Die letzten fünf Serien: Dunkel, gottlos, sündhaft

Kein Flop bei den letzten fünf Serien! Statt dessen beste Unterhaltung mit der ersten deutschen Netflix-Serie, einem femininen Western, Serienkillern in David Fincher-Ästhetik und mehr …

Dark (Netflix)

Die erste deutsche Serie, die Netflix für den globalen Markt hat produzieren lassen. Entsprechend groß waren Bohei und Erwartungen in Deutschland um und an die Serie. Wenn man kritisch sein will, hat sie ein paar ärgerliche Schwächen, die man von Top-Serien auf Netflix nicht gewöhnt ist: Der Soundtrack ist extrem aufdringlich, als hätten die Macher gemeint, sie könnten nicht genug Spannung über Handlung und Bilder erzeugen. Die Bilder sind mit etwas zu dickem Pinsel gemalt (dauernd regnet es, der Wald ist furchtbar dunkel, der einsame Unbekannte furchtbar finster usw.), als wäre der Zuschauer zu doof für filigrane Gemälde und subtile Botschaften. Aber wenn man fair sein will, ist die Serie besser als 99 Prozent des üblichen deutschen Serien-Zeugs im linearen TV. Die Verwicklungen, die rund um vier Familien und einige verschwundene Kinder in einem kleinen Ort nahe eines Atomkraftwerks gesponnen werden, werden immer vielschichtiger und interessanter. Die Sprünge zwischen den verschiedenen Zeitebenen haben mich schwer an Lost erinnert (und das ist ja mal keine schlechte Referenz). Und es gibt ein paar wirklich raffinierte und überraschende Twists. Alles in allem also: spannend, stimmungsvoll, clever, unterhaltsam (und manchmal ein bisschen anstrengend).

Godless (Netflix)

Eine ganz wunderbare Serie, mit das Beste, was ich in letzter Zeit auf Netflix gesehen habe. Nur sieben Folgen werden genutzt, eine dichte Handlung mit lauter interessanten Figuren zu stricken. Dabei ist der Kern der Handlung ein Western-Klassiker: Eine Räuber- und Mörderbande zieht Ende des 19. Jahrhunderts durch die Staaten. Einer verlässt die Bande und zieht damit ihren Zorn und Rachedurst auf sich. Er versteckt sich nahe des Minenorts La Belle, in dem fast nur Frauen leben, nachdem die Männer des Ortes bei einem Minenunglück ums Leben kamen. Und in Folge 7 kommt es natürlich zum Showdown zwischen der Bande und den Frauen … Während die Handlung noch in einen konventionellen 90-Minuten-Western gepasst hätte, nutzen die Godless-Macher um Steven Soderbergh die Serienzeit, um mehr über ihre Figuren zu erzählen und sie in spannende Konstellationen einzuspannen. Und sie verzichten auf die Unart, die Handlung zu dehnen und diese Dehnung über Cliffhanger irgendwie spannend zu machen, nur um in einer zweiten und dritten Staffel das Erfolgsrezept weiter auszukochen. Nein, Godless ist perfekte sieben Folgen lang und dann auserzählt und zu Ende.

Mindhunter (Netflix)

Meine Güte, noch eine verdammt gute Serie auf Netflix. Haufenweise Empfehlungen also für schöne Sofa-Abende „zwischen den Jahren“. Mindhunter ist nach House of Cards das neue Netflix-Projekt von David Fincher. Der Mann macht einfach nichts, über das man einfach so hinwegsehen könnte, das weiß man spätestens seit Sieben und Fight Club. Und auch Mindhunter ist zum einen ein ästhetisches Meisterwerk – jede Einstellung, jede Kamerafahrt ist kalkuliert, da wird nichts einfach so weggefilmt. Die 70er Jahre werden so perfekt in Szene gesetzt, dass man nach zehn Minuten nicht mehr darüber nachdenkt, sondern einfach in die andere Zeit eintaucht (anders als bei Dark übrigens, wo die Konstruktion der Zeitebenen doch etwas bemüht und nicht ganz fehlerfrei ist). Und die Story ist einfach gut: Zwei FBI-Agenten setzen sich im Jahr 1977 erstmals mit Serienkillern auseinander, entwickeln Ansätze von Profiling und modernisieren damit langsam aber sicher die alte J. Edgar Hoover-Polizeitruppe – von einem einsamen Kellerraum im FBI-Gebäude aus, denn was sie da tun stößt zunächst auf sehr wenig Gegenliebe. Und weil sie ihre Erkenntnisse gleich an echten Fällen zur Anwendung bringen, ist die Serie auch noch spannend. Rundum sehenswert also, der neue Fincher.

The Sinner (Netflix)

Die achtteilige Serie The Sinner hat zwei große Stärken: Erstens die Ausgangslage, die in Folge 1 ausgebreitet wird: Eine junge Ehrefrau und Mutter lebt ein erfolgreiches und scheinbar harmonisches Leben irgendwo in einer Kleinstadt in den USA. Erste Störer deuten darauf hin, dass am idyllischen Setting irgendwas nicht stimmt. Und dann kommt der große Knall: Bei einem Strandausflug richtet sie aus heiterem Himmel ein Blutbad an und ersticht einen Wildfremden. Zweitens Bill Pullman als alternder Ermittler, dessen Lebensweg einige Brüche aufzuweisen hat. Während die Polizei- und Justizmaschinerie den offensichtlichen Mord schnell wegverarbeitet (lebenslange Haft, Fall abgeschlossen), stellt er Fragen, hakt nach und deckt letztlich einen finsteren Fall auf, dessen Endpunkt jenes Blutbad bildet. Im Detail gibt’s ein, zwei Klischees und Logikbrüche, über die man großzügig hinwegsehen darf, aber alles in allem ist das gute und spannende Unterhaltung.

Wanted (Netflix)

Nein, nicht You Are Wanted, die schreckliche Schweighöfer-Klamotte auf Amazon, sondern Wanted, wiederum eine Serie auf Netflix. Zwei sehr unterschiedliche Frauen geraten aus Versehen in ein Verbrechen und fliehen dann vor Guten wie Bösen quer durch Australien. Eine australische Thelma & Louise-Geschichte, flott inszeniert, wenig Tiefgang. Hat uns trotzdem gut gefallen: nett, spannend und zwei gute weibliche Hauptfiguren.

Bildnachweis: Julia Terjung/Netflix (Dark), James Minchin/Netflix (Godless), Patrick Harbron/Netflix (Mindhunter), 2017 USA Network Media, LLC (The Sinner), Netflix (Wanted)

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