Zum Stand der Digitalisierung in Deutschland (5): Die Angst vor Alexa

Wenn wir uns mit dem Thema Digitalisierung beschäftigen, müssen wir auch einen Blick darauf werfen, wie in Deutschland über Digitalisierung geredet und geschrieben wird. Das ist nämlich einigermaßen bezeichnend …

Heute morgen schlug ich meine regionale Zeitung auf (stimmt natürlich nicht: Ich öffnete die Zeitungs-App auf meinem iPad) und musste von einer schrecklichen neuen digitalen Bedrohung lesen. „Was macht Alexa mit Kindern?“, lautete die unheilschwangere Headline, und ohne den halbseitigen Artikel gelesen zu haben, ahnte man schon: bestimmt nichts Gutes!

Und siehe da, es droht Ungemach in den deutschen Wohnstuben: Kinder könnten, wenn sie Sprachassistenten wie Alexa nutzen, „persönliche Informationen preisgeben oder mit ihrer Stimme Inhalte abrufen, die für Minderjährige nicht geeignet sind.“

Alter Verwalter! Das ist wirklich schlimm und dürfte Eltern (wie mich) sehr überraschen, die ein Gerät ins Zimmer stellen, das auf Sprache reagiert. Welche persönlichen Daten oder Inhalte genau gemeint sein könnten, darüber schweigt der Artikel. Vielleicht erzählt das Kind Alexa, dass sich Mami und Papi nicht mehr so lieb haben wie früher (persönliche Informationen!)? Oder es fragt Alexa , was genau eigentlich Kamasutra ist (ungeeignete Inhalte!)? Man weiß es nicht.

Alles in allem scheint Alexa als internetfähiges Gerät also all die Risiken mit sich zu bringen, die jedes internetfähige Gerät mit sich bringt: Man weiß nicht so recht, was mit den eigenen Daten passiert, und bekommt gelegentlich Informationen, die man gar nicht haben wollte. Gut möglich, dass jedes Smartphone diese Risiken mit sich bringt, das heutzutage bekanntlich in fast jedem Kinderzimmer eine Heimat hat, aber eine Meldung über gefährliche Smartphones löst heute allenfalls noch ein belustigtes Gähnen aus.

Wie also kommt so eine absolute Null-Meldung in meine Zeitung? Ganz einfach: Ein fraktionsloser Bundestagsabgeordneter hat beim wissenschaftlichen Dienst des Bundestags angefragt, ob es zulässig ist, dass Alexa das macht, was sie macht (Spracheingaben, also Daten verarbeiten). Dazu muss man wissen: Jeder Abgeordnete kann dem wissenschaftlichen Dienst des Bundestags Fragen stellen und die Kollegen recherchieren dann und versuchen die Fragen zu beantworten. Das ist nichts Besonderes.

Das Ergebnis der Recherche: Amazon hält sich – Überraschung! – an die Bestimmungen der DSGVO. Komisch, dass diese Erkenntnis es nicht in die Headline des Artikels geschafft hat. Allerdings gebe es das oben geschilderte Problem bei der Nutzung durch Kinder. Und darüber hinaus könne es sein, dass eines Tages mal Daten aus der Amazon Cloud gestohlen werden, nobody knows.

Mit anderen Worten: Diese Meldung ist ein Witz. Neuigkeitswert: null. Aufregungspotenzial: eigentlich auch null, es sei denn man gibt der Geschichte einen bestimmten Dreh und raunt, dass diese Facette der Digitalisierung eine Gefahr für unsere Kinder sei. Nebenbei erwähnt: Wenn es nichts Neues gibt, muss man so eine Geschichte halt mit ollen Kamellen anreichern: zum Beispiel mit einer Datenschutzpanne aus dem Jahr 2018; oder indem man den Hamburger Datenschutzbeauftragten Johannes Casper zu Wort kommen lässt, der natürlich „empört“ ist. (Johannes Casper ist so was wie der Manfred Spitzer der Datenschützer: Alles Digitale ist schrecklich! Daher hat er auch schon vor Jahren dafür gesorgt, die Älteren erinnern sich, dass Google Streetview Häuserfassaden verpixeln muss, ein ganz wesentlicher Beitrag zum Wohle der Menschheit.)

Aber halt, vielleicht hat ja nur die Redaktion meiner Lokalzeitung das Thema unnötig aufgeblasen? Äh, nein:


Auch die FAZ fragt. Ist ja nur eine Frage und noch keine Festlegung. Hauptsache, die Reizwörter Alexa, Kinder und Gefahr stehen in der Headline.

Gefahr. Und keine Frage mehr.

Warum fragen, wenn man gleich appellieren kann, dachte man sich bei der Deutschen Welle …

„Warnung“ kommt auch gut.

Wenn Experten warnen, ist das natürlich noch besser.

Äh, nein, Brigitte. Nicht der Bundestag warnt, sondern der wissenschaftliche Dienst des Bundestags. Kleiner, aber feiner Unterschied, ob ein paar Angestellte beim Bundestag oder das Plenum mit 709 Abgeordneten das tun. (Und er warnt ja auch eigentlich nicht, sondern hat ein Gutachten geschrieben.) Aber gut, da hat der Brigitte-Praktikant nicht aufgepasst, ist bestimmt ein Einzelfall …

(Oder auch nicht.)

Das alles ist halb kurios und halb bezeichnend für die Digitalisierungsfeindlichkeit in deutschen Redaktionen und damit mittelbar in Teilen der vermeintlich informierten deutschen Öffentlichkeit. Spracherkennung und -steuerung ist eines der spannendsten Innovationsthemen überhaupt, zeichnet sich doch hier ein Paradigmenwechsel ab, wie wir künftig mit digitalen Devices interagieren. In nicht wenigen auch deutschen Unternehmen wird mit Hochdruck daran gearbeitet, wie man von diesem Wechsel profitieren kann.

In den deutschen Redaktionen hingegen wird Trübsal geblasen. Schon schlimm, was Alexa mit unseren Kindern anstellen kann. Schon schlimm, diese Digitalisierung.

Mehr zum Thema hier im Blog

Zum Stand der Digitalisierung in Deutschland (4): Technologie und Milchkannen

Zum Stand der Digitalisierung in Deutschland (3): Lagebericht 2018

Zum Stand der Digitalisierung in Deutschland (2): Hilflos im Auto

Zum Stand der Digitalisierung in Deutschland (1): Unterwegs im Internet

3 Gedanken zu “Zum Stand der Digitalisierung in Deutschland (5): Die Angst vor Alexa

  1. Die eigentliche „Gefahr“ besteht bei uns darin, dass ich mich auf den Genuss meiner Lieblingslieder einstimme und dann das Stimmchen von K2 (3 Jahre) vernehme, die stattdessen lieber die Affen nach der Kokosnuss fahnden lässt… 😄

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