Zum Stand der Digitalisierung in Deutschland (3): Lagebericht 2018

Die Digitalisierung in Deutschland schreitet rasend schnell voran. Digitales Können und Wollen, wohin man schaut. Impressionen aus einem Land der Einsen und Nullen …

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Blogger bloggen nicht, weil sie damit beschäftigt sind, Datenschutzerklärungen zu generieren und Verträge zur Auftragsdatenverarbeitung mit irgendwelchen amerikanischen Unternehmen abzuschließen (ohne zu wissen, was das eigentlich ist). Viele haben ihre Blogs dicht gemacht. Und viele haben vorsichtshalber alles, was irgendwie nach Interaktion riecht (Kommentare, Likes, Abos), deaktiviert (nur ein Beispiel mit Begründung). Einsen und Nullen heißt offenbar auch: Wir sind wieder zurück auf dem Weg ins Web 1.0.

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Unternehmen denken darüber nach, künftig nicht mehr auf Plattformen wie Facebook und YouTube zu kommunizieren, weil sie dafür verantwortlich gemacht werden könnten, wie Facebook und YouTube Daten verarbeiten. Und obwohl das vielleicht etwas vorschnell ist, haben nicht wenige vor allem kleine und mittelständische Unternehmen bereits ihre Facebook-Seiten geschlossen, um kein Risiko einzugehen.

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60 Prozent der deutschen Manager haben noch nie etwas von digitalen Plattformen gehört. Das ist um so rätselhafter als fünf der zehn wertvollsten Unternehmen der Welt digitale Plattformen sind (keine davon aus Deutschland, versteht sich).

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Deutschland feiert sich dafür, dass es erstmals eine Staatsministerin für Digitales gibt. Sie hat die wunderbare Aufgabe, weitgehend ohne Mitarbeiter und Budget die digitalen Aktivitäten von Wirtschaftsministerium, Verkehrsministerium und Innenministerium zu koordinieren. (Ich lachte laut, während ich den Satz schrieb.)

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Unterdessen liegt Deutschland, was die Digitalisierung von Verwaltung und Behörden angeht, in Europa auf einem der hinteren Plätze, neben Rumänien und Bulgarien. Schuld daran sind Datenschutz, föderales und kommunales Durcheinander und – vor allem – fehlender politischer Wille.

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Der deutsche Weltkonzern, Stahlverarbeiter und Digitalisierungs-Novize BMW verlangt 350 Euro dafür, dass ich meine Spotify-Playlist über das BMW-Display bedienen kann. Drei.Hundert.Fünzfzig.Euro. Damit hat man dann aber auch die Grundlage geschaffen, damit das (horrend teure) Navi Echtzeit-Verkehrsinformationen verarbeitet, also so etwas ähnliches wie Google maps macht. Für zusätzlich 8 Euro im Monat.

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Es ist tatsächlich möglich, in Deutschland online Kindergeld zu beantragen. Na ja, fast: Man füllt online ein Formular der Bundesagentur für Arbeit aus und sendet es ab. „Danach“, so heißt es jedoch auf der Webseite der Agentur, „sind allerdings noch weitere Schritte notwendig: Drucken Sie nun das online ausgefüllte Formular aus und unterschreiben es. Bitte senden Sie es anschließend per Post oder Fax an Ihre zuständige Familienkasse.“ Na, bitte, geht doch. Ein fast digitaler Prozess … *hüstel*

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Das Erste, was Deutsche in der Regel von einer Website zu sehen bekommen, ist nicht die Website, sondern ein Cookie-Hinweis, den keiner liest und jeder wegklickt. Cookies lassen sich, wenn man sie nicht mag, ganz einfach in jedem Browser ausschalten. Das überfordert aber den deutschen Nutzer, sagt der deutsche Datenschützer, daher wird man in seinem Leben öfter auf das Risiko durch Cookies hingewiesen als auf das Risiko, durch Rauchen, Übergewicht, böse Mitmenschen oder rüpelhaftes Verhalten im Straßenverkehr einen frühzeitigen unschönen Tod zu erleiden.

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Mit den Auswirkungen von Digitalisierung und Automatisierung auf das Leben der Menschen beschäftigen sich in Deutschland vor allem Politiker Philosophen.

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Dafür hat die Diskussionskultur insbesondere auf Facebook einen gewissen Reifegrad erreicht. Während anfangs Euphorie, Aufbruchstimmung und munterer Diskurs vorherrschten, liegt das Niveau heute oft irgendwo zwischen Schulhof-Pöbelei und Stammtisch-Gepolter ab 2,0 Promille – befeuert durch algorithmische Echokammer-Verstärkung und Erregungs-Belohnung. Reichweitenstarke Influencer wie Sascha Pallenberg, die darauf keine Lust mehr haben, verabschieden sich deshalb von Facebook.

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Unter den politischen Parteien beherrscht diejenige die digitale Kommunikation am besten, deren Vorsitzender den Holocaust für einen „Fliegenschiss“ in der deutschen Geschichte hält. Keine der großen Volks- und etablierten Oppositionsparteien hat eine vergleichbare Reichweite oder eine ähnlich professionelle Organisation ihrer digitalen Kanäle.

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Das WLAN im ICE funktioniert schlecht bis gar nicht, wie immer halt.

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Auch fünf Jahre, nachdem Angela Merkel das Internet als Neuland bezeichnet hat, ist das Internet immer noch nicht Altland, auch nicht Wirhabenunseinbisschendrangewöhntland, sondern – Neuland.

5 Gedanken zu “Zum Stand der Digitalisierung in Deutschland (3): Lagebericht 2018

  1. Fast alles richtig.
    Aber mal ernsthaft: die DSGVO Hysterie ist schon auch selbstgemacht – vor allem von Bloggern und den sog. digitalen Medien. Was ich alles an falschen Aussagen in den letzten Wochen gelesen habe … es lebe das Halbwissen. Das gibt dann auch einen schönen Hinweis auf die Qualifikation der ganzen selbsternannten digitalen „Profis“. Hihi. Ich lehne mich zurzeit mit einer Tüte Popkorn zurück und lach mich schlapp. Schade, dass es die eigentlichen Verursacher, nämlich die unreguliert global wütenden Internetkonzerne nicht trifft. Aber so lange alle die „neuen Medien“ so geil finden, bekommen sie halt das, was sie verdienen.
    Ich befürchte nur leider, dass es keine Lernkurve geben wird – oder doch: eine, die nach unten geht :D
    Schönes Wochenende – trotz allen Unmuts ;-)

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  2. Mal wieder: Sehr schön! Die Auflistung könnte man noch erheblich erweitern. Tatsächlich ist wohl so, wie Herr Thiel kürzlich meinte:

    „Irgendwie ist es in Europa, in Deutschland, in Berlin nicht akzeptabel, ambitioniert oder mutig zu sein. Es fehle nicht an Bildung, Kapital, Talent oder harter Arbeit. Es ist das Fehlen von Ambition. Berlin ist zwar ein Ort, wo man Spaß haben könne: Aber es ist auch eher ein Ort, wo man bequemer in Ruhestand gehen könne, als ein globales Unternehmen auf die Beine zu stellen,“

    Immer, wenn einer was macht, stehen drei daneben und jammern und machen nix. Allenfalls noch die Hand aufhalten um mit zuverdienen.
    Und so machen wir (WIR haben schließlich gewählt, WIR haben nicht verhindert, nicht irgendwelche Aliens!) uns so was wie die DSGVO (auch ein beliebiges Beispiel), anstatt uns kreativ weiterzuentwickeln.

    „“Ich frage mich, ob die DSGVO ein Eingeständnis der europäischen Niederlage ist – dass Europa nicht in der Lage ist, so viele erfolgreiche Tech-Unternehmen in die Welt zu setzen wie die USA“, erklärte Thiel. Deshalb fühle er sich an die Berliner Mauer erinnert: „Die war ein Eingeständnis, dass das Modell nicht funktionierte und die Leute flüchten wollten.““
    (https://goo.gl/NiH31w)

    Viele Grüße!

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  3. Retrocomputing ist ja mittlerweile das große Ding… und ich kann mir gut vorstellen, dass angesichts eines totregulierten Internets in Zukunft die alternative Computerszene wieder wie zu C 64-Zeiten funktionieren wird, per CCC-„Datenschleuder“ (die Printversion natürlich!), konspirativen Treffs in katholischen Jugendzentren und natürlich Mailboxen! Ich habe mir jedenfalls schon vor längerem wieder einen C 64 angeschafft und werde demnächst 6502-Assembler lernen, um mit 30 Jahren Verspätung endlich richtig auf der 8-Bit-Szene mitmischen zu können, nachdem ich in den 1980ern mehr gedaddelt als programmiert hatte…

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  4. Es könnte etwas damit zu tun haben, dass „hard work“ und „harte Arbeit“ nicht dasselbe sind: Amerikaner meinen damit durchaus auch begeistertes Engagement, das nicht nach irgendwelchen vorgeschriebenen Höchstarbeitszeiten fragt, während der (Durchschnitts-)Deutsche in seiner sado-masochistischen Grundeinstellung nicht nur zur Arbeit, sondern zum Leben schlechthin, darunter körperlich erschöpfende, in der Regel stumpfsinnige Industrie-Maloche versteht, schlimmstenfalls KZ-Torturen… auf jeden Fall ist „harte Arbeit“ etwas, was der Durchschnittsdeutsche entweder in sozialchauvinistischer Tendenz tief empört für sich in Anspruch nimmt, wenn er seine Privilegien in Frage gestellt sieht oder von anderen (mit Tendenz in Richtung Zwangsarbeitslager) fordert, denen es womöglich unverdient besser zu gehen scheint als ihm – regelmäßig in den Kommentarspalten der Springer- und Burda-Presse zum Thema „Hartz IV“ zu lesen!

    Und dann geht es natürlich überhaupt nicht, sich durch Enthusiasmus für was auch immer aus der Masse herauszuheben – in Deutschland oder besser Däutschland hat man gefälligst im immer gleichen tumben Trott mit den Anderen mitzutrotten, grunz, grunz… ich habe den Verdacht, dass diese Mentalität im Westen auch schon einmal im Schwinden begriffen war – aber dann kam die Wiedervereinigung, und dumpfe Leibeigenen-Mentalität erlebte eine Renaissance…

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