Schlaflos in Garmisch (Klinik-Intermezzo 2)

Ich bin hier ja ein medizinisches Leichtgewicht. Dennoch profitiere ich in jeder Hinsicht von den Errungenschaften der modernen Medizin. Traditionelle Alternativen aus vergangenen Zeiten? Nein Danke …

Die Begeisterung für Medizin mit der Patina des Alten ist ja durchaus verbreitet. TCM (Traditionelle Chinesische Medizin) aus vorchristlicher Zeit, Klostermedizin aus dem Mittelalter (Hildegard von Bingen!), Homöopathie aus dem 19. Jahrhundert … Die Sehnsucht nach Alternativen zur (von ihren Gegnern so genannten) Schul- oder Apparatemedizin scheint groß zu sein.

Nicht bei mir. Ich beobachte hier voller Faszination und Dankbarkeit, was moderne Medizin leistet. In meinem Fall vor allem dies:

Legen und Pflegen eines peripheren Venenkatheters. Bei mir ein Zugang im Arm zur Applikation von Medikamenten. Sozusagen das medizinische Standard-Ladekabel, nur statt Strom fließt Medizin. Wurde erst 1950 erfunden. Frühe Vorläufer gab es immerhin schon im 17. Jahrhundert (unter Verwendung von Federkielen, Klistierspritzen und Blasrohren), und ab 1817 mit der Erfindung des Trokars.

Regelmäßige Penicillin-Gabe intravenös: Penicillin mit seiner antibiotischen Wirkung wurde bekanntlich vor 90 Jahren von Alexander Flemming entdeckt. Vorher: Leid und Tod. Pest, Cholera, Typhus – die Schrecken der Menschheit. Ebenfalls vorher: sehr skurrile Behandlungsmethoden. Tuberkulose hielt man für eine Erbkrankheit, die mit Frischluft behandelt wurde (Der „Zauberberg“ lässt grüßen). Gegen Syphilis verabreichte man Quecksilber.

Blutbild zur Bestimmung von Entzündungswerten: Jede Menge Informationen, die in der Klinik nach einer Stunde vorliegen: über Leukozyten, Erythrozyten, Thrombozyten, Hämoglobin und mehr. Früher gab’s zum Beispiel im Mittelalter die „Blutschau“: Nach dem Aderlass, den man ja sowieso bei jeder Gelegeheit angewendet hat, versuchte man aus Geruch, Geschmack, Farbe, Wärme und Konsistenz des Blutes Rückschlüsse auf die jeweiligen Krankheitsursachen zu ziehen. (Ach, was heißt früher – natürlich gibt es auch heute noch Heilpraktiker, die eine Blutschau nach Hildegard von Bingen anbieten.)

Ultraschall zur Untersuchung von Gewebe: Heute auf Knopfdruck verfügbar, gibt’s das auch erst seit den 1940er Jahren.

Und sonst so?

Liebling des Tages: Häuptling Silberlocke hat mich verlassen – es sei ihm mehr als gegönnt. Sein Nachfolger ist sehr, sehr alt und schläft viel, wofür ich großes Verständnis habe. Wenn er wach ist, sieht er nicht fern, er liest nicht, er daddelt auf keinem Smartphone oder Tablet rum. Er sitzt am Fenster – und schaut den Wald und die Berge an. Zehn, zwanzig Minuten lang. Mehrmals am Tag. Und er wirkt dabei zufrieden. Ich weiß, wie kitschig das klingt, und ja, manchmal stilisiere ich hier meine Geschichten ein bisschen, aber ich schwöre, das ist so und nicht anders.

Verpasst Aufgeschoben: Partnachklamm, Wanderung auf die drei Hörnle, Wein auf der Terrasse.

Gelesen: Frank Schätzing, Die Tyrannei des Schmetterlings. Hat mich sehr an die Bücher von Michael Crichton erinnert – Krimi plus Technologie -, kommt da aber nicht ran. Die Krimigeschichte ist solide, der ermittelnde Provinzsheriff sympathisch, die Hightech-Story um Künstliche Intelligenz und Paralleluniversen interessant … Aber im hinteren Drittel wird‘s doch sehr zäh und irgendwann war mir dann ziemlich egal, wer da gerade wen durch welche Variante des Planeten verfolgt. | SZ: Im Zeichen des Hashtags – eine Studie zeigt, dass Aufregerthemen auf Twitter wie #Aufschrei oder #MenAreTrash „nicht repräsentativ für den Stand der gesellschaftlichen Diskussion“ sind. „Twitterdiskurse repräsentieren demnach nicht, was die Allgemeinheit im Netz bewegt.“

Gesehen: Homeland, Staffel 6. Ich mag die Serie immer noch, auch wenn die Figuren und Konstellationen längst bekannt sind. Die ersten Folgen sind etwas zäh, dann nimmt die Staffel Fahrt auf. Gute und böse Spione, große Politik, kleine Schicksale – das war wieder mal sehr unterhaltsam. Hübsch eingebaut: Fake News, Breitbart & Co. Nur: Welcher Drehbuchschreiber hat Peter Quinn so zurichten dürfen? Das ist echt nicht nett.

Schlaf-Strategie: Schlafmangel plus Oropax. Eine Steigerung von vier auf fünfeinhalb Stunden Schlaf pro Nacht – nicht schlecht. „Man muss nur wenig genug geschlafen haben, um müde genug zu sein, um mehr zu schlafen.“ (Alte Weisheit nach Hildegard von Bingen oder so)

To be continued.

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7 Gedanken zu “Schlaflos in Garmisch (Klinik-Intermezzo 2)

  1. Weil Dir Homeland gefällt, könnte Dir auch The Blacklist gefallen …
    Ok, das klingt jetzt ein bisschen nach Amazon-Vorschlagsliste, aber könnte so sein – es sagen zumindest die Kritiker, dass es recht ähnlich ist.
    Mit einem herrlichen „Bösewicht“, der mit dem FBI kooperiert um reichlich Konkurrenten ans Messer zu liefern. Und einer Profilerin, die eine seltsam-innige Beziehung mit genanntem Bösewicht aufbaut. Ich will nicht zu viel Spoilern: Die vier Staffeln auf Netflix waren Ruck-Zuck weggeguckt. Und jetzt bezahlen wir je Folge 2,99 € an iTunes, um die 5. Staffel sehen zu können. Verrückt!

    Gefällt 1 Person

  2. Die arme Hildegard! Die hätte bestimmt eine Kur gegen böses Blut für dich gehabt. Glaube auch du daran, und der Placebo-Effekt wird dir einen zusätzlichen Tag Ferien schenken. Hauptsache: gute Genesung!

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