Die letzten zwei Filme: Blade Runner alt und neu

Nach Es schon wieder ein direkter Film-Vergleich: Was macht mehr Spaß, das 35 Jahre alte Blade Runner-Original oder die Fortsetzung, die derzeit im Kino läuft …?

Blade Runner 2049

Die allgemeine Feuilleton-Euphorie zu Blade Runner 2049 teile ich leider nicht. Es ist ein Film mit Stärken und Schwächen. Stark: die Bilder. Das ist schon sehr opulent, was man da zu sehen bekommt. Endlose Farmen, auf denen eiweißreiche Raupen für die Ernährung der Menschheit gezüchtet werden. Gigantische Schrottplätze. Das atomar verseuchte ehemalige Las Vegas, eine gelbe Staub-Hölle, in der nur noch wenige Gebäude Schutz bieten (die dann aber gleich mit gut ausgestatteten Stanley-Kubrick-Shining-artigen Hotelbars dienen können). Es gibt gut gemachte Action-Szenen. Und sehr nette visuelle Einfälle, etwa wenn ein Hologramm-Mädchen mit einer Prostituierten verschmilzt, um ihren Liebsten nicht nur virtuell zu beglücken. Und ja, es gibt auch die philosophischen Fragen wie im zweiten Teil (siehe unten), es geht wieder darum, was Menschlichkeit ausmacht und ob die Replikanten nicht eigentlich die besseren, weil mitfühlenden Menschen sind.

Aber da beginnen auch die Probleme. Was mir am ehesten zu diesem Film einfällt: Er ist aufgeblasen. Die gerade erwähnten Fragen werden so lange breitgetreten, bis wirklich jeder verstanden hat, dass hier bitteschön Stoff zum Nachdenken vorliegt und nicht nur zur Unterhaltung. Der alte Blade Runner hat das viel eleganter hinbekommen, er hat einfach eine Cop-Geschichte erzählt, bei der man nach und nach gemarkt hat, dass es weitere Ebenen gibt, die zum Nachdenken einladen. Kein Holzhammer wie hier. Das fällt im neuen Blade Runner doppelt auf, weil die eigentliche Handlung wahnsinnig dünn ist. Und dennoch über knapp drei Stunden gestreckt – das eine oder andere Gähnen konnte ich mir leider nicht verkneifen.

Noch ein paar Schwächen? Bitteschön: Ryan Gosling bekommt als Schauspieler genau ein Gesicht hin: unbeteiligt in die Kamera schauen. Und nein, das passt nicht perfekt zum Replikanten, wie ein Feuilleton-Kritiker schrieb, schon die Replikanten im alten Blade Runner hatten deutlich mehr Feuer, und Harrison Ford (dessen Rick Deckard ja vielleicht auch ein Replikant ist, man weiß es nicht) muss sein zerfurchtes Gesicht nur einmal in die Kamera halten, um Gosling locker an die Wand zu spielen.

Generell fragwürdig ist die Motivation vieler Figuren. Warum werden die alten Replikanten überhaupt noch verfolgt, wenn sie doch inzwischen friedlich Raupen züchten statt Menschen ermorden (wie im ersten Teil)? Was treibt den Bösewicht an, warum will er unbedingt fortpflanzungsfähige Replikaten produzieren? Es wäre doch viel besser fürs Geschäft, wenn er die Produktion kontrollieren könnte. Und so weiter. Fragen über Fragen, um die das Drehbuch sich herumdrückt.

Zu guter Letzt: Der Soundtrack. Eine Mischung aus den Posaunen des jüngsten Gerichts und dem Gesang von Walen mit Blähungen. Und zwar als Dauersauce über den kompletten Film gekippt, sodass man endlos froh ist, wenn sich dieses Klangbrett ganz am Ende des Films in Vangelis-artige Tonfolgen verwandelt, die natürlich aufs Original verweisen sollen.

Apropos: Kommen wir zu …

Blade Runner

Kann man das Original, den Kultfilm von 1982, noch mit Vergnügen oder nur noch mit musealem Interesse ansehen? Klare Antwort: mit Vergnügen. Der Film ist einfach zu gut, vor allem weil er ein paar große Themen anschneidet und zugleich eine für die damalige Zeit phantastisch opulente (wenngleich nicht unbedingt erfreuliche) Zukunftswelt entwirft. Im Kern geht es bekanntlich um die Frage, was einen Menschen zum Menschen macht, um Schöpfer und Geschöpfe, um Empathie, Leben und Tod. Und die Zukunftswelt hat wahrlich gigantische Städte zu bieten, in denen gescheiterte Existenzen versuchen sich im wahrsten Sinne des Wortes über Wasser zu halten (es regnet wirklich dauernd in der Zukunft) und nicht mit der allgegenwärtigen Polizei in Konflikt zu geraten.

Die Zukunft, das ist im Original Blade Runner (der 30 Jahre vor der Fortsetzung spielt) das inzwischen nahe Jahr 2019, und es ist ja immer skurril bis rührend, wenn man sich fragt, inwiefern wir uns dieser Zukunft genähert haben. Zunächst mal sehr wenig, denn Ridley Scotts Blade Runner-Zukunft ist eine Retro-Zukunft mit Detektiven in Trenchcoats, Zeitungen aus Papier und jeder Menge Zigaretten. Es ist auch eine 80er-Jahre-Zukunft mit Schulterpolstern und C64-Monitoren. Es ist eine Zukunft, die nur in manchen Details der unseren ähnelt – zum Beispiel gibt es Videotelefonie. Und manchmal ist es eine ferne Zukunft, vor allem was die zahllosen fliegenden Autos angeht.

Bildnachweis: © 2017 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

2 Gedanken zu “Die letzten zwei Filme: Blade Runner alt und neu

  1. Mir gefällt die Fortsetzung sehr gut. Insbesondere die Längen. Eine gesunde Mischung aus ruhigen und aktiven Sequenzen. Ganz besonders die konsequente Fortschreibung der Existenz von Firmen, die heute nicht mehr exiszieren, z. B. Atari, hat mich gerührt. Genial fand ich das Spiel um die eigentliche Rolle des Replikanten. Ich finde beide Filme auf ihre Art sehr gut.

    Gefällt 1 Person

  2. Der Bösewicht (leider zu schwarz & weiß gezeichnet der neue Film) will sich fortpflanzende Replikanten weil er die Kolonialisierung des Universums vorantreiben will. Er sieht dass die linear skalierende „Produktion“ von Replikanten da bremst, daher will er exponentiales Wachstum! Genau das würden fortpflanzungsfähige Replikanten bringen. Sagt er auch so im Film…
    Es geht also nicht ums Geld!

    Gefällt 1 Person

Und jetzt sag deine Meinung:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s