, aber immer noch so sympathisch wie eh und je. Der „Flug“ beginnt mit Schlange stehen. Vor den Gepäckschaltern von Air Berlin stehen ungefähr 3 Millionen Menschen, um ihr Gepäck abzugeben. Wie in Deutschland üblich, wurden sie durch kreativ gewickelte Absperrbänder in lange mäandernde Schlagen sortiert. So wandert man von links nach rechts und wieder nach links und wieder nach rechts und so weiter und so fort, ohne sich wirklich dem Schalter zu nähern. Ein schönes Sinnbild fürs Leben eigentlich. Menschen mit Fitness-Trackern und Schrittzählern am Handgelenk freuen sich jedenfalls, weil man Kilometer um Kilometer auf seinem Aktivitätskonto sammelt. Alle anderen freuen sich eher nicht.

Eine gefühlte halbe Stunde später ist der Koffer auf dem Band und die nächste Schlange in Sicht: an den Sicherheits-Schleusen. Hier muss man neben Geduld noch eine weitere Tugend moderner Flugreisender beweisen: Demut. Hier werden Koffer geöffnet und Inhalte durchwühlt, Gürtel und Schuhe ausgezogen, Menschen von oben bis unten begrapscht … Alles vor den Augen aller. Mit nichts sind wir auf diese Erde gekommen, mit nichts verlassen wir sie, und wirklich nah sind wir diesen Fixpunkten unserer Existenz nur, bevor wir ein Flugzeug betreten dürfen.

Warten im Container

Aber was heißt da „Flugzeug betreten“? Zunächst müssen wir warten: Die Wartebereiche vor dem Boarding werden in Tegel von Mal zu Mal interessanter. Diesmal standen wir in einem Anbau eines Anbaus zu einer Container-Baracke. Damit Tegel nicht platzt, werden halt Container angebaut. So ähnlich stelle ich mir einen provisorischen Bundeswehr-Stützpunkt in Afghanistan vor, wobei ich wahrscheinlich den Komfort eines provisorischen Bundeswehrstützpunkts in Afghanistan stark unterschätze.

Wer fliegen will, muss Bus fahren … Immerhin die Laune ist prächtig.

Nach einer gepflegten Wartezeit – der offizielle Boarding-Zeitpunkt ist natürlich längst verstrichen – geht es weiter. Nicht ins Flugzeug, nein, haha, ihr Spaßvögel. In den Bus. Denn natürlich wurde das Flugzeug „in einer Außenposition geparkt“, was einleuchtet, weil ganz Tegel inzwischen ein großer Parkplatz für Flugzeuge aus aller Welt ist, die eigentlich am neuen Flughafen BER landen sollten, was aber aus bekannten Gründen noch ein wenig auf sich warten lässt. Der Bus steht erst mal ein bisschen rum und er ist sehr, sehr voll. Das erhöht die gefühlte Raumtemperatur durch Körpernähe zu allen Umstehenden auf ziemlich genau 37 Grad – immerhin muss man auch im April nicht frieren. Irgendwann gondelt der Bus dann los und man kommt tatsächlich an – nicht am Ziel, aber immerhin beim Verkehrsmittel, mit dem man das Ziel eigentlich erreichen will.

Kekse weg, alles weg

Übrigens war während des Flugs früher auch mehr Lametta. Air Berlin hat jetzt alles abgeschafft, was irgendwie nicht mit Bewegung in der Luft zu tun hat. Semmeln? Kekse? Getränke? Gibt’s nicht mehr. Wegrationalisiert. Ryanair hat’s vorgemacht. Als nächstes wird das rote Schokoherz am Ausgang entfallen, das es wahrscheinlich nur noch gibt, weil man die Lagerbestände los werden muss. Und nach dem Schokoherz – die ganze hoffnungslos defizitäre Airline. Wenn der Etihad-Scheich keine Lust mehr hat, Air Berlin jeden Tag mit ein paar Millionen unter die Arme zu greifen, ist Schluss. Dann kommt Eurowings, übernimmt ein paar Menschen, Flugzeuge und Strecken. Und alles bleibt wie’s ist.

Gelandet – und schon wartet wieder ein Bus

Nach der Landung – selbstverständlich in einer Außenposition – geht das Schauspiel im Prinzip von vorne los, nur in umgekehrter Reihenfolge. Warten. Busfahrt. Warten. Gepäckband. Warten.

Ab Dezember 2017 gibt es übrigens eine schnelle ICE-Verbindung von Nürnberg nach Berlin. Und trotz allem Gejammer über die Bahn wird das für viele Reisende ein Feiertag sein. Für mich auf jeden Fall.

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Fliegen ist natürlich faszinierend, sonst wäre das hier im Blog nicht schon öfter Thema gewesen:

3 Gedanken zu “Vom Versuch zu fliegen

  1. Warum tust du dir das an?
    Die Bahn braucht vom Hbf zum Hbf etwa 5 Stunden, max 1 mal Unsteigen mit besserer Klimabilanz.
    Auch ohne neue ICE-Strecke.

    Gefällt mir

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