Reise-Notizen: Von bösen Bots und energetischen Edelsteinen

Ich war mal wieder unterwegs, und wer unterwegs ist kann was erleben und hat was zu erzählen …

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Die Reise führte mich zunächst nach Dresden. Hotels wären bei solchen Reisen tendenziell Glückssache, weshalb ich mir immer gerne vorab auf Tripadvisor ein Bild mache. Aber das ist naiv, wie ich beim Vortrag in Dresden über Social Bots lernte. Alles Fake, alles bezahlt, alles von cleveren, betrügerischen Bewertungs-Bots generiert. Überhaupt reden im gesamten Web nur noch Bots mit Bots, der echte Mensch ist nur noch dazu da, seine Daten herzugeben und sein Verhalten tracken zu lassen, damit amerikanische Konzerne noch größer und reicher werden … oder so ähnlich. Und überhaupt: Der Facebook-Messenger schaltet heimlich das Mikrofon des Smartphones an, um uns abzuhören! Ohne Social Bots hätte Trump die Wahl nicht gewonnen! Und dann noch diese Filterblasen! Im sächsischen Publikum machte sich Unruhe breit, ein Hauch von Rebellion lag in der Luft, „Gibt‘s doch gar nicht!“, „Von unseren Politikern ist ja wieder mal nichts zu erwarten!“ … Das Traurige ist, dass hier spannende und ernste Themen, die dringend einer differenzierten Betrachtung bedürfen, so lange hysterisch verallgemeinert und mit Halbwahrheiten angereichert werden, bis sie sich Verschwörungstheorien nähern. Ich flüchtete zeitig in die kühle Dresdener Nacht.

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Aber ich schweife ab. Eigentlich wollte ich ja schreiben, dass mein Dresdener Hotel sehr ordentlich war (ich habe es natürlich wie immer ganz persönlich und botfrei auf Tripadvisor entsprechend bewertet). Nette Zimmer, nettes Personal, sehr gutes Frühstücksbuffet … Unter uns gesagt braucht es bei so einem Frühstücksbuffet gar nicht viel, um mich glücklich zu machen. Es reicht schon eine Schüssel mit Fleischsalat. Fleischsalat ist zu Hause tabu, zu viele Kalorien, ihr wisst schon, wenn man den einmal in den eigenen Kühlschrank lässt, wird man ihn nie wieder los, Fleischsalat-Sucht ist, glaube ich, wie Spiel- und Alkohol-Sucht eine anerkannte Krankheit … Egal. Beim singulären Besuch eines Frühstücksbuffets im Hotel ohne Wiederholungsgefahr freue ich mich jedenfalls wie verrückt über Fleischsalat.

Was mich weniger freut, und darauf wollte ich eigentlich hinaus, ist Esoterik-Bullshit am Frühstücksbuffet. Irgendwann mache ich mal einen eigenen Blogbeitrag zum Thema „Esoterik in Hotels“. Heute im Angebot: Energetisches Edelsteinwasser. Wenn da mal wenigstens ordentliche Edelsteine drin wären, hätte ich gerne und beherzt zugegriffen, das hätte sich aufs Karma meines Geldbeutels total positiv ausgewirkt. Aber was da das Wasser energetisch auflädt, sieht mir nach ordinärem Rosenquarz aus, schönen Dank auch.

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Apropos Essen: Nebenan im tschechischen Eurocity auf der Weiterfahrt von Dresden nach Berlin: ein Pärchen in den Zwanzigern. Der Reiseproviant wird direkt im Zug zubereitet: ungetoastetes Toastbrot, belegt mit Kartoffelchips. Fährste Bahn, kannste was erleben. Aber es gibt ja auch Menschen, die Pizza mit Pommes – oder noch schlimmer: Ananas – oben drauf essen, also was wundere ich mich?

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Und als hätte jemand einen Beweis dafür angefordert, wie perfide diese Bots, dieses Facebook, DIESES INTERNET sind, flattert mir während der Zugfahrt eine Mail in den Posteingang, die beweist: Wir leben in einer Welt des zielgruppenspezifischen, personalisierten Marketings, wo Unternehmen alles über uns wissen und nanometergenau wie Chirurgen unsere Interessen freilegen, natürlich dank riesiger Datenmengen, die Facebook und Google über uns sammeln (und verkaufen und damit reich werden) und hyperintelligenter Big Data Analytics Tools, die uns dann per Targeting und Retargeting und Retrotargeting (oder wie sich der ganze heiße Scheiß nennt) genau die Botschaften senden, die uns und nur uns betreffen … Der Beweis dafür wie gesagt im Posteingang:

Dear Christian, last week, our CEO sent you a last call speaking invitation to join our 7th annual Global ManuChem 2018 summit. Did you already have a chance to look at the materials?

Jo, Alter, dann bringe ich mal, wenn ich wieder zu Hause bin, meine Expertise in Sachen „Chemical Manufactoring“ auf die Bühne … Übrigens, dear Sabrina, die du mir diese nette Erinnerungs-Mail geschickt hast: Wenn ich auf so eine Mail nicht antworte, heißt das nicht, dass sie im Posteingang verloren gegangen ist, ich sie schon verzweifelt gesucht habe und nun wahnsinnig froh bin, dass du mich nochmal an diese immens wichtige Angelegenheit erinnerst … Aber ich will nicht jammern, du hast mir nur einen freundlichen Reminder geschickt, der ebenso schnell gelöscht ist wie die Ursprungsmail. Andere rufen tatsächlich einen Tag, nachdem sie gemailt haben, an und fragen, ob ihre Mail wohl nicht angekommen sei, weil sie noch keine Antwort erhalten hätten … In solchen Momenten träume ich von einem fiesen kleinen Bot, den ich auf dich und alle anderen Spammer loslasse, der euch in ausführliche, Interesse heuchelnde, nach lohnenden Abschlüssen riechende Dialoge verwickelt, die vor allem eins kosten: eure Zeit.

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Am Ende des Tages dann das übliche Tegel-Chaos eines Flughafens, der aus allen Nähten platzt. So wie die Eurowings-Maschine, der Lumpensammler nach Nürnberg um 18.10 Uhr: Wer hier nicht drin sitzt, kommt heute nicht mehr nach Hause. Was waren das für Zeiten, als um 20 oder 21 Uhr die letzten Maschinen gingen, wahlweise von Eurowings oder Air Berlin. Aber hey, ab Mitte Dezember war‘s das. Dann lockt die Bahn mit ihrer neuen schnellen Verbindung. Dann sieht mich Tegel nicht mehr – und der neue Flughafen BER wird mich nie sehen, weil die Bahn mit ihren 25 Jahren Bauzeit der Strecke München – Berlin einfach schneller war :-)

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