Lebensmittelverschwendung – ein Experiment

In letzter Zeit mehren sich die Schlagzeilen rund ums Thema weggeworfene Lebensmittel. Höchste Zeit, mal einen Blick aufs eigene Verhalten zu werfen …

Die Zahlen sind schon beeindruckend: Laut dem jüngsten Ernährungsreport des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft werden in Deutschland pro Kopf und Jahr 55 Kilogramm Lebensmittel weggeworfen – und zwar nur im eigenen Haushalt. Das macht 4,4 Millionen Tonnen weggeworfene Lebensmittel in den deutschen Privathaushalten. Es gibt Schätzungen, nach denen in den deutschen Supermärkten weitere 18 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen werden.

Lebensmittel-Wegwerf-Verbot

Unterdessen ist das „Containern“, also das Mitnehmen weggeworfener Lebensmittel aus Supermarkt-Mülltonnen in Deutschland verboten. Der Fall zweier Studentinnen, die das gemacht haben, landete vor Gericht, sie wurden zu gemeinnütziger Arbeit verurteilt. Anders sieht es in Frankreich, Italien oder Tschechien aus. Dort ist es Supermärkten verboten, Lebensmittel wegzuwerfen. Sie müssen stattdessen an Tafeln oder andere gemeinnützige Organisationen abgegeben werden.

Bis 2025 soll die Menge an Lebensmittelabfällen in Deutschland übrigens um 30 Prozent sinken, so sieht es eine EU-Richtlinie vor. Die Bundesregierung setzt einmal mehr auf das Prinzip Freiwilligkeit, um dieses Ziel zu erreichen. Man darf etwas skeptisch sein, ob das funktionieren wird.

27 Kilo Lebensmittel-Abfall pro Kopf und Jahr …

Quelle: Statista

Aber kommen wir zurück zu uns selbst, den Privathaushalten und den dort weggeworfenen Lebensmitteln. Die oben genannten 55 Kilo pro Kopf und Jahr aus dem BMEL-Ernährungsreport basieren auf einer GfK-Studie, für die 7.000 Haushalte ihre Lebensmittelabfälle systematisch notiert haben. Rund die Hälfte dieser Abfälle besteht aus Lebensmitteln, die nicht zum Verzehr geeignet waren, also zum Beispiel aus Knochen und Kernen. Bleiben immerhin noch 27 Kilo pro Kopf an Lebensmitteln, die man wirklich hätte essen können. Gründe fürs Wegwerfen sind vor allem Haltbarkeitsprobleme (das berüchtigte Mindesthaltbarkeitsdatum …), zu groß bemessene Portionen und falsche Mengenplanung beim Einkauf.

All diese Infos haben mich dazu gebracht, selbst mal zu notieren und nachzurechnen, wie viele Lebensmittel wir bei uns im Haushalt wegwerfen. Wir sind zu fünft, macht bei 27 Kilo „Lebensmittelmüll“ in Summe 135 Kilo Lebensmittel, die wir pro Jahr wegwerfen – wenn wir dem Durchschnitt entsprechen. Ganz ehrlich: Das wäre schrecklich und ich konnte mir das einfach nicht vorstellen.

… oder nur 1,2 Kilo im Selbstversuch?!

Wir haben also 6 Wochen lang aufgeschrieben, was wir weggeworfen haben. Ergebnis: 750 Gramm Lebensmittel. Aufs Jahr hochgerechnet wären das rund 6 Kilogramm Lebensmittel für die ganze Familie oder 1,2 Kilogramm pro Kopf.

Das Ergebnis fand ich dann doch sehr überraschend, vor allem im Vergleich zum statistischen Durchschnittswert von 27 Kilogramm. Einerseits gut für uns: Wir werfen offenbar sehr wenig weg. Andererseits heißt das, dass anderswo noch sehr viel mehr weggeworfen wird, sonst käme der Durchschnittswert ja nicht zu Stande.

Ich bin hier weit davon entfernt, uns für vorbildlich halten zu wollen. Aber woran liegt es, dass andere so unfassbar viel mehr wegwerfen als wir? Ich glaube, es gibt dafür mehrere Gründe:

Beobachten und Verhalten ändern

Erstens: Sobald man beginnt, sein Verhalten zu reflektieren – in diesem Fall: die weggeworfenen Lebensmittel zu notieren , beginnt man es zu verändern. Kaum lag die auszufüllende Liste in unserer Küche, haben wir versucht, möglichst wenig darauf schreiben zu müssen. Natürlich auch um kein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Das Gute dabei: Wir mussten uns gar nicht groß verbiegen und tagelang unter Qualen uralte Lebensmittel essen, nur um sie nicht wegzuwerfen. Wir haben nur zügig unser Einkaufs- und Verbrauchsverhalten angepasst. Was uns zu Punkt 2 bringt.

Denn zweitens kaufen wir ohnehin schon ziemlich oft und ziemlich frisch ein. Supermärkte gibt es ganz in der Nähe. Statt eines monatlichen Großeinkaufs holen wir alle zwei Tage das, was wir kochen und essen möchten, und zwar natürlich in ziemlich kleinen Mengen. Dadurch behält man auch gut im Blick, was noch da ist und was wirklich benötigt wird.

Drittens schauen wir tatsächlich, wie wir die noch vorhandenen Lebensmittel verarbeiten können, bevor wir neue kaufen. Altes Brot? Landet im toskanischen Brotsalat oder wird zu Knödeln verarbeitet. Zitronen übrig, die schlecht werden könnten? Aus denen machen wir Zitronensirup. Und so weiter. Ist echt kein Hexenwerk.

Drei hungrige Teenager …

Viertens haben wir das Experiment im Winter gemacht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir im Sommer etwas mehr Obst und Gemüse wegwerfen, weil die Sachen einfach weniger lange halten.

Fünftens sind wir zurzeit in der speziellen und glücklichen Situation, drei hungrige Teenager zu Hause zu haben. Die essen gut, gerne und viel. Wenn mittags etwas übrig bleibt, streifen sie spätestens abends durch die Küche auf der Suche nach Resten. Und sie essen zum Glück nicht nur Süßigkeiten (die natürlich auch), sondern auch jede Menge Obst und eben auch (fast) alles, was wir kochen. Aus früheren Zeiten wissen wir, dass es Familien mit kleinen Kindern da deutlich schwerer haben, dort gibt es ständig Reste, die man irgendwann wegwerfen muss oder die als Zusatzkalorien auf den Hüften der Eltern landen („Na gut, dann ess ich das halt auf …“). Das bestätigt übrigens auch die GfK-Studie: In Haushalten mit Kindern werden überproportional viele Lebensmittel weggeworfen.

Fazit aus all den Zahlen und unserem persönlichen Experiment: Kein Mensch muss 27 Kilo Lebensmittel pro Jahr wegwerfen – die Zahl ist in jedem Fall irrsinnig hoch. Ein paar Abfälle gibt es immer, bei uns vor allem Obst, Gemüse und Milchprodukte. Die besten Mittel, um die Menge in den Griff zu bekommen, sind ein kritischer Blick aufs eigene Verhalten – und hungrige Teenager ;-)

5 Gedanken zu “Lebensmittelverschwendung – ein Experiment

  1. Respekt für die methodische Herangehensweise an dieses Thema.
    Im Junggesellen-Haushalt stellt sich mangels hungriger Raubtiere Einkauf, Lager und Verbrauch etwas anders dar. Oft zu große Packungen oder Gebinde. Anfang dieses Winters musste ich öfter Apfelsinen entsorgen, die bereits ganz kurz nach dem Kauf vergammelten und verschimmelten (waren sie nicht teilweise zur besseren Haltbarkeit behandelt? Passiert auch bei unbehandelten Früchten. Statistisch: zählt dies nun zu „frischen“ Lebensmitteln, wenn sie erkennbar nicht mehr frisch und genießbar sind?). Jetzte nehme ich Einzelstücke, spare die Plastikverpackung und genieße.
    Beste Grüße

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  2. Das ist ein Thema, dass mich auch beschäftigt. Toll, wie du das aufbereitet hast. Meine Frage, was heißt wegschmeißen… wenn bei uns z.B. Brot nicht gegessen wird, landet es nicht im Müll, sondern ich lege es zu einen Zeitpunkt an die Luft, wo noch kein Schimmel sein Werk beginnen konnte. Das harte Brot gebe ich es an einem Pferdehof. Kleine Reste von Salat oder Gemüse in Mahlzeiten landen bei den Hühnern meiner Nachbarin. Auf dem Land hat man viel mehr Möglichkeiten, für eine letzte sinnvollere Verwendung von Lebensmitteln, sollten Sie übrig bleiben. Am allerwichtigsten ist, und da bin ich ganz bei dir, das Bewusstsein zur Verwendung der richtigen Menge beim Einkauf zu schaffen. Gar keine einfache Aufgabe in unserer Überflussgesellschft.

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  3. Vielen Dank für den Bericht. Ich denke, die hohe Zahl des Gesamtdurchschnittes kommt daher, dass eben nicht nur Familien Lebensmittel vernichten, sondern auch Gaststätten und große Firmen. Ich habe mal gesehen, wie in einer Bio-Gasanlage die abgelaufenen Pizzas eines großen Herstellers entsorgt wurden. Und das dürfte kein Einzelfall gewesen sein. Ich erinnere mich an meine Kindheit: Da ist nichts noch Essbares weggeworfen worden. Das wäre ein schwerer Frevel gewesen. Da waren Lebensmittel und das Geld dafür halt noch knapp. Schlimm war, wenn ich das Blaukraut, das ich nicht mochte, zum dritten Mal aufgewärmt vorgesetzt bekam.

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  4. Ich finde, wir sollten es wie in Frankreich machen. Dort ist, wie hier beschrieben
    1. Containern erlaubt und
    2. dürfen keine Lebensmittel weggeworfen werden.
    Das MHD sollte man kritisch betrachten. Ich hatte hier z.B. ein sogenanntes Fitnessbrot (Vollkorn-Schnittbrot) mit MHD 1.März. Am 20. März geöffnet, begutachtet ……und wird verwendet. DIeses Brot war allerdings ständig kühl gelagert. Es gibt viele gute Tips, wie man Lebensmittel, wie z.B. Bananen, länger frisch halten kann und sie funktionieren auch recht gut. Selbst Bananenschalen haben im Garten noch eine Verwendung!

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