re:publica – mehr Mut zur Offenheit bitte

Ich war nach fünf Jahren mal wieder auf der re:publica – und es war in mehrfacher Hinsicht interessant …

Zunächst sind die Dimensionen beeindruckend. Irgendwas um die 10.000 Besucher, 1.000 Referenten, 500 Stunden Programm. Das funktioniert in der sehr netten Location (der Station in Berlin, einem ehemaligen Bahnhof aus dem 19. Jahrhundert) erstaunlicherweise immer noch so gut wie vor fünf Jahren. Klar, es ist voll, aber auch weitläufig, und selbst bei 10.000 Menschen läuft man zufällig Bekannten über den Weg und kommt ins Gespräch.

Bei so vielen Referenten, Vorträgen und Podien muss man schon ein besonderes Talent haben, um nichts Interessantes, Inspirierendes oder Diskutierenswertes zu finden. Alles in allem fand ich die Tage bereichernd, die Qualität der Beiträge hoch. Ein paar Empfehlungen, was ihr euch im Nachhinein als Videos anschauen könntet, findet ihr am Ende des Artikels.

Bevor ich schreibe, was ich an der re:publica schwierig finde: eine Einschränkung. Bei 500 Stunden Programm gibt es wahrscheinlich 100 verschiedene re:publicas, die man als einzelner wahrnehmen und bewerten kann. Meine Wahrnehmung und Bewertung ist geprägt von dem Programm, das ich mir zusammengestellt hatte, und das wiederum war natürlich von Themen geprägt, die ich in den letzten Jahren auch hier im Blog verfolgt habe: Filterblasen, Fake News, Hate Speech, Dialog vs. Polarisierung, Web-Kommunikation von Rechtspopulisten, Journalisten und Politikern etc.

Wohlfühlen in der linken Blase

Das Schwierige: Die re:publica-Macher behaupten, Filterblasen zum Platzen bringen zu wollen, alle Teile der Gesellschaft zu adressieren und ein großes, buntes Festival für digitale Kultur zu sein – dabei ist das Farbspektrum doch sehr eingeschränkt. Letztlich dreht man sich in einer stark linken Festival-Blase um sich selbst. Nichts gegen Haltung und klare Positionen. Aber hält man sie für so wenig belastbar, dass man sie lieber nicht Kritik und Widerspruch aussetzen möchte? Traut man den eigenen Argumenten so wenig, dass man Widerspruch und echte Debatten fürchtet?

Denn die etwas einseitige politische Verortung und Positionierung vieler Referenten führt natürlich nur zu mittel-spannenden Diskussionen. Auf den Podien ist man sich schnell einig, diskutiert in Details, aber nicht im Grundsatz, bestätigt sich fröhlich gegenseitig und fühlt sich offenkundig wohl in einer Community von Gleichgesinnten.

Schlimmer noch: Bei nicht wenigen Beiträgen ist wenigstens zwischen den Zeilen herauszuhören, dass man dies für die Community der „Guten“ hält. Geredet wird über die anderen, nicht mit ihnen. Und „die anderen“ sind nicht nur Rechtsextreme und Rechtspopulisten, sondern generell Liberale (natürlich gerne mit einem Neo- davor) und Konservative. Die Zahl der Witze und abfälligen Äußerungen über Markus Söder, um das mal auf den Punkt zu bringen, war ermüdend groß, Politiker aus dem linken Teil des Spektrums schienen hingegen zur Belustigung des Publikums wenig geeignet zu sein.

re:publica vs. Bundeswehr

Dazu passt natürlich auch die sehr kuriose Episode rund um die Bundeswehr, deren Teilnahme an der Konferenz in Uniform man wohl untersagt hatte, woraufhin einige Soldaten vor dem re:publica-Gelände Flugblätter verteilten und ein bisschen beleidigt auf diesen Umstand hinwiesen. Dass ein intensives mehrtägiges Rotieren um sich selbst ein wenig Schwindel verursachen und die Gedanken trüben kann, zeigten Beiträge aus der re:publica-Blase, die der Bundeswehr mit dieser Aktion einen illegalen „Einsatz im Inneren“ unterstellten und allein schon das Tragen von Uniform in der Nähe der Konferenz für einen übergriffigen Akt von aggressivem Militarismus hielten.

Und während manche moralischen Kompassnadeln in Blogs und Tweets und Facebook-Posts vor Empörung zitterten und auf den re:publica-Bühnen zeitgleich die Empörungs-Eskalation in der Gesellschaft beklagt wurde und manche Beobachter angesichts dessen aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus kamen, fragte man sich: Was soll das? Da ist sie, die große Konferenz über gesellschaftliche Themen, da sind zwei Parteien, die offenbar dringend Gesprächsbedarf hätten – aber man redet nicht miteinander, sperrt sich aus, beschuldigt sich gegenseitig und jammert auf allen Kanälen, wie gemein der jeweils andere ist.

Dass die re:publica erwachsen geworden ist konnte man gelegentlich hören, aber angesichts solcher Episoden schwer glauben. Natürlich hat ein ewig jugendlicher Sturm und Drang auch Charme wie ein rumpeliges F-Jugend-Spiel auf einem schlammigen Bolzplatz. Nur passt das schlecht zum Anspruch, dass man auch ganz gerne der FC Bayern München der Digitalkonferenzen sein will – mit ausverkauften Stadien, Sponsoren, VIP-Bereich und dreistelligen Eintrittspreisen.

Unabhängig von dieser Episode wünsche ich der re:publica mehr Mut zu Offenheit und echter Diskussion. Ist weniger kuschelig, aber definitiv spannender.

re:publica auf YouTube

PS: Sehens- und hörenswert fans ich folgende Vorträge und Diskussionen:

Spannende Diskussion darüber, warum 1968 eigentlich die Linken noch Revoluzzer waren, während heute eine konservative Revolution von rechts proklamiert wird, während die Linken eher das System stützen:

Bernhard Pörksen glaubt nicht an Filterblasen (aber an Selbstabschottung und gefilterte Selbstbestätigungs-Milieus in Konfrontation zu anderen Milieus, womit er letztlich den Filterblasen-Gedanken nicht negiert, sondern erweitert):

Journalisten diskutieren darüber, wie objektiv bzw. neutral oder subjektiv bzw. mit persönlicher Haltung sie im Web kommunizieren sollten. Wenig überraschende Erkenntnis: Es ist eine Gratwanderung:

Luca Hammer hat sich auf die Suche nach (deutschsprachigen) Social Bots begeben – und keine gefunden:

Sascha Lobo plädiert für einen offensiven Sozial-Liberalismus:

4 Gedanken zu “re:publica – mehr Mut zur Offenheit bitte

  1. Hm, hm … ohne auch nur einen der Videobeiträge gesehen zu haben: Wenn man Soldaten in Uniform den Zutritt verweigert, ist für mich die Sache schon klar: anscheinend eine erzlinke Veranstaltung, rote Filterblasenfestspiele in Reinkultur, kein ergebnisoffener Diskurs, sondern mutmaßlich ein Hochamt für bekennende Gutmenschen. Ist der Besuch solcher Veranstaltungen nicht reine Zeitvergeudung?

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  2. Eine gelungene Zusammenfassung für Ferngebliebene wie mich. Ich habe den bizarren Bundeswehrstreit nur via Twitter verfolgt und den aufrechten Barcamper @kottem1 bedauert, der mir ein wenig zwischen die Fronten geraten zu sein schien. Danke für die Klarheit schaffende Einordnung der Ereignisse!

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  3. Das ist mal eine wirklich gute Zusammenfassung. Als ich von dem Streit mit der Bundeswehr gehört habe war mir schon klar das da einige ein wenig eskalieren müssen. Offen undTolerant geht anders.
    Wie sagt man so schön?: Wasser predigen aber Wein trinken, oder so ähnlich :D

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