Was Kaffee trinken mit Ausbeutung zu tun hat

In einer globalisierten Welt hängt vieles mit vielem zusammen. Das nutzt dem Konsumenten, das fordert ihn aber auch, zumindest dann, wenn ihm die Folgen seines Handelns nicht völlig egal sind. Ein dramatisches Beispiel dafür liefert eines unserer Lieblings-Genussmittel: der Kaffee …

Denn so ein scheinbar simples Vergnügen wie eine Tasse Kaffee hat seinen Preis, und den zahlen nicht wir, sondern die Kaffeeproduzenten. Wie kann das sein?

Gewinnmaximierung und Ausbeutung

Einer aktuellen Studie zufolge werden mit Kaffee immer größere Gewinne erwirtschaftet. Allein in Deutschland ist der Umsatz mit zu Hause konsumiertem Kaffee in den letzten 20 Jahren um 139 Prozent gewachsen, es konnten Mehreinnahmen von 2,11 Milliarden Euro erzielt werden. Von dieser zusätzlichen Wertschöpfung profitieren aber ausschließlich Protagonisten am Ende der Lieferkette, also Röstereien und Händler. Bei den Kaffeeproduzenten am Anfang der Kette kommt davon absolut gar nichts an. Schlimmer noch: Sie mussten im gleichen Zeitraum Umsatzeinbußen hinnehmen.

Nochmal gefragt: Wie kann das sein? Der Grund liegt unter anderem in einer deutlichen Absatz- und Umsatz-Steigerung im Segment der Kaffee-Pads und -Kapseln, in dem einige Großkonzerne wie Nestlé deutlich mehr Wertschöpfung generieren können als bei einfachen Bohnen oder gemahlenem Kaffee. Mit anderen Worten: Wir geben immer mehr Geld für Kaffee aus, das landet aber ausschließlich bei Großkonzernen, die sich immer lustigere Methoden ausdenken, das Produkt zu verteuern (die allesamt nichts mit Qualität zu tun haben und zusätzlich die Umwelt belasten).

Die Kleinbauern am Anfang der Lieferkette haben hingegen mit allerhand Problemen zu kämpfen: den Folgen des Klimawandels (da Kaffeepflanzen sensibel auf Hitzestress und unberechenbare Niederschläge reagieren) und mit sinkenden Kaffeepreisen auf dem Weltmarkt (seit den frühen 80er Jahren sind die Preise um rund zwei Drittel gesunken! Bei der Durchsetzung stabiler, geschweige denn höherer Preise haben unzählige Kleinbauern gegenüber einem Oligopol von Lebensmittelkonzernen nun mal schlechte Karten …).

Infolgedessen hat also, um die Sache auf den Punkt zu bringen, Nestlé in den letzten Jahrzehnten seinen Gewinn maximiert, während sich das reale Einkommen der Kaffeebauern halbiert hat. Kaffee wird in armen Ländern möglichst billig eingekauft und dann in reichen Ländern möglichst sinnlos verteuert. So traurig einfach ist das.

Dramatische Folgen für Kaffeebauern

Die Folgen in Ländern wir Peru, Äthiopien, Kolumbien, Kenia und Honduras sind dramatisch: Familien, die Kaffee anbauen, leben in prekären Verhältnissen. Unter ihnen gibt es einen hohen Anteil an Analphabeten, ihre Verarmung befördert Migration, Drogenhandel und teilweise Kinderarbeit. Frauen sind am stärksten betroffen, sie leisten rund 70 Prozent der Arbeit bei Anbau und Ernte von Kaffe, dennoch erhalten sie meistens den geringsten Lohn.

Und wie kann eine Lösung aussehen? Die Frage lässt sich erstaunlich einfach beantworten: durch fairen Handel. Im fairen Handel gehen die Akteure der Lieferketten Verpflichtungen ein, damit die Kaffeebauern von ihrer Arbeit leben und langfristig kollektive Investitionen tätigen können. Dazu werden demokratisch organisierte Vereinigungen wie Genossenschaften gegründet, garantierte Mindestpreise festgelegt, Prämien für bestimmte Anbauformen gewährt und ähnliches. Solcher faire Handel kann zertifiziert werden, etwa durch das Fairtrade-Siegel. Bislang werden nur knapp 5 Prozent des Kaffees auf dem deutschen Markt fair gehandelt.

Die gute Nachricht für den deutschen Kaffee-Konsumenten: Er kann weiter ohne große Verrenkungen seinen Morgen-Kaffee trinken. Er muss nur eine Entscheidung treffen und sein Kauf-Verhalten ändern. Weg von qualitativ minderwertigem Discounter-Kaffee und Unmengen an Müll hervorbringenden Kapsel-Systemen, hin zu fair gehandeltem Kaffee. Solchen gibt es in hervorragender Qualität etwa bei Contigo oder Coffee Circle – ich schrieb schon mal darüber.

Es geht also: Kaffee genießen ohne Ausbeutung. Man muss es nur wollen und bezahlen.

Alle Informationen und Zahlen in diesem Beitrag stammen aus der Studie Kaffee: Eine Erfolgsgeschichte verdeckt die Krise – Studie über Nachhaltigkeit im Kaffeesektor.

6 Gedanken zu “Was Kaffee trinken mit Ausbeutung zu tun hat

  1. Ich gestehe: ich trinke seit Jahren Nespresso Kaffee. Mir gefällt das System und ich halte den Preis für akzeptabel. Wenn ich den Preis von Kapseln dem von einem Pfund Kaffee aus dem Supermarkt gegenüber stelle, dann ist der sicherlich um ein Vielfaches teurer. Aber ich bin einfach ein bequemer Mensch, der die Maschine anstellt, Kapsel rein und Knopf drücken möchte. Ich hatte vorher Vollautomaten (Katastrophe für Kleinverbraucher) und davor (schon lange her) selbst aufgebrüht / gefiltert. Die Menge passt genau und der Kaffee schmeckt mir. Die Kapseln gehen zurück an Nespresso und vertraue auf das Versprechen, dass das Aluminium recycelt wird und dass die Angaben, die Nespresso zur Nachhaltigkeit macht, stimmen (https://www.nespresso.com/de/de/thepositivecup/sustainable-coffee).
    Leider bin ich nicht der „Kaffeegenießer“ sondern in gewisser Weise der Koffein-Junky. Ich vermeide es, Kaffee für unterwegs zu kaufen bei Starbucks und Co. Damit vermeide ich zumindest Müll, der definitiv nicht recycelt wird.

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    • Die Nachhaltigkeitsprogramme der Konzerne werden in der Studie auch kommentiert. Es gibt wohl Parallelen zu Fairtrade, aber auch Abweichungen: „Vom Fairen Handel unterscheiden sie sich jedoch durch ihren Ansatz in Bezug auf wirtschaftliche Fragen: Während sie mit der Feststellung übereinstimmen, dass die Kaffeebauern unterbezahlt sind, vertreten sie die Ansicht, dass diese durch eine Steigerung der Produktivität ihren Lebensunterhalt besser verdienen können. Diese Organisationen fordern daher weder eine Preisregulierung noch eine Stärkung der Verhandlungsmacht der Erzeuger durch deren Zusammenschluss (sie sehen dagegen nicht systematisch ausgezahlte „Qualitätsprämien“ vor, die 3 bis 4 Mal niedriger sind als die Prämien des Fairen Handels).“ (Seite 20 in der Studie). Immerhin, der Druck der Verbraucher scheint schon etwas bewegt zu haben: „Die gesellschaftlichen Erwartungen der Verbraucher werden hauptsächlich in den sogenannten ausgereiften Märkten laut, wo die durchschnittliche Kaufkraft höher ist. Sie haben die großen Kaffeemarken beeinflusst, die heute mehrfach zertifiziert sind und/oder ihre unternehmenseigenen Nachhaltigkeitsprogramme haben.Beispielsweise war bei Starbucks 2017 fast der gesamte eingekaufte Kaffee zertifiziert, 90 % nach dem unternehmenseigenen Programm C.A.F.E. Practices und ca. 7 % nach dem Fairtrade-System. Bei Nestlé sind 75 % des Kaffees nach dem 4C-Kodex zertifiziert, 25 % nach dem internen AAA-Standard (von denen etwas mehr als die Hälfte das Rainforest-Label tragen) und 1 % von Fairtrade. JDE schließlich ließ 2014 50 % des eingekauften Kaffees nach dem 4C-Kodex prüfen und die andere Hälfte von UTZ oder Rainforest.“ (Seite 21)

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  2. Danke, dass Du dieses Thema auf die Agenda setzt. Es ist nicht ganz neu. Seit Jahrzehnten gibt es in den „Dritte-Welt- oder Eine-Welt-Läden“ die GEPA-Angebote zu Kaffee, Tee und Schokolade, frühere „Kolonialwaren“. Seitdem „Fairtrade“ in Lebensmittelmärkte wie Edeka oder Rewe eingezogen ist, hat sich der Umsatz leicht erhöht und ist doch immer noch viel zu niedrig. Dazu habe ich den Discounter Norma angeschrieben und nach fairem Kaffee gefragt. EIne umgehende Antwort lautete, sie arbeiten an einem Kaffee-Angebot aus fairer Produktion. Wie auch in anderen Bereichen ist mittlerweile die Anzahl und Aussagekraft von Zertifikaten und Siegeln für Verbraucher kaum mehr überschaubar. Die Forderung nach einer fairen Weltwirtschaftsordnung mit globalen sozialen und ökologischen Standards ist seit geraumer Zeit abgelöst worden durch bilaterale Freihandelsabkommen. Nicht nur beim Kaffee befürworte ich die Regulierung auf internationaler, europäischer oder auch nationaler Ebene – sowohl in bezug auf Sozial- und Umweltstandards wie auch auf die Besteuerung transnationaler Konzerne wie Nestlé oder Starbucks. Dies könnte den Kaffeebauern und ihren Genossenschaften helfen sowie kleinen alternativen Händlern, Röstereien und Anbietern. Ich freue mich über Cafés, Kantinen und Lokale, die fairen Kaffee ausweisen.

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  3. Dem braucht man nichts hinzuzufügen!

    Meine Eltern haben früher den Kaffee selber mit der handbetriebenen Kaffemühle (50er – 70er Jahre) gemahlen. Das Mahlen war für uns kleine Kinder immer eine besondere Freude. Das eigenhändige Mahlen gehört einfach mit zum Genuss des Kaffees.

    Dass diejenigen, die den Kaffee anbauen, auch die Nutznießer desselben bezüglich des Entgeltes sein sollten, sollte eigentlich selbstverständlich sein! Leider ist das System nicht so gestrickt!

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  4. In der Zwischenzeit ist tatsächlich ein Bio-Fairtrade-Kaffee bei N. eingetroffen. Als ich das Angebot erstmals sah, war der Karton bereits leergekauft. Beim nächsten Besuch bestaunte ich die Kilo-Packung ganze Bohne. Also kommt wohl, wie der vorherige Kommentar erinnert, die mechanische Kaffeemühle wieder zur Geltung.

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