Zitat am Freitag: Lächelnd überleben

Wie umgehen mit dem Alter, dem Sterben, dem Tod? Die Strategie des Ignorierens, die wir Jüngeren bevorzugen, wird im Laufe der Jahre fragwürdig. Verzweifelt an der Jugend festhalten? Noch fragwürdiger. Missmutig dem Ende entgegen dämmern? Auch nicht besser.

Es geht auch so:

Ja, schon in wenigen Monaten werde ich das hohe Alter verlassen, um ins Greisenalter zu kommen und immer tiefer ins gefürchtete Tal des Schattens zu sinken. Es ist erstaunlich, dass ich am Ende eines jeden Tages immer noch da bin. Wenn ich nachts ins Bett gehe, lächle ich und denke: „Ich habe einen weiteren Tag gelebt.“ Und dann ist es ebenso erstaunlich, acht Stunden später zu erwachen und zu sehen, dass der Morgen des nächsten Tages angebrochen ist und ich immer noch hier bin. „Ich habe eine weitere Nacht überlebt“ – dieser Gedanke lässt mich erneut lächeln. Ich gehe lächelnd zu Bett und wache lächelnd auf. Ich bin sehr froh, dass ich noch lebe. Mehr noch, wenn dies, wie im Moment, Woche für Woche und Monat für Monat, passiert, erzeugt es die Illusion, dass es niemals enden wird, obwohl ich natürlich weiß, dass es jederzeit zu Ende sein kann. Es ist ungefähr so, als würde man Tag für Tag ein Spiel spielen, ein Spiel mit hohen Einsätzen, bei dem ich entgegen aller Wahrscheinlichkeit einfach weiter gewinne. Wir werden sehen, wie lange mein Glück noch anhält.

Sagt: Philip Roth, 85 Jahre alt und einer der tollsten Schriftsteller unserer Zeit, der leider vor einigen Jahren mit dem Schreiben aufgehört hat. Seine Bücher könnt und solltet ihr natürlich weiterhin lesen. Oder dieses Interview mit Charles McGrath für die New York Times, das die Süddeutsche Zeitung (kostenpflichtig) ins Deutsche übertragen hat.

Schönes Wochenende!

(Alle Freitags-Zitate zum Nachlesen)

2 Gedanken zu “Zitat am Freitag: Lächelnd überleben

  1. Schön. Neulich im Krankenhaus hatte eine Krankenschwester auch eine schöne Antwort zum Thema parat: Ein greiser Patient beschwerte sich sinngemäß, Altwerden sei schon eine unangenehme Sache. Sie erwiderte trocken: Ja, Herr N., aber was ist denn die Alternative? Jung sterben ist doch auch blöd.

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